Bauers Depeschen


Samstag, 22. April 2017, 1781. Depesche


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Die aktuelle StN-Kolumne:



FEUERPAUSE

Dieser April eröffnet mir als Spaziergänger ein neues Zeitgefühl, eine bisher unbekannte Dimension des Unterwegsseins: Ich gehe im Winter los und komme im Sommer zurück, ohne dass es notwendig wäre, zwischendurch die Socken zu wechseln. Und diese Erfahrung lässt keineswegs auf das fehlende Hygienebewusstsein eines alternden Herumtreibers schließen.

Dennoch kommen mir angesichts der verstörenden Klimawechsel und der psychischen Folgen auf meiner never ending Walz erhebliche Zweifel: Kann es gesund sein, sich tagaus, tagein mit einer läppischen Gemeinde namens Stuttgart zu beschäftigen? Wozu immer wieder seltsame Orte aufsuchen und die Nase in den Wind strecken, nur um später beim Herumblättern in Büchern und im Internet herauszufinden, wo ich gewesen sein könnte?

Vermutlich wäre es entspannter und erfolgreicher, Kolumnen mit Einkaufs-, Bastel- oder Beziehungstipps zu füllen. Ein Problem wäre lediglich: Vom Einkaufen habe ich so wenig Ahnung wie vom Basteln. Dieses Manko könnte ich eher nicht durch Selbstversuche abbauen: In der erstbesten Shoppinghölle wäre ich schnurstracks pleite und in den eigenen vier Wänden bald schon tödliches Opfer meines Versuchs, ein Ikea-Regal zusammenzubauen. Von der Reparatur meines elektrischen Entsafters zu schweigen.

Bliebe mir also nur das erregende und viel beachtete Feld der Beziehungs- und Partnerschaftstipps, die ich mir ganz ohne tiefer gehende, gar körperliche Experimente erarbeiten könnte. Neulich kaufte ich mir zur solidarischen Unterstützung der Kioske im Charlottenplatz-Untergrund, die ja aufgrund der Verkehrseinbrüche im Stuttgart-21-Chaos weniger „Bild“-Zeitungen und Asbach-Uralt-Pullen verkaufen, ein Heftchen aus der Reihe „Julia – Reich & Schön“. Bereits beim ersten Blättern stieß ich zum Kern aller Liebesdeaster vor: „Eres mio, murmelte er rau. Sie kannte nicht die Bedeutung seiner Worte, und doch verstand sie, was er sagte. Sie gehörte ihm. Was wäre wenn …? dachte sie einen winzigen Augenblick lang. Das Flattern in ihrem Herzen warnte sie. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie sich die Finger verbrennen. Sie musste diese bizarre Feuerpause auf der Stelle beenden.“

Verdammte Liebe mit Fremden, sagte ich mir rau, und stellte das Feuer ein. Ich war gewarnt: Sie gehörte ihm, und mein verbranntes Herz flatterte einen winzigen Augenblick lang, nachdem es tagelang überhaupt nicht mehr geschlagen hatte.

Ich hoffe, dass ich mit dieser Studie in der Stuttgarter Unterwelt den Eignungstest für eine Zukunft in der boomenden Branche des psychologischen Paar- und Beziehungscoachings bestanden habe – und wende mich vorerst wieder der Wissenschaft zu. An diesem Samstag gehen weltweit Menschen beim „Science March“ (auch „March for Science“) auf die Straße, bei uns um 10.30 Uhr bei einer Kundgebung auf dem Schlossplatz. Danach fahren die Teilnehmer mit dem Zug in die Universitätsstadt Tübingen, um auch dort für die Freiheit und Notwendigkeit der seriösen Wissenschaft und Forschung zu demonstrieren.

Heute, da der mit Laborhilfe blondierte US-Präsident sämtliche Erkenntnisse über den Klimawandel ins Reich der Lügen verbannt, sind Wissenschaftler in vielen Ländern nicht nur Skepsis, sondern auch Hass und Verfolgung ausgesetzt. Die Verschmutzung der Hirne mit gesteuerten Falschmeldungen, auch Fake News genannt, nimmt täglich zu. Bald ist die Erde wieder eine Scheibe. Mit dieser Propaganda aus der populistischen Ecke sollen die ehrbare Wissenschaft verhöhnt und die Menschen belogen und verführt werden. Bei der Schlossplatz-Kundgebung wird auch die Soziologin Annette Ohme-Reinicke sprechen – mit Blick auf die gesteuerte Verdummung sagt sie mir: „Die drängendste Frage, die sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern heute stellt, lautet: Wie können wir die Welt gemeinsam so gestalten, dass alle Menschen zu ihrer Würde – und damit zur ihrem Recht – gelangen?“

Und jetzt verrate ich Ihnen, warum ich von meinen erotisierenden Beziehungstipps doch wieder ins wahre Leben zurückgekehrt bin: Nach einem kurzen Marsch zur Cannstatter Kulturinsel, wo sich engagierte Frauen und Männer auf dem Gelände des ehemaligen Clubs Zollamt ökologische und kulturelle Freiräume schaffen, landete ich auf dem Rückweg zufällig in der Badstraße. Dort steht, nach langem erfolglosem Kampf um neue Wohnungen, ein weiteres Haus der Hotelkette One mit einer Gedenktafel im Eingangsbereich: An der Badstraße 20 stand einst das Geburtshaus von Pauline Einstein, geborene Koch, der Mutter von Albert Einstein. Er wurde zwar 1879 in Ulm geboren, faszinierte später aber die ganze Welt mit Paulines Cannstatter Akzent.

Solche Adressen und Menschen sind eine Verpflichtung, auch wenn viele bis heute glauben, Cannstatt gehöre nicht zu Stuttgart. „Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt“, hat Einstein mal gesagt, „dann gibt es keine Hoffnung für sie.“ Dieser Satz macht für alle Zeiten Mut, weiterhin überall hinzumarschieren, wo zunächst nichts anderes auf mich wartet als ein Geheimnis. Und was ist schöner, als an einem Wintermorgen loszuziehen und in einer Sommernacht heimzukehren. Zur intensiveren Betrachtung all dieser Dinge hier ein kleiner Coaching-Tipp von mir, dem verhinderten Beziehungsexperten: Am Sonntag, 30. April, um 10 Uhr wird der Biergarten der Cannstatter Kulturinsel in der Nachbarschaft des Veielviertels mit einem Weißwurstessen eröffnet. Immer von Donnerstag bis Sonntag hat er danach geöffnet. Zehn Minuten Fußmarsch vom Bahnhof. Die Kohle, die auf dem Wildwuchs-Gelände umgesetzt wird, fließt zurück in das Inselprojekt – eine womöglich absurde Idee, die uns im Dschungel der Immobilienkraken etwas Hoffnung gibt.







 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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