Bauers Depeschen


Dienstag, 17. Juli 2012, 948. Depesche


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NÄCHSTER FLANEURSALON am Dienstag, 25. September, im Club Speakeasy, Rotebühlplatz 11. Mit Toba Borke & Pheel, Zam Helga, Dacia Bridges & Alex Scholpp.



SOUNDTRACK DES TAGES



NOTIZ

Der Umgang der Staatsanwaltschaft mit Stuttgart-21-Gegnern wird in der gestrigen Depesche (16. Juli) dokumentiert, diesen Beitrag haben von Montag- bis Dienstagmorgen rund 1000 Homepage-Besucher gelesen. Zum gleichen Thema ist heute in meiner StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt" dieser Text erschienen:



HAUSDURCHSUCHUNG

Stuttgarts einzigartige Topografie erinnert an eine Rutschbahn-Landschaft mit einem von Stadtautobahnen zerklüfteten Bodensatz namens Innenstadt. Diese Bild hat mich im Lauf der Zeit dazu gebracht, mich dem Kesselinneren immer vorsichtiger zu ­nähern. Die Stadt zum besseren Verständnis erst mal von oben und außen zu betrachten.

Neulich habe ich vom Grab des im Dezember 2010 verstorbenen Schriftstellers Peter O. Chotjewitz auf dem Dornhaldenfriedhof berichtet, seine 2011 erschienene Biografie erwähnt: „Mit Jünger ein Joint aufm Sofa, auf dem schon Goebbels saß“. Im ersten Kapitel taucht eine Stelle auf, die so ähnlich seit Jahrzehnten immer wieder irgendwo zu lesen ist: „Seit fünfzehn Jahren lebe ich jetzt in Stuttgart . . . Davor haben wir in Köln gelebt. Die Kölner sagten: Wie kann man nur nach Stuttgart ziehen? Es hat sich bald gezeigt, dass das kein Vorurteil der Kölner war, sondern dass auch anderswo kein Mensch versteht, wie man in Stuttgart leben kann. Alle fragen mich: Wie kann man nur in Stuttgart leben?“

Der Verdacht, Chotjewitz sei ein Stuttgart-Verächter gewesen, wäre falsch. Er hat die Stadt gemocht: „ . . . ich weiß genau, dass ich mich in Berlin nicht besser fühlen würde.“ In Berlin ist er geboren.

Fast immer hat die Abneigung gegen Stuttgart mit der Furcht vor Langeweile zu tun. Um dieses Problem zu lösen, hat man Marketing-Manager erfunden, und seit es die gibt, hat selbst der größte Stuttgart-Liebhaber Angst, versehentlich auf dem Hosenboden die Hügel runterzurutschen.

Der städtische Marketing-Chef Dellnitz, seit 2009 im Amt, hat neulich in der StZ seine Annäherung an Stuttgart so formuliert: „Die Stadt hatte für mich etwas sehr typisch Deutsches mit einer hohen Qualität. Diese Sicht war auch geprägt durch Porsche und Mercedes. Als Eigenschaften des Produkts Stuttgarts, mit dem ich mittlerweile arbeite, schätze ich das sehr.“

Im Wissen, dass „mittlerweile“ einer mit diesem ­Reklame-Horizont die Ware Stuttgart bearbeitet, möchte man über die Hügel flüchten und sich ins Meer stürzen.

Etwas über die wahren Eigenschaften des Spitzenprodukts Stuttgart lässt sich im „Spiegel“ nachlesen. Das aktuelle Heft widerlegt alle Ängste, die Stadt sei lang­weilig. Erst stößt der Leser auf fünf Seiten über den EnBW-Skandal mit dem früheren Ministerpräsidenten Mappus und dessen Banker Notheis, eine Beziehung zwischen Mündel und Vormund. Wenige Seiten später findet sich die nächste Stuttgarter Produkt­werbung, auch die vom Feinsten. Es geht um die Hausdurchsuchung bei dem ehemaligen Staatsanwalt und Vorsitzenden Richter am Landgericht, Dieter Reicherter, 64. Seitdem der Mann den Polizei-Angriff auf Demon­stranten am „Schwarzen Donnerstag“ erlebt hat, ist er Stuttgart-21-Gegner; am 30. September jährt sich die Wasserwerferschlacht im inzwischen ab­geholzten und eingezäunten Schlossgarten zum zweiten Mal.

„Der Spiegel“ schreibt: „Das Vorgehen gegen den unbequemen Richter im Ruhestand passt zu einer Reihe aggressiver­ ­Ermittlungen gegen Bahnhofskritiker. Es scheint, als arbeite sich der Staat an Bürgern ab, die sich in den Weg stellten, als handelten die Staatsdiener aus Wut auf die Wutbürger.“ Neu ist: Staatsdiener verfolgen jetzt auch ehemalige Staatsdiener.

Der Richter a. D. hat eine Erklärung zu seinem Fall veröffentlicht. Sein Haus wurde Ende Juni in seiner Ab­wesenheit von der Polizei durchsucht, die Staatsanwaltschaft ließ Computer und ­Notizen beschlagnahmen. Reicherter schreibt: „Anlass für die Aktion war, dass ich mich am 24. 2. 2012 aus Sorge um die Missachtung der Bürgerrechte durch Sicherheitsorgane des Landes Baden-Württemberg und des Bundes an die Öffentlichkeit ­gewandt und darauf hingewiesen hatte, dass die neue grün-rote Landesregierung die Praxis der alten Regierung fortführt, im Zusammenhang mit dem Projekt Stuttgart 21 friedliche Bürger­innen und Bürger unter Einschaltung des Verfassungsschutzes zu bespitzeln und in sogenannten Gefährdungslagebildern zu erfassen. Selbst ­Gottesdienste, aber auch Aktionen von Befürwortern des Projekts, werden samt den Daten der Veranstalter als Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung auf­gelistet.“

Mehr ist dazu nicht zu sagen.



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