Bauers Depeschen


Sonntag, 22. August 2010, 565. Depesche



1. LADUNG: Flaneursalon am 14. September im Schlesinger!



Eine kurze Geschichte, gut acht Jahre alt, mir gefällt sie noch (und die JÜNGSTE STN-KOLUMNE "Langweilig wie Hannover" würde ich empfehlen)



IN UTOPIA

In einer Stunde wird es dunkel werden. Die Abenddämmerung ist die beste Zeit, um an die Ränder der Stadt zu fahren. Die Wagen der Linie 15, der letzten der alten Straßenbahnrouten, sind voll. Wir fahren Richtung Stammheim. Der Schauspieldirektor Claus Peymann hat Ende der siebziger Jahren Super-acht-Bilder von der 15er in Albert Camus‘ Drama „Die Gerechten“ eingeblendet. Danach hätte man ihn am liebsten auf die Schienen gelegt; in Stammheim saßen die Terroristen der RAF.

Feierabend. Im meinem Waggon wird viel gesprochen. Keine Abhörwanze würde hier funktionieren, zu viele Sprachen.

An der ersten Haltestelle steige ich aus. Türlenstraße. Durch die Maueröffnungen der Station kann man ein Stück Stuttgart 21 sehen. Kies, Sand, Pfützen, Reste von Pflasterstein, ein paar wilde Büsche.

So also sieht Utopia aus. „Sabrina – wer bist du?“, hat einer an die Wand gepinselt. Ja, verdammt, Sabrina, wo bist du?

Am Horizont der Einöde sehe ich Züge hinaus ins Leben fahren, rot-silberne Waggons. Ein langer Zug steht auf einem Abstellgleis, seine Lok ist rostrot und am Ende. Stehen geblieben auf dem Weg nach Utopia.

Weit hinten sehe ich einen Betonkasten mit Flachdach. „Kühler Krug“ lese ich an der Außenwand. Kühler Krug klingt gut, hier werde ich eines Tages einkehren. Aber nicht jetzt, es zieht mich weiter, fort von Utopia.

Mit der nächsten 15er vorbei am Pragfriedhof. Dicht neben den aufgereihten Grabstein-Vorräten der professionellen Friedhof-Ausstatter das Werbetransparent mit dem Aufdruck „Sonne ohne Limit – 6 Euro“. Bevor ich meine letzte Reise antrete, werde ich mich bräunen lassen. Ich will gesund aussehen, wenn man mich auf den Gebeinsgarten karrt. Und ich verlange, dass ich mit der Straßenbahn geliefert werde.

Der Humorist Loriot hat mal gesagt, es interessiere ihn nicht, weite Reisen anzutreten. Rio de Janeiro, was sei das schon gegen die Geheimnisse der eigenen Stadt, sagte er.

Wer schon war jemals in der Mittnachtstraße? Ich sehe die Haltestelle Mittnachtstraße, und mir ist, als hörte ich das Jammern eines Saxofons.

Sabrina, wo bist du?

Am Nordbahnhof, Ecke Rosensteinstraße, steige ich aus. Man hat das Viertel früher „Eisenbahndörfle“ genannt. Alte Backsteinhäuser, schön wie in Brooklyn.

Es gibt hier das bewirtschaftete S-Bahn-Ständle, es heißt wirklich so, ein Obdachlosenheim und Mercedes-Benz, ebenfalls aus Backstein. Die Nordbahnhofstraße steht irgendwann ganz oben auf meinem Tourplan, ihrer geheimnisvollen Kneipen und Menschen wegen.

Es beginnt zu regnen. Unter der Eisenbahnbrücke bleibe ich stehen und schaue drei Männern beim Biertrinken zu. Vor ihnen ein Stadtbus. Der Bus macht Pause, als warte er auf mich. Die Busfahrerin steht in der offenen Tür. Sie raucht. Wenn sie einen Zug nimmt, kann ich sehen, dass sie blau lackierte Fingernägel hat. Eine alte Frau mit Kopftuch steigt in den leeren Bus. Als sie ihren Fahrschein aus der Tasche ziehen will, winkt die Busfahrerin ab. Sie lächelt. Wieder kann ich ihre blau lackierten Fingernägel sehen.

Der Regen wird stärker. Einer der drei Männer zeigt auf das offene Fenster in einem der Häuser gegenüber, aus dem ein Vorhang weht. „Nur wer Fehler macht, lernt dazu“, sagt der Mann. „Wer keine Fehler macht, hat nie etwas gearbeitet.“ Der Mann macht nicht den Eindruck, als hätte er zu wenige Fehler gemacht.

Der Regen. Warum jetzt. Ich werde auf dem Rückweg wieder die Straßenbahn nehmen, vorbei an Utopia. Der Bus fährt los. Die Fahrerin winkt mit ihren blau lackierten Fingernägeln den drei Männern zu. Die Männer trinken Bier. Sie winken zurück.

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