Bauers Depeschen


Freitag, 30. Dezember 2011, 840. Depesche



FLANEURSALON LIVE

Für unsere Lieder- und Geschichtenshow am Samstag, 21. Januar, im Markt am Vogelsang (Bauernmarkthalle West) gibt es nur noch ein paar RESTKARTEN. - Der nächste Flaneursalon findet am Dienstag, 28. Februar, im Schlesinger statt - mit Stefan Hiss, Dacia Bridges, Toba Borke. Karten gibt es nur in der Kneipe.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die StN-Kolumne von diesem Freitag:



DAS KAPITEL SCHMÄLZLE

Aus der Altstadt kommt selten eine gute Nachricht. Beim Brunnenwirt habe ich zu Mittag gegessen, bevor ich um die Ecke ging zum Bäcker Schmälzle, um die Botschaft zu verdauen. Laden und Café in der Hauptstätter Straße sind nachmittags geschlossen, die Haustür ist offen, die Schmälzles sind da. Nach getaner Arbeit gibt es viel zu tun in diesen Tagen.

Die Abwicklung steht bevor.

Am Morgen des 31. Dezember wird Helga Schmälze, 57, noch einmal Brezeln über die Theke reichen, Silvester-Brezeln, wie sie ihr Mann Hans-Georg, 60, jedes Jahr gebacken hat. Sie wird der Kundschaft ein glückliches neues Jahr wünschen, sich verabschieden, und keiner wird es glauben wollen. Es wird Tränen geben, vielleicht auch ein befreites Lächeln. Die Bäckerei Schmälze, 1948 von Hans-Georgs Vater Georg Schmälze in der Hauptstätter Straße gegründet, ist Geschichte. An Silvester wird sie für immer schließen.

Ein milder Wintertag. Als ich gehe, begleitet mich der Bäcker hinaus auf die Hauptstätter Straße, die nicht mehr die Seine ist. Er ist im Viertel geboren, ein Altstadtjunge, der man sein Leben lang bleibt. Zum Abschied gibt er mir ein paar Anekdoten mit auf den Weg, die lustigen, die keinen etwas angehen.

Vor 40 Jahren hat Hans-Georg Schmälzle mit seiner Frau Helga das Geschäft seines Vaters Georg übernommen, sie bauten es zu einer Altstadt-Oase aus, wie es sie nicht mehr geben wird.

Das Leonhardsviertel ist voller Geschichte. Im „Städtle“– so nennt man das Quartier – stehen denkmalgeschützte Häuser, ihre Architektur reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Für die Politiker im Rathaus, nur einen Steinwurf entfernt, war das nie ein Grund, sich um die vergessene City zu kümmern. Hauptsache, die Autos hatten Platz. Man hat die Gegend mit Autobahnen tranchiert, sie verkommen lassen.

Die Schmälzles sind legendär. Tragende Figuren einer Ära, die keiner vergisst, der dabei gewesen ist. Als leicht gekleidete Damen auf der Straße unsichtbar grüßten, wenn „d’r Beck“ seine Brezeln im Korb austrug, als Herren mit guten Anzügen Zeichen gaben, was ihnen heute munden könnte. Ein Törtchen vielleicht, zu einem Tässchen Kaffee mit Cognac.

Die Schmälzles waren bald eine Institution, damals in den siebziger Jahren, als es zappenduster war in der Stadt. Für gängige Lokale galt die Polizeistunde.Zapfenstreich um Mitternacht. Die Nachtmenschen im Viertel retteten sich bis zwei Uhr in die Weinstube Widmer in der Leonhardstraße (heute Weinstube Fröhlich) und eine weitere Stunde in die Milieu-Zentrale Brunnenwirt. Danach klaffte ein Loch. Die wenigen Frühlokale, liebenswerte Kaschemmen für Reiche und Heimatlose, Schöngeister und Banditen, öffneten erst um sechs.

Auch im Café Schmälzle, einem winzigen Hinterzimmer mit Bienenkorb-Intimität, gingen morgens um sechs die Lichter an. Zuvor hatte der Bäcker gute eigene Brezeln zubereitet, nicht dieses Industriezeugs aus den Pappkartons, und nebenbei den Mondsüchtigen das Leben gerettet. Auf Klopfzeichen reichte er heiße Schinkenhörnchen durchs Fenster seiner Backstube, um die Not der Nacht zu lindern.

Punkt sechs versammelte man sich im Café Schmälze in der Absicht, die Welt zu retten, sie aus den Angeln zu heben oder wenigstens den welthaltigen Roman zu schreiben. Das Schmälzle blieb in solchen späten Nächten unbeschadet, selbst wenn die Altstadtguerilla im Kampf gegen sich selbst und die guten Sitten auf den Tischen tanzte und böse Lieder sang, bevor Beziehungen in die Brüche gingen und die dank Schmälze wieder gekittet wurden.

In solchen Stunden war die Freiheit groß und Schmälzles Wohnzimmer neutrales Gelände. Der Gast genoss Immunität. Keine Polizeistreife, im Viertel nur „Schmier“ genannt, wäre auf die Idee gekommen, einen der üblichen Verdächtigen auf dem Hoheitsgebiet der humanen Bäckerfamilie festzunehmen. Kein Bulle hatte so wenig Anstand, vor den Augen der stets gütigen, freundlichen Frau Schmälze mit Handschellen herumzufuchteln.

Das vorige Jahrtausend ging dem Ende zu, als der Bäcker Schmälzle letztmals das Plakat mit der Aufschrift „Das freundliche Stück Altstadt zwischen Wilhelmsplatz und Gustav-Siegle-Haus“ in seinen Laden hängte. Als in der Nachbarschaft der Goldschmied, der Optiker, der Buchhändler, der Obsthändler, der Käsehändler und der Metzger ihr Geld verdienten. Als die Handwerker noch einmal zum „Hoffest“ in die Hinterhofkulisse luden.

Das Milieu hat sich verändert seit Ende der siebziger Jahre. Die Achtziger warfen die Schatten der Verelendung auf das Leonhardsviertel, und in den Neunzigern gingen die Rotlichter der Glanzzeiten vollends aus. Die regional gesteuerte Kleinzuhälterei wich einer international gemanagten Prostitution. Es wurde härter im Viertel.

Wenn Helga und Hans-Georg Schmälze ihr Geschäft aufgegeben haben, wollen sie auch ihre Wohnung im Haus 41 und die Altstadt verlassen. Sie haben genug. Genug geschuftet. Morgens um drei klingelte der Wecker. Das Leonhardsviertel, sagen die Bäckersleute, sei ihnen fremd geworden. Nicht mehr viele in der Nachbarschaft sprechen ihre Sprache.

Die Gerätschaften der Backstube werden verschrottet. Was danach kommt, weiß keiner. Das Haus gehört der Stadt. Stadträte der Grünen haben neulich „zur Aufwertung“ des Viertels ein „Beleuchtungskonzept für die Straßen“ beantragt. Das ist gut. Wenn die Schmälzles, zwei der letzten Zeugen, das Revier verlassen, wird sich der Altstadt-Chor versammeln und zu den Leuchten im Rathaus hinübersingen:

„Ich geh’ mit meiner Laterne / Und meine Laterne mit mir. / Dort oben leuchten die Sterne / Und unten leuchten wir. / Mein Licht ist aus, / Ich geh’ nach Haus, / Rabimmel, rabammel, rabum.“



KOMMENTARE SCHREIBEN IM LESERSALON

DIE STN-KOLUMNEN



FRIENDLY FIRE:

NACHDENKSEITEN

FlUEGEL TV

THE INTELLIGENCE

EDITION TIAMAT BERLIN

Bittermanns Fußball-Kolumne Blutgrätsche

VINCENT KLINK

RAILOMOTIVE

KESSEL.TV

GLANZ & ELEND






Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20111230
 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

Archiv 


Depeschen 1951 - 1971

Depeschen 1921 - 1950

Depeschen 1891 - 1920

Depeschen 1861 - 1890

Depeschen 1831 - 1860

Depeschen 1801 - 1830

Depeschen 1771 - 1800

Depeschen 1741 - 1770

Depeschen 1711 - 1740

Depeschen 1681 - 1710

Depeschen 1651 - 1680

Depeschen 1621 - 1650

Depeschen 1591 - 1620

Depeschen 1561 - 1590

Depeschen 1531 - 1560

Depeschen 1501 - 1530

Depeschen 1471 - 1500

Depeschen 1441 - 1470

Depeschen 1411 - 1440

Depeschen 1381 - 1410

Depeschen 1351 - 1380

Depeschen 1321 - 1350

Depeschen 1291 - 1320

Depeschen 1261 - 1290

Depeschen 1231 - 1260

Depeschen 1201 - 1230

Depeschen 1171 - 1200

Depeschen 1141 - 1170

Depeschen 1111 - 1140

Depeschen 1081 - 1110

Depeschen 1051 - 1080

Depeschen 1021 - 1050

Depeschen 991 - 1020

Depeschen 961 - 990

Depeschen 931 - 960

Depeschen 901 - 930

Depeschen 871 - 900

Depeschen 841 - 870

Depeschen 811 - 840
30.12.2011

28.12.2011

27.12.2011
24.12.2011

22.12.2011

21.12.2011
18.12.2011

17.12.2011

15.12.2011
13.12.2011

12.12.2011

10.12.2011
07.12.2011

06.12.2011

05.12.2011
03.12.2011

01.12.2011

29.11.2011
27.11.2011

26.11.2011

25.11.2011
22.11.2011

21.11.2011

19.11.2011
16.11.2011

14.11.2011

11.11.2011
09.11.2011

07.11.2011

06.11.2011

Depeschen 781 - 810

Depeschen 751 - 780

Depeschen 721 - 750

Depeschen 691 - 720

Depeschen 661 - 690

Depeschen 631 - 660

Depeschen 601 - 630

Depeschen 571 - 600

Depeschen 541 - 570

Depeschen 511 - 540

Depeschen 481 - 510

Depeschen 451 - 480

Depeschen 421 - 450

Depeschen 391 - 420

Depeschen 361 - 390

Depeschen 331 - 360

Depeschen 301 - 330

Depeschen 271 - 300

Depeschen 241 - 270

Depeschen 211 - 240

Depeschen 181 - 210

Depeschen 151 - 180

Depeschen 121 - 150

Depeschen 91 - 120

Depeschen 61 - 90

Depeschen 31 - 60

Depeschen 1 - 30




© 2007-2018 AD1 media ·