Bauers Depeschen


Montag, 20. August 2012, 964. Depesche


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SOUNDTRACK DES TAGES



TAGEBUCHEINTRAG

Virus-Tipp bei Hitze: Mach ihn kalt.



10 %

Ich prüfe meinen Computer und rechne: Würden sich zehn (10) Prozent meiner täglichen Homepage-Gäste eine (1) Eintrittskarte zu zwöf (12) Euro für unseren nächsten Flaneursalon besorgen, wären wir aus dem Schneider. Unglücklicherweise denken hundert Prozent: Die zehn Prozent werden sich schon melden, da braucht man nicht ausgerechnet mich. Trotzdem: Wir sind am Dienstag, 25. September, im Speakeasy, Rotebühlplatz 11. Mit dem Rapper Toba Borke und seinem Beatboxer Pheel, mit Zam Helga, Dacia & Bridges & Friend. 20.30 Uhr. Vorverkauf Di - Sa im Plattencafé Ratzer im Leonhardsviertel (neben dem Burunnenwirt) - und im Internet: EVENTBÜRO



Aus meinen Beständen:



FRÜHSTÜCK

Diese Zeilen handeln von einer Zeit, als das Frühstücken noch geholfen hat. Als dieses Ritual nur selten der Nahrungsaufnahme diente. Schließlich herrschte, ehe in den achtzigern Jahren Sterne-Köche zu Popstars aufstiegen, die soziologische Erkenntnis: „Intelligenz säuft, Dummheit frisst.“

In den Siebzigern schossen die Szenekneipen aus dem Boden, und mit diesen schlecht geführten Spermüll-Läden wurde Frühstücken cool. Coole Szenespelunken servierten Frühstück bis morgens um sechzehn Uhr. Der Kaffee-und-Brötchen-Kult boomte dank der vielen Wohngemeinschaften. Am WG-Küchentisch versammelte sich das Zentralkomitee samt seinen Trittbrettfahrern, die zum Pennen gekommen waren. Ein WG-Mitglied hatte gegen Mittag für ein gutes Morgenmahl zu sorgen: fette Wurst, Stinkekäse, klebriges Müsli. Die meisten Tafelritter allerdings hatten keinen Appetit, sie waren erst im Morgengrauen nach Hause getorkelt.

Viele frühstückten allein aus schlechtem Gewissen.

Ich erinnere mich, wie ich in den Achtzigern das Berliner Kabarett-Genie Wolfgang Neuss in seiner Charlottenburger Wohnung besuchen durfte. Ich kam im Schlepptau des Komikers Günter Thews von den 3 Tornados. Günter hatte mir zuvor die Verhaltensregeln eingetrichtert. Wir trafen uns in einem Café, Neuss erwartete schweigend von jedem Besucher, das üppigste Frühstück des Hauses zu bestellen. Wer es nicht tat, war unten durch. Neuss selbst frühstückte nämlich nie, das hatte mit seinem Mantra zu tun: „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen.“ Gewohnt, dass Typen wie Ketten-Peter, Pistolen-Manne und Lord Knut die Dinge für ihn regelten, mussten andere auch für ihn essen.

Selbst in Stuttgart hatte Frühstück mal mehr zu bedeuten als Weichei mit Filterkaffee. Bis Mitte der Achtziger mussten die Kneipen um Mitternacht schließen, ausgenommen ein paar Discos und Rotlicht-Kaschemmen. Es war harte Arbeit, die Nächte durchzumachen. Nur Säufer, Hurenböcke und andere Gutmenschen besaßen genügend Geheimwissen, lebensgefährliche Nachschubprobleme zu vermeiden. In der Altstadt ging es von der Weinstube Widmer (geöffnet bis 2 Uhr) über den Brunnenwirt (3 Uhr) rüber zur Disco AT am Hirschbuckel (4 Uhr). Danach landete der harte Kern in der Strip-Bar Balzac (heute Champain) beim Rathaus. Wenn uns der Boss, Herr Edelzweig, um fünf an die frische Luft setzte, drohte der GAU: Die wenigen Frühlokale öffneten erst um sechs. Schlimm war das im Winter; auch der Winter war früher härter.

Wichtigste Auffangstation war das Café Schmälze, die Stube der gleichnamigen Bäckerei an der Hauptstätter Straße. In einem Hinterzimmer mit Bienenkorb-Intimität knipste Helga, die herzensgute Chefin, um sechs die Lichter an. Zuvor hatte der Bäckermeister Georg gute Brezeln zubereitet, nicht dieses Industriezeugs aus den Pappkartons. Nebenbei rettete er den Mondsüchtigen das Leben: Auf Klopfzeichen reichte er schon vor sechs heiße Schinkenhörnchen aus der Backstube.

Im Schmälze versammelten sich Professoren und Penner, Reiche und Arme, große Dichter und kleine Lichter, alle in der Absicht, die Welt zu retten, sie aus den Angeln zu heben oder den welthaltigen Roman zu schreiben. Das Café blieb immer unbeschadet, auch wenn die Altstadtguerilla auf den Tischen tanzte, bevor Beziehungen in die Brüche gingen und dank der Schmälzes wieder gekittet wurden. In solchen Stunden war die Freiheit groß und Schmälzles Wohnzimmer neutrales Gelände. Jeder Gast genoss Immunität. Keine Polizeistreife, im Viertel nur „Schmier“ genannt, wäre auf die Idee gekommen, einen der üblichen Verdächtigen oder gar einen Obdachlosen auf dem Hoheitsgebiet der humanen, toleranten Bäckerfamilie festzunehmen.

Es gab neben dem Schmälze weitere Frühstückszentren, etwa die Kaschemme Schiller am Leonhardsplatz. Wirtin Annie servierte morgens um sechs ihre Fleischsuppe, eine unvergessliche Auferstehungsbrühe. 1997 ist Annie mit 99 gestorben. Der Schiller wurde unlängst umgebaut.

An Silvester 2011 haben die Schmälzles ihre Bäckerei für immer geschlossen. Die Zeit des gehobenen Frühstücks unter den Freunden des ewigen Absackers war vorbei. Heute sitze ich manchmal im Café Königsbau, es öffnet um zehn. Ich schaue hinunter auf den Schlossplatz und hinauf zur Fahne der Villa Reitzenstein. Ein paar Penner aus den Regierungsparteien saßen einst mit am Frühstückstisch. Begriffen haben sie nichts.



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