Bauers Depeschen


Dienstag, 17. August 2010, 560. Depesche



Die Maschine funktioniert wieder, Herr Schübel von Ad 1 Media war nämlich da, und die Straßenzeitung "Trott-war" hat mich gebeten, eine Kolumne zum Thema "Gerechtigkeit" abzuliefern. Der Text soll im Oktober erscheinen. Ich frage jetzt mal alle Straßenköter auf dieser Seite, ob sie damit einverstanden sind.



GERECHTIGKEIT

Knüppel, aus dem Sack!



Als man mir sagte, ich solle etwas zum Thema „Gerechtigkeit“ schreiben, habe ich eine Weile darüber nachgedacht, dann war mir klar: Das Wort Gerechtigkeit ist eine Nummer zu groß für mich. Ich kann ihm nicht gerecht werden. Ich bin kein Philosoph und glaube auch nicht an Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist für mich eine Sache des Kinos. Als ich sechzehn Jahre alt war, glaubte ich an Gerechtigkeit, wenn Clint Eastwood in die Stadt ritt. Mein Vertrauen in Willy Brand war geringer.

Zu jener Zeit, das war 1970, hörte ich regelmäßig eine LP des Wiener Pianisten und Komponisten Friedrich Gulda. Er war ein weltberühmter Klassik-Interpret, Jazz-Musiker und ein verrückter Hund, der nackt auf der Bühne Blockflöte spielte und einmal eine Falschmeldung über seinen eigenen Tod verbreite. 1970 veröffentlichte Gulda zusammen mit einem Sänger namens Albert Golowin eine Sammlung von eigenen Liedern auf der LP „Donau So Blue“. Auf der Plattenhülle stand, Albert Golowin sei die „Wiener Ausgabe eine Gammlers“. Erst viel später kam man dahinter, dass der Gammler einen falschen Vollbart und eine Langhaarperücke trug. In Wahrheit hieß er Friedrich Gulda.

Ich kann mich nur noch an ein Lied auf dieser Platte erinnern: „Hau Di In Gatsch“ (Wirf dich in den Schlamm). Der Text ließe sich heute sicher irgendwo finden, ich will ihn aber gar nicht erst suchen, denn es gefällt mir, was ich von den Versen nach 40 Jahren noch im Kopf habe. So soll es bleiben. Gulda sang das Lied im Wiener Dialekt, auf Deutsch klänge das ungefähr so:

„Neulich, da war ich am Fußballplatz / Das Wetter war trüb und geregnet hat's / Das Match war nicht spannend und auch nicht gerecht / Denn die einen hab'n gut gespielt, die anderen war'n schlecht.“ Dann kam der Refrain: „Hau di in Gatsch und reiß Well'n“.

An diesen Song muss ich jetzt denken, wenn es um Gerechtigkeit geht. Gerechtigkeit gibt es, wie gesagt, in Filmen und Liedern, und es gibt sie in Märchen. Deshalb für Sie diese kleine wahre Geschichte:

Da war die Frau, die mir von ihrem Ausflug mit fünfzehn Kindern ins Blühende Barock nach Ludwigsburg erzählte. Die Kinder waren zwischen sechs und elf Jahre alt, ihre Eltern hatten wenig Geld, fast alle lebten von Hartz IV.

Stopp. Schnitt.

Eine Zeitungskolumne mit Hartz-IV-Kindern zu eröffnen ist nicht clever, will man die Leser bei der Stange halten. Der Stoff riecht nach Sozialromantik. Klüger wäre, die Dinge cooler anzugehen, vielleicht wie Michael Douglas als Gordon Gekko in dem Film "Wall Street" oder wie Tom Hanks als Sherman McCoy in "Fegefeuer der Eitelkeiten" – bevor beide auf die Schnauze fallen. Oder es zu machen wie die Ganzkörperschnauze Guido Westerwelle in seiner Politiker-Realität.

Jedenfalls hatte die Frau vor ihrer Mission die Eltern der fünfzehn Kinder gebeten, den Kleinen was zum Essen, zum Trinken und festes Schuhwerk mit auf den Weg zu geben. Es war Februar und kalt. Als die Kinder am Bus eintrafen, war die Frau erleichtert: Fast alle hatten einen Rucksack oder einen Beutel dabei. Nach einer Stunde sagte die Frau den Kindern, es sei Zeit, etwas zu essen und zu trinken. Die Kinder aber folgten ihr nicht. Die Beutel und Rucksäcke waren nämlich leer. Die meisten Kinder hatten auch nichts gefrühstückt, und trotz der Kälte trugen sie Flip-Flops. Es waren deutsche Kinder aus der Stuttgarter Umgebung. Den Ausflugsbus hatte ein Autohaus zur Verfügung gestellt, der Eintritt war frei, und Brote und Pommes für die Kinder bezahlte am Ende die Frau.

Solche Geschichten ließen sich Tag für Tag erzählen. Kinder, die unter der Armutsgrenze leben, gibt es reichlich, und ich verstehe nicht, warum die Regierung Arbeitslosen Gelder streicht, etwa das Geld zum Heizen. Man müsse ja nicht so oft heiß duschen, hat einer von der FDP gesagt. Zuvor, schätze ich, hatte er ziemlich heiß gebadet.

Ich begreife auch nicht, warum man ausgerechnet den Armen und nicht lieber Typen wie mir mehr Kohle abzwackt. Die FDP-Menschen in der Regierung müssten in diesem Fall keine Rücksicht auf ihre reiche Klientel nehmen. Wir alle wissen: Guido ist und bleibt der Geilste.

Wie gesagt, in den Jahren meiner Erfahrungen mit der Gerechtigkeit bin ich etwas seltsam geworden. Früher hätte ich nicht so viele Worte gemacht, ich hätte gesagt: Was ist das für eine große Scheiße, wenn Kinder mit leerem Rucksack auf Reisen gehen. Den Ausflug hatte man ihnen sowieso nur gegönnt, weil sie nie in Ferien fahren können.

Was ich Ihnen erzähle, ist eine Allerweltsgeschichte, werden Sie sagen. Leider haben Sie recht, und mir wird schlecht bei der Vorstellung, wie kleine Würste mit leeren Rucksäcken zum Märchengarten touren.

Noch unangenehmer wurde die Sache für mich, als mir die Frau erzählte, die Kinder hätten bei ihrem Besuch des Märchengartens im Blühenden Barock rein gar nichts über Märchen gewusst. Das ist nicht so schlimm, versuchte ich abzuwiegeln, viele Märchen sind brutal, reiner Horror, und das Happy End ist nicht so glücklich, wie mancher Märchenonkel behauptet. Am Ende habe ich mich nicht getraut, die Frau zu fragen, ob die fünfzehn Kinder im verdammten Märchengarten der Geschichte vom "Tischlein, deck dich" begegnet sind. Beim Gedanken ans Ende des Märchens vom Schneider und seinen drei Handwerker-Söhnen würde jedem FDP-Politiker das Wasser im Großmaul zusammenlaufen:

"Und kaum hatte der Schreiner: ,Tischchen, deck' dich!' gesagt, so war es gedeckt und mit den schönsten Schüsseln reichlich besetzt. Da ward eine Mahlzeit gehalten, wie der gute Schneider noch keine in seinem Hause erlebt hatte, und die ganze Verwandtschaft blieb zusammen bis in die Nacht, und alle waren lustig und vergnügt. Der Schneider verschloss Nadel und Zwirn, Elle und Bügeleisen in einem Schrank und lebte mit seinen drei Söhnen in Freude und Herrlichkeit."

Ich hatte die Geschichte nicht mehr genau im Kopf, ich musste sie noch einmal lesen, und dabei ging mir ein Licht auf: In dem Märchen gibt es den berühmten "Knüppel, aus dem Sack!" und den nicht weniger berühmten "Knüppel, in den Sack!". Eine Weile habe ich über die Regierung und ihre Duschköpfe nachgedacht. Dann sagte ich mir: Die Brüder Grimm hätten nichts dagegen, wenn ich den ehrenwerten "Knüppel, aus dem Sack!" im Dienste der Gerechtigkeit einsetze: Ich nennen ihn "Knüppel, AUF den Sack!".

Und wenn sie daran nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. In diesem Sinne: Hau di in Gatsch und reiß Well'n.

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