Bauers Depeschen


Samstag, 22. Januar 2011, 662. Depesche



Die aktuelle StN-Kolumne:



MEIN KROKODIL

Ich habe die Zukunft gesehen, ich ging durch die Tübinger Straße, Richtung Quartier S. Pardon, das können Sie nicht wissen: Quartier S ist etwas Ähnliches wie das Projekt Da Vinci (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Brautkleiderladen in der Königstraße). Quartier S erinnert an den opernhaften Klang von Mailänder Platz und Pariser Platz. Quartier S, Da- Vinci-Projekt, Mailänder & Pariser Platz haben etwas gemeinsam: Ihre Namen stehen für Stuttgarter Rathauspolitik. Diese Politik ist geprägt von Kenntnis, Feingefühl und Demut gegenüber der eigenen Stadt und deren Geschichte. Quartier S klingt cool, vor allem wenn man den Ort als Anfang oder Ende der Verbindung mit Da Vinci und Mailänder Platz betrachtet. Es ist die Achse der Blößen.

In Feuerbach gab es bis vor kurzem die Stadtbahn-Haltestelle Krankenhaus. Dieser Name klingt nicht cool und einladend, selbst wenn man weiß, dass es dieses Krankenhaus nicht mehr gibt. Man hat die Haltestelle deshalb in Föhrich umgetauft, und das hat mich tief enttäuscht. Föhrich erinnert an den Namen der Umgebung. Das ist uncool, nicht zeitgemäß und schon gar nicht stuttgarterisch. Nach alter Sitte, neue Namen dem Größenwahn der Politiker anzupassen, hätte man die Haltestelle Föhrich Washington Square oder Plaza de Mayo nennen sollen. Am besten aber – nachdem mit Shopping Mall, Luxushotel und Eislaufbahn ausgestattet – Quartier F. Die coolen Kinder der Umgebung würden das F jederzeit weltstädtisch vollenden.

Ich bin vom Weg abgekommen. In der Tübinger Straße habe ich im Schaufenster des interkontinentalen Ausstattungsgeschäfts E & H Meyer zwei silbrig glänzende Krokodile gesehen. Das kleinere von beiden, 40 Zentimeter lang, habe ich sofort gekauft – als Hommage an meine Sonntagsstiefel. Jetzt liegt es auf meinen Schreibtisch und belauert mich mit aufgerissenem Maul. Alternativlos habe ich den Alligator zu meinem Stuttgarter Wappentier erkoren.

Ich fresse ganz Stuttgart auf, ich verschlinge die Straßen und die Plätze, die Geschäfte, die Häuser und die Menschen, hat das Krokodil zu mir gesagt. Warte nur, habe ich geantwortet, ich werde dir dein verdammtes Maul stopfen, und ich singe so laut, dass die Nachbarn im ganzen Stuttgarter Westen aus ihren Häusern kommen und mit mir einstimmen: „Ein Krokodil vom Nil / Macht das Maul ganz weit auf / Und sagt: Ich fresse alle Kinder auf / Doch die Kinder sagen: Nein! / Krokodil, lass das sein / Sonst sperr’n wir dich in eine große Kiste ein! / Und was macht das Krokodil? / Es schwimmt zurück zum Nil.“

Bevor ich das Kommando Krokodil starte, muss ich mit der Stuttgarter Justiz das Versammlungsrecht klären. Ich kann nicht einfach zu meinen Krokodil-Guerilleros sagen: See you later, alligator – und für zwanzig Minuten Richtung Bahnhof verschwinden. Sonst geht es mir wie dem Protestchef Stocker. Der soll für zwanzig Minuten Abwesenheit vom Tatort 1500 Euro Strafe zahlen. Genau betrachtet, erscheint mir diese Summe eher günstig, um mal eben zum Bahnhof zu gelangen. Überlegen Sie mal, was es kostet, zwanzig Minuten schneller nach Ulm zu kommen.

Alles korrekt. Die Richterin kann nicht wissen, wie es auf einer Kundgebung mit 50 000 Menschen zugeht. Eine Richterin überfällt auch nicht extra die Feuerbacher Volksbank, bevor sie einen Räuber zu zwanzig Jahren Zuchthaus verknackt. Ein Versammlungschef wiederum, das gebe ich im Namen des Volkes zu bedenken, kann nicht jedes Mal wie in Duisburg 21 Tote hinterlassen, um ungestraft herumzulaufen.

Es ist nicht leicht, das Leben zu kennen und ihm gerecht zu werden. Zu meinen Kundgebungen auf der Waldau kommen meist nur 2000 Sympathisanten. Manche von ihnen tröten so leidenschaftlich wie die Bahnhofsrettungstrupps und manchmal fast so laut. Das eine oder andere Mal schon habe ich diese Veranstaltungen auf der Waldau unerlaubt zwanzig Minuten vor dem Schlusspfiff Richtung Bahnstation verlassen. Dafür hat man mich rechtskräftig verurteilt, und leider nicht nur zur Zahlung von 1500 Möpsen. Man hat mich mehrfach mit dem Tode bestraft. Jedenfalls mit Todesverachtung, was schlimmer ist.

Einmal hat mir eine Dame vorgeworfen, sie habe mich samstags 105 Minuten lang nicht am Taschentelefon erreicht. Als ich ihr wahrheitsgemäß sagte, ich hätte sie im infernalischen Pfeifkonzert der Kickers-Sympathisanten nicht hören können, hat sie mich verlassen. Für immer. Das war der wahre Grund, mir das 40 Zentimeter lange Krokodil zu kaufen: meine Tränen.

Ein einsamer Mann hat es nicht leicht in der Stadt, in der man die Zukunft der Menschen mit Krokodilquartieren verbaut.

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