Bauers Depeschen


Montag, 14. November 2011, 815. Depesche



NACHTRAG

Schöner Flaneursalon am Montagabend mit mehr als 200 Gästen beim Festival "LiteraTour" im Bürgerhaus Backnang. Mit Los Santos, Dacia Bridges im Trio und Roland Baisch als elegantem Entertainer. Ein angenehmer Abend bei guter Stimmung.



FLANEURSALON IN VAIHINGEN

Leider sieht es in diesem Fall noch etwas düster aus: Für unsere kleine Matinee am kommenden Sonntag, 20. November, im Vaihinger Maulwurf gibt es noch einige freie Plätze. Beginn 11 Uhr. Siehe TERMINE



SOUNDTRACK DES TAGES



AUS AKTUELLEM ANLASS, zur unwürdig

inszenierten Preis-Verleihung im Namen von Georg Elser:



DER EINSAME HELD

Am 6. November 1939 besucht Johann Georg Elser seine Schwester Maria Hirth im Stuttgarter Westen. Sie wohnt mit ihrem Ehemann Karl in der Lerchenstraße 52. Georg Elser ist aus München angereist, er hat dort monatelang hart gearbeitet, immer nachts. Als er am 7. November nach München zurückfährt, hinterlässt er in der Wohnung seiner Schwester einen doppelbödigen Koffer mit Spezialmeißeln, Drehbohrern und Zeichnungen. Elser ist von Beruf Kunstschreiner, ein begabter Tüftler.

Wieder in München, geht Elser ein letztes Mal an den Ort, an dem er lange geschuftet hat. Er überprüft seine Arbeit, sie ist gelungen.

Am 8. November 1939 um 21 Uhr 20 detoniert im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe, gezündet von einem Uhrwerk. Georg Elser hat diese Höllenmaschine, wie man sie nennt, gebastelt und in einer Säule des Gebäudes eingebaut. Diese Bombe sollte Hitler töten. Der Anschlag misslingt. Hitler hat aufgrund des schlechten Wetters und eines bevorstehenden Flugs 13 Minuten früher als geplant den Saal verlassen. Als die Bombe hochgeht, werden acht Menschen getötet.

Wäre der Anschlag geglückt, sagen Historiker heute, hätte der Holocaust nicht stattgefunden und die deutsche Wehrmacht nicht die Sowjetunion überfallen. Elser wollte, wie er später im Verhör der Nazis zu Protokoll gibt, weiteres Blutvergießen verhindern. Die deutsche Wehrmacht hat zu diesem Zeitpunkt bereits Polen überfallen.

65 Jahre später, 2004, porträtiert das ZDF Georg Elser zum Auftakt von Guido Knopps Dokumentar-Reihe "Sie wollten Hitler töten". Der Beitrag über Elser, ein Film mit üblicher Nazi-Event-Ausstattung, heißt „Der einsame Held“. Der einsame Held war in Wahrheit noch 50 Jahre nach seiner Ermordung ein unbekannter Mann.

Johann Georg Elser, 1903 in Hermaringen auf der Ostalb geboren, aufgewachsen in Königsbronn bei Heidenheim, wurde bis Ende der achtziger Jahre totgeschwiegen. Elsers Namen fand man weder im Brockhaus noch in einem Schulbuch. Der Hitler-Biograf Joachim C. Fest hatte den Königsbronner Schreiner noch 1973 in zwei Zeilen abgehandelt. Der Münchner Anschlag, schrieb Fest, sei „offenbar das Attenat eines Einzelgängers gewesen“, der Name des Täters tauchte in seinem Buch nicht auf.

Im Herbst 1989, 50 Jahre nach Elsers Attentat, fuhr ich nach Königsbronn, um für eine Reportage über Elser Material zu sammeln. Begleitet wurde ich von meinem Vater Hans; er wurde 1914 in Königsbronn geboren und kannte die Familie Elser. Ohne die Kontakte meines Vaters – er ist 2008 mit 94 Jahren gestorben – hätte ich keine Chance gehabt, mit Zeitzeugen zu reden. Man hätte mich überall rausgeworfen. Die Leute im Dorf wollten mit der Sache nichts zu tun haben.

Mit Hilfe meines Vaters trafen wir Leonhard Elser, den damals 75-jährigen Bruder Georgs. Leonhard Elser – er ist 2008 gestorben – war ein verbitterter Mann. Nur unwillig, erst nachdem er meinen Vater erkannt hatte, öffnete er die Tür. "Den Stauffenberg ehren sie jedes Jahr", sagte er, "den Georg nie." Leonhard Elser litt unter der Ablehnung und dem Getuschel der Dorfbewohner. Mancher nannte seinen Bruder einen Verräter, und die Sippenhaft auf der Alb war noch nicht abgeschafft.

In Königsbronn fanden wir nirgendwo einen Hinweis auf Georg Elser, keine Gedenktafel, nichts. Wir fragten Leute nach ihm in seinem Elternhaus in der Aalener Straße 12. Keiner hatte von Elser gehört.

Wir besuchten meinen Onkel Fritz Bauer, einen ehemaligen Gießermeister, der nach seinen Erfolgen als Ringer von der SS angeheuert worden war. Er war älter als mein Vater und hatte Georg Elser deshalb besser gekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat mein Onkel Fritz der SPD bei und wurde Gemeinderat in Königsbronn. Er habe ein paar Mal im Rathaus schriftlich angeregt, Elser eine Gedenkstätte zu widmen, erzählte er, vom Bürgermeister aber nie eine Antwort erhalten.

Mein Vater und ich stiegen die Wiese zum Königsbronner Steinbruch hinauf. Von oben hat man einen guten Blick auf den Itzelberger See. Der Besitzer des Steinbruchs, Georg Vollmer, damals 58, führte uns zu einem alten Betonbunker. In diesem Bunker wurde früher Munition für Sprengungen gelagert. Die Warnschilder waren noch zu lesen. Bei Georg Vollmers Vater, wo er eine Weile im Lohn stand, hat Elser den Sprengstoff für seine Bombe gestohlen. "Die Leute im Dorf sind im Dritten Reich im Gasthaus Hirsch gesessen und haben schlecht über den Georg geredet“, sagte der Ingenieur Vollmer. „Nach dem Krieg sind sie immer noch im Hirsch gesessen und haben lieber gar nichts mehr über den Georg geredet."

Vollmer war der Ansicht, Elser habe nicht allein gehandelt. Ein Agent aus der Schweiz habe ihm geholfen. Der Plan, Hitler umzubringen, sei jedoch frühzeitig aufgeflogen. Danach habe die SS Elser zum Weitermachen gezwungen. Ein missglückter Anschlag, so seine These, hätte der Nazi-Propaganda gedient, Hitler stehe unter dem Schutz göttlicher Vorsehung. Ähnliche Verschwörungstheorien kursieren heute noch. Historiker haben sie widerlegt.

Der Ingenieur Vollmer sprach lange mit uns, er war eine Ausnahme. Überall sonst im Dorf stießen wir auf eine Mauer des Schweigens. Hartnäckig vertrat man die Meinung, Elser sei ein Einzelgänger gewesen, ein Kauz. Keiner könne etwas über ihn erzählen. Dabei hatte Elser wie die anderen Leute im Dorf am Vereinsleben teilgenommen. In der Zitherkapelle spielte er Cello.

Zur Erhellung von Elsers Geschichte trug 1989 maßgeblich der österreichische Regisseur und Schauspieler Klaus-Maria Brandauer bei. Er inszenierte den Kinofilm "Georg Elser – Einer aus Deutschland" und spielte darin auch die Hauptrolle. Zwar baute er in seinen eher mittelmäßigen Film mit Rücksicht auf die amerikanischen Geldgeber eine fiktive Liebesgeschichte ein, brachte aber mit seiner Arbeit Elser in die Medien. Jetzt erst gingen Historiker an die Arbeit.

Mit Brandauer habe ich mich lange unterhalten. Er nahm das Thema sehr ernst. Auch ihn hatten die Königsbronner bei seinen Recherchen rüde abgewiesen. „Elser hat sich nicht wie der Oberst Stauffenberg im Dunstkreis der Macht bewegt. Keiner wollte sich eingestehen, dass auch ein einfacher Mann in der Lage gewesen wäre, Hitler zu beseitigen“, sagte Brandauer.

Einige Jahre nach dem Medienecho zum 50. Jahrestag des Münchner Hitler-Attentats hat man zur Erinnerung an Georg Elser mit Berliner Unterstützung in Königsbronn ein kleines Museum eingerichtet. Eines Tages erhielt ich einen Brief des neuen Bürgermeisters. Einiges habe sich geändert in der Gemeinde, schrieb er. 1999 hat auch die Stadt Stuttgart dem Mann, der den Krieg verhindern wollte, ein Denkmal gesetzt, die Georg-Elser-Staffel an der Stafflenbergstraße.

Georg Elser wurde am Abend seines Anschlags, eine Stunde bevor seine Bombe explodierte, an der Schweizer Grenze in Konstanz verhaftet. Er hätte nicht flüchten müssen. Niemand hatte ihn zunächst im Verdacht. In den Verhören verriet er sich; in Brandauers Film sieht man Elsers aufgescheuerte Knie, die Folgen seiner Arbeit in der Säule des Münchner Bürgerbräukellers. Hitler plante einen Schauprozess. Dazu kam es nicht mehr. Am 9. April 1945, zwanzig Tage vor der Befreiung, wurde Georg Elser im KZ Dachau ermordet.

Seine Schwester Maria und ihr Mann Karl waren nach dem Anschlag von der Gestapo in der Stuttgarter Lerchenstraße verhaftet und nach Berlin transportiert worden. Am 20. Februar 1940 ließ man sie frei; danach waren sie arbeitslos. Auch Elsers Schwester Anna Hangs aus Zuffenhausen und ihr Ehemann waren in Gestapo-Haft. Am 28. November 1939 wurden sie entlassen. Beide Familien wussten nichts. Georg Elser hatte niemanden eingeweiht.

Am Haus Lerchenstraße 52 komme ich oft vorbei, es ist in meiner Nachbarschaft. Einen Hinweis auf Elsers Angehörige sucht man vergebens. Haftentschädigungen haben sie nie erhalten.



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