Bauers Depeschen


Dienstag, 03. April 2012, 884. Depesche



NOTIZ (I)

Am Montag hat die Berliner "Tageszeitung" (taz) ein ausführliches Interview mit dem grünen Stuttgarter OB-Kandidaten Kuhn veröffentlicht. Leider habe ich keine einzige Zeile entdeckt, die es wert wäre, zitiert zu werden. GÄÄÄHN (taz-Sprache).

Unterdessen hat der Kandidat Turner, die handliche Propagandasäule der CDU, dem grünen Konkurrenten ein Paar Schienbeinschützer geschenkt. Ich schätze, er hält diese Männerdusche-Metaphorik für originell, oder wie Reklametypen sagen: für eine "Idee". "Ideen" bietet Turner inzwischen auch politischen Gegnern an, stets mit dem Hinweis, seine Reklameagentur habe mit seinen Ideen auch schon mal die taz gerettet. Dabei weiß keiner, ob ein Produkt WEGEN oder TROTZ Werbung überlebt.

Mit dem OB-Wahlkampf, wenigstens dies lehrt uns die Proll-Reklame, muss man sich bei der für unsere Demokratie typischen Kandidaten-Auswahl in Zukunft nicht näher beschäftigen, jedenfalls nicht zur Meinungsbildung: ICH BIN DOCH NICHT BLÖD.

Was uns bleibt, ist eigene Sachen zu machen, das Große und Ganze im Auge zu behalten und Stuttgart 21 samt allen Auswüchsen auf dem Immobilien- und Spekulantenmarkt als Lehrstück für die politisch-wirtschaftlichen Machenschaften zu betrachten. Die Demonstrationen gegen den Ausverkauf und die Zerstörung der Stadt gehen weiter, montags auf dem Marktplatz, und in Zukunft werden weitere Aktionen stattfinden.



NOTIZ (II)

Gelegentlich erscheint es etwas unlogisch, die Texte meiner StN-Kolumne auf diese Seite zu stellen. Allerdings weiß ich nie, wann die Artikel StN-online wandern. Der Text der jüngsten Samstagausgabe war noch am Sonntagabend nicht StN-online zu finden ... bis dahin hatten die Flaneursalon-Seite schon etliche Hundert Besucher angeklickt. Muss mal überlegen, wie ich das in Zukunft mache, den heutigen Text poste ich wieder hier. Außerdem freue ich mich über Beiträge im Lesersalon. Tipps helfen weiter, diese Seite zu füttern. Leider aber ist für die werte Kundschaft Geben etwas mühevoller als Nehmen, und leider habe ich nicht so viel Zeit und Energie, neben meiner Arbeit TÄGLICH die Homepage zu beackern (als ich diese Zeilen tippe, ist es fünf am Morgen). Eigentlich wurde diese Webseite ja allein in der schweinischen Absicht eingerichtet, Flaneursalon-Veranstaltungen zu bewerben und das hochverehrte Publikum zum Kauf von Eintrittskarten zu verführen:



BLAUE NACHT: WIRKLICH ALLERLETZTE KARTEN

Am Ostersamstag, 7. April, steigt in der Werkstattbühne des Stuttgarter Autohauses ALBRECHT & DEFFNER am Olgaeck unsere „Blaue Nacht“, der garantiert werbefreie Abend für Freunde der Stuttgarter Kickers (und nicht nur für Fußballfans). Stargast ist der Ruhr-Poet und Kabarettist Fritz Eckenga; es ist mir eine Ehre, ihn in der Stadt zu begrüßen. Musik machen Roland „Countryboy“ Baisch und sein Gitarrenspieler Frank Wekenmann. Die Spielstätte ist Stuttgarts ältestes Autohaus, in diesem Gebäude hat einst Clara Zetkin gewohnt. Ich kenne den Ort und habe dort bereits mit dem Flaneursalon gute Erfahrungen gemacht. Es gibt noch wenige Karten. Tel 07 11 / 23 99 30.



FLANEURSALON IN OSTHEIM

Der nächste Flaneursalon findet am Mittwoch, 9. Mai, im historischen Wirtshaussaal der Friedenau in der ehemaligen Arbeiterkolonie Stuttgart-Ostheim statt. Es spielen Stefan Hiss, Roland Baisch, Anja Binder & Jens-Peter Abele. 20 Uhr. Karten: 07 11 / 2 62 69 24.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die neue StN-Kolumne vom Dienstag:



DER SCHMIERFINK

Der Fußballpräsident Gerd Mäuser, 54, hat neulich bei einer Talkrunde in einer Hochschule für Medien Sportjournalisten als „Schmierfinken“ gewürdigt. Gemeint hat er nicht unbedingt Reporter, die sich selbstlos um Bändergymnastik, Synchronschwimmen und Tauziehen verdient machen, sondern solche, die sich „vollzeitbeschäftigt“ (Mäuser) an die Triumphe des VfB hängen.

Herr Mäuser war früher als Vollzeitkraft beim Automobilhersteller Porsche tätig, hat also ein Verhältnis zur Schmiere. Zum einen spielt das Verb „schmieren“ auf dem globalen Markt eine tragende Rolle, etwa bei Firmenfusionen, Aktiendeals und Auftragsvergaben. Zum anderen ist es im handwerklichen Bereich verankert. Im Motorsport beispielsweise schmiert voll ab, wer wie Mercedes mit Herrn Schumacher in der Formel 1 antritt.

Motorsport-Veteranen kennen noch den wunderschönen Begriff „Schmiermaxe“ für den Beifahrer im Rennwagen. Auch der „Schmierlappen“ ist mir in guter Erinnerung, wenngleich mit diesem Wort außerhalb der Öl- und Fettdisziplin heute auch Politiker-Darsteller mit Doktortitelproblemen, Reklametreibende und Halbweltler geehrt werden. Das Schwäbische kennt neben den artverwandten Beleidigungen wie Dreck- und Mistfink das Versprechen „Ich schmier dir eine“, eine Ankündigung, die bei uns stadtbekannte Politiker in der Vergangenheit nicht nur bei Eifersuchtsdramen in die Tat umgesetzt haben.

Schmiere an sich, lernen wir, ist ein relevanter Stoff aus dem Alltagsleben und bis heute, in der englischen Übersetzung, als „Grease“ auch im Musical und Film populär. Ich wiederum als hauptberuflicher Schmierant (um den schönsten Begriff dieser Wortgruppe zu verwenden) habe ein liebevolles Verhältnis zum Schmierfinken, seit ich vor einem Jahrzehnt meinen mich treu begleitenden Laptop „Fink“ getauft habe.

In meinem Fall hat dies weniger mit Fußball zu tun, auch wenn es ein Namensvetter des Schmierfinken in der Bundesligasaison 1965/66 zur Unsterblichkeit gebracht hat. Stets pflegte der Mann seinen Gegenspieler auf dem Platz mit einem Gedicht zu begrüßen: „Meine Name ist Finken, und du wirst gleich hinken.“ Herr Finken, Herbert, war Verteidiger bei Tasmania Berlin, dem größten Verliererclub aller Zeiten.

Der Name meines Laptops ist eher poetischen Ursprungs. Ich nannte ihn so auf einer Zugfahrt, nachdem ich Songs einer deutschen Country-Band namens Fink gehört hatte. Eines ihrer Lieder habe ich bis heute im Ohr: „Der Wind in Oklahoma ist der gleiche / wie hier, nur er gehört nach Oklahoma / In Oklahoma trägt der Wind die Schwalben genau so sicher wie hier.“

Mit den Schwalben von Oklahoma nähern wir uns zielsicher dem Fink von Stuttgart, zumal mein Fink so wenig ein Vogel ist wie die Fußballer-Schwalbe (ein Schauspielertrick, um ein Foul des Gegenspielers vorzutäuschen). Das amerikanische Wort Fink für meinen Taschencomputer benennt einen Lumpen, einen Spitzel, einen Streikbrecher. Einen Kerl, der nach Frank Sinatras berühmtem Satz „seinen eigenen Freund töten würde“. Vor diesem historischen Hintergrund ist der „Schmierfink“, wie ihn der Ornithologe Mäuser für Erzeuger von Zeitungsenten gebraucht, ein eher harmloser Vogel.

Ich kenne mich im Vogelmilieu nicht aus, habe nur bei Wikipedia gelesen, dass ein Fink aufgrund übler Verleumdungen bereits im Mittelalter als Scheißvogel geächtet wurde. Als einer, der im Pferdekot pickt – und deshalb den Beinamen Schmutz-, Dreck- und Mistfink verdient. Gleichzeitig half der Schmierfink zur Verunglimpfung „unsolider, ungeregelt lebender Menschen“ und kommt demnach, das wissen wir seit Gerhard Mayer-Vorfelder, für die Charakterisierung moderner Fußballpräsidenten nicht in Frage.

Später wurde bei uns die Schmähung Schmierfink sogar ehrbaren Landstreichern angeheftet, während die Schweizer mit mehr Respekt vor Herumtreiber-Jobs auch „pfiffige, schlimme, lustige, boshafte Menschen“ als Schmierfinken auszeichneten. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, so das Internet-Lexikon, „erfährt das Wort eine Bedeutungserweiterung“. Fortan galten gewissenlose Skandaljournalisten, böswillige Kritiker und vor allem kritische Köpfe als Schmierfinken. Auch bildende Künstler werden seitdem als Schmierfinken gehandelt, sofern sie Hauswände, Türen oder Toiletten schmücken oder in Museen gegen den Mainstream-Geschmack unserer liberalen Gesellschaft verstoßen. Allerdings, und das schockiert mich, tituliert man selbst unschuldige Kinder in der Schule als Schmierfinken, nur weil sie „unsauber“ mit der Hand schreiben, um als künftige Gangsta-Rapper Autogramme zu üben.

Auf keinen Fall sollte man Schmierfink und Dreckspatz durcheinanderbringen. Ein Dreckspatz ist nicht zwangsläufig jeder, der seine weiße Weste freiwillig mit einem roten Brustring versaut. Was die Farben Weiß & Rot im Leben symbolisieren, wird eines Tages auch Herr Mäuser verstehen, wenn er sich besser auskennt in der Showgeschäftsabteilung Fußball. Bis dahin muss er noch oft über das Kuckucksnest fliegen. Er wird lernen, dass vor Freude die Finken schlagen, weil in der Branche ja jede Krähe der anderen ein Auge aushackt.

Damit ist für heute Schluss mit Vögeln, Schmutz und Fußball. Schon am kommenden Donnerstag kämpfen die Stuttgarter Kickers wieder um den Aufstieg.



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