Bauers Depeschen


Samstag, 03. September 2011, 783. Depesche



UNTERNEHMEN AUFSTIEG: Stuttgarter Kickers - FC Bayern Alzenau 4:0



Die neue STN-KOLUMNE steht im Netz.



FLANEURSALON mit Toba Borke

Am Mittwoch, 28. September (20 Uhr), machen wir in der Rosenau einen Flaneursalon mit neuer Besetzung. Erstmals sind der Songschreiber/Sänger/Saitenvirtuose/Fußtrommler Zam Helga und die amerikanischen Sängerin Dacia Bridges gemeinsam auf der Bühne, und ich habe eine weitere Überraschung im Programm: Der Freestyler TOBA BORKE rappt mit seinem Beatboxer Pheel. Die Jungs sind verdammt gut. Vorverkauf: ROSENAU



SOUNDTRACK DES TAGES



REDE IM PARK

Text meiner Rede beim "Protestival" gegen Stuttgart 21 am Samstag im Schlossgarten:



Schönen guten Tag im Schlossgarten,

meine Damen und Herren, es ist Samstag kurz vor fünf. Normalerweise, wenn kein Länderspiel war, sind um diese Zeit noch die Fußballspiele der Bundesliga im Gange. Viele Menschen sind in den Stadien, und sie machen im Grunde etwas Ähnliches wie wir im Schlossgarten: Sie haben Lust auf ihr Spiel, auf ihr Team, viele von ihnen lieben den Duft von frischem Gras, und diese Leute wissen, wofür sie sich einsetzen, wen sie unterstützen. Wir sind im Schlossgarten, wir riechen das Gras, und wir wissen: Auch dieser Park ist eine Spielstätte, nämlich ein Freiraum für die Bürger. Und wir, die heute da sind, wir leben im Hier und Jetzt – und nicht in einer virtuell gestalteten Zukunft, wie sie uns die Computer der Immobilien- und Marketing-Industrie vortäuschen.

Wir identifizieren uns mit diesem Park, mit dem Schlossgarten. Das bedeutet nicht, dass wir hier Sonderrechte hätten. Der Park ist und bleibt ein öffentlicher Stadtraum, dieser Schlossgarten ist wie der Hauptbahnhof ein Symbol für Stuttgart – und anders als in einem Bundesligastadion hat hier keiner das Recht, Eintritt zu verlangen oder die besseren Plätzen mit Blick auf den Rasen zu Vip-Lounges für Gutbetuchte umzubauen. Vor allem hat keiner das Recht, diesen Ort der Bürger aus ökonomischen oder politischen Gründen für sich in Beschlag zu nehmen.

Parks, meine Damen und Herren, Parks von Stuttgart bis New York, waren fast immer Geschenke für die Menschen, Geschenke von wem auch immer, oft von den Herrschenden oder den Reichen. So ist auch der Stuttgarter Schlossgarten, diese einzigartige Jahrhunderte alte Anlage, ein Geschenk für die Menschen, er ist Herz und Lunge der Stadt.

Es gib heute Stadtplaner, die glauben, Stadtplanung sei dafür da, mit Abrissbirne und Bagger Bauflächen freizuschlagen. Das ist ein historischer Irrtum. Ein guter, ein verantwortungsvoller Architekt weiß genau, dass Stadtplanung in erster Linie die Pflicht ist, freie Flächen zu erhalten. Stadtplanung ist die Herausforderung, Rückzugsorte für die Menschen zu schaffen und diese Plätze und ihre Natur zu schützen. Ein Park ist ein Ort der Zugänglichkeit, im Park haben die Menschen die Chance, ihre Grenzen des Alltags vorübergehend zu verlassen. Ein Park steht für Demokratie, ein Park ist die wahre gesellschaftliche Transparenz.

Dieses kleine Festival heute trägt das Motto „Wir sind das Wunder“, und beim ersten Hinhören sind das große Worte. Viele von Ihnen haben in diesem Park ja bereits ihr blaues Wunder erlebt...

Dies aber ist heute nicht unser Thema, auch wenn in diesen frühen September-Tagen schon wieder reife Kastanien fallen.

Meine Damen und Herren, es gibt Beschwerden von Leuten, diese Leute sagen:

Der Park ist besetzt. Die Zelte im Schlossgarten sind ein Schandfleck. Der Park ist zugemüllt. Der Park gehört nicht mehr den Bürgern.

Darüber zu diskutieren, wäre so sinnvoll wie sich die Fernseh-Quiz-Frage zu stellen, ob ein Durchgangsbahnhof dem Verspätungs-Abbau dient.

Wir müssen uns mit anderen, mit den wesentlichen Dingen auseinandersetzen. Unser Thema lautet: Wem gehört diese Stadt? Und wer nimmt sich das verdammte Recht, diese Stadt nach seinen wirtschaftlichen Interessen und nach den Vorstellungen und dem schlechten Geschmack der Politiker zuzubetonieren?

Ich kommen zu den Zelten im Park. Wir haben uns an sie gewöhnt, aber die wenigsten von uns wissen, wer darin lebt. Ich habe kein Recht, über die Zeltstadt zu urteilen. Ich denke, was wir hier sehen, ist ein soziales Spiegelbild unseres städtischen Lebens, und Spiegelbilder dieser Art findet man oft genug an den sogenannten Rändern des sogenannten guten Bürgertums.

Es ist ein kleines Wunder, wenn seit einem Jahr Leute im Park wohnen, die bereit sind, diesen Park zu schützen, auch wenn sie womöglich neben Leuten leben, die etwas anderes im Sinn haben, als den Park zu retten. So ist das Leben. Auch die Leute, die uns mit Propaganda-Bildern vormachen wollen, es gehe am Bahnhof um die Ästhetik einer zukunftsorientierten Architektur, haben in Wahrheit etwas anderes im Sinn. Sie wollen ihre Geschäfte machen. Und Leute, die skrupellos Geschäfte machen oder diese Politik unterstützen, haben kein Recht, sich in sozialen Konflikten über die moralischen Werte oder das Benehmen auf den unteren Stufen der sozialen Hierarchie zu beschweren. Sie selbst nämlich leben diese unsozialen Werte vor. Sie halten sich doch für Vorbilder.

Wir lernen jeden Tag etwas Neues über die Moral politischer Führungsfiguren. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Herr Schmiedel, hat neulich gesagt: „Gottes Segen ruht über Stuttgart 21.“

Er hat außerdem gesagt, seine Kinder seien später einmal stolz auf ihn - und seine Politik der Stadtzerstörung.

Und über die Rädelsführer des Immobilien-Offensive hat Herr Schmiedel gesagt: „Wir sind die Guten.“

Nun weiß ich nicht, ob der folkloristisch geprägte Herr Schmiedel so schlau ist, bewusst auf der primitivsten Klaviatur der Propaganda zu spielen. Oder ob er den geistlichen Beistand des Himmel bemüht, weil ihm auf Erden die geistige Power fehlt.

In wenigen Sätzen bedient dieser spirituell getränkte Spezial-Demokrat die billigste Emotionsmaschine, die das Provinz-Musical zu bieten hat:

Erstens setzt er auf die Sympathie für Kinder, die man in jeder Vereinsklitsche für die Gefühlsduselei an die Rampe bringt.

Zweitens verkauft er sich als Kreuzzügler im Auftrag des Allmächtigen – und am Ende gibt er sich selbst den göttlichen Segen, indem er sagt: Wir sind die Guten.

Meine Damen und Herren, diese Nummer hat Herr Schmiedel neulich auf dem Schlossplatz aufgeführt, und ich sage Ihnen etwas: Für diese Art Schmiedel- und Schmierentheater hat man den Schlossgarten mit seinem zentralen Platz nicht geschaffen. Parks hat man eingerichtet, um dem Geist eine Chance zu geben. Wenn einer auf diesem Gelände behauptet, er habe Gottes Segen, dann fragt man sich, warum dieser Erleuchtete so rücksichtslos und zerstörerisch mit der Schöpfung umgeht. Und denken Sie daran: Falls mal wieder der Strom ausfällt und die Züge stehen bleiben, war es nicht Gott, sondern wie in dieser Woche eine Ratte.

Meine Damen und Herren, der Park ist ein Spielplatz für Menschen, die sich das Spielerische und die Lust auf gute Kultur erhalten haben. Ein Park und sein Umfeld sind nicht das Spiel-Casino für Immobilien-Zocker.

Es ist eine ökologische Binsenweisheit, dass ein Park seine Umgebung auch wirtschaftlich aufwertet. Und damit komme ich zu einem traurigen Punkt: Am Rande dieses Schlossgartens gibt es nicht nur gutes Gelände für Spekulanten. Am Zipfel dieses Parks haben wir auch das unbezahlbare Mineralwasser im Bad Berg. Ich schätze, man muss nicht erklären, worum es in Wahrheit geht, wenn Politiker ohne Stadtkenntnisse behaupten, das Bad Berg sei ein verzichtbarer Ort für weltfremde Nostalgiker. Es hat Methode, jede Beschäftigung mit der Stadtgeschichte, jeden Hinweis auf die Identität, auf den Charakter und die vorhandenenSchätze der Stadt mit dem Begriff Nostalgie lächerlich zu machen.

Viele dieser Leute, die das tun, haben von fortschrittlicher Kultur so wenig Ahnung wie von der Geschichte der Stadt. Diese Leute, die so überheblich von Modernisierung reden, wenn sie Profit meinen, trifft man bei der Oldie-Night in der Schleyer-Halle.

Wir, meine Damen und Herren, bleiben lieber im Park. Dass wir hier sind, ist KEIN Wunder. Wir sind hier, weil wir nicht zuschauen werden, wenn man uns aus dieser Stadt HINAUSbauen will.

Vielen Dank. Das war das Lied vom Park. Bleiben Sie auf dem Rasen, solange Sie nicht ins Gras beißen. ( c Joe Bauer)



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