Bauers Depeschen


Samstag, 16. April 2016, 1616. Depesche


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ABSTIEGSKAMPF: Rot-Weiß Erfurt - Stuttgarter Kickers 0:1



AM HEUTIGEN SAMSTAG:

DAS BASIS-FEST

Freunde der Stuttgarter Altstadt und DGB-Leute veranstalten am heutigen Samstag, 16. April, das 1. BASIS-Fest. Das Basis ist ein kleines Beratungszentrum des DGB in den ehemaligen Räumen des legendären Café Schmälzle im Leonhardsviertel, Hauptstätter Straße 41. Das Fest ist als Tag der Begegnung und als kleine Hommage an die Altstadt gedacht. Es gibt gutes Essen, Getränke - und ein Programm. Michael Dikizeyeko & Steve Bimamisa spielen afrikanische Songs. Mitglieder des Vesperkirchen-Chors rahmenlos & frei singen ihre schönsten Lieder. DGB-Mitarbeiter stellen das Basis vor, unsereins liest Texte über die Altstadt vor. Der Fotograf Jim Zimmermann stellt Bilder aus. Alle sind herzlich willkommen. Das Basis-Fest beginnt um 16 Uhr. Eintritt frei.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



HEIERMANN

Als ich neulich die Bilder von den Menschen sah, die Schlange standen, um in den Banken die neue Fünf-Euro-Münze zu ergattern, suchte ich nach meiner alten Schatzkiste. Früher hatten darin mal kleine Zigarren aus Havanna gelagert.

Als ich Zigarren rauchte, gab es noch die D-Mark, und als sie 2002 ausrangiert wurde, brauchte ich dringend ein Souvenir für die Ewigkeit. Ich beauftragte den Gastwirt meines Vertrauens, die Angelegenheit zu regeln. Wenig später erhielt ich eine Panzerkette mit einem sauber gefassten Fünfmarkstück. Die Halskette war wunschgemäß so hässlich, dass ich sie nur bei geheimen Spezialeinsätzen tragen konnte.

Der Typ meines Fünfers allerdings beschäftigt mich bis heute emotional und historisch: Er stammt von 1974, aus dem Jahr, in dem zum letzten Mal die „Silberadler“ geprägt wurden. So nannte man die Münze, die seit 1951 in Umlauf war. Vorne mit der Ziffer Fünf, auf der Rückseite mit dem deutschen Adler dekoriert, stand sie für Adenauers Nachkriegszeit und den neuen Kapitalismus, den man „Wirtschaftswunder“ nannte.

Obschon kein Alchemist, habe ich doch gelernt, dass in der Silberadler-Epoche jeder Fünfer sieben Gramm Feinsilber enthielt. Als ich meine Schatzkiste öffnete, war das Ding an meiner Halskette so übel verfärbt, dass ich es lange mit Zahnpasta und Poliertuch bearbeiten musste. Fragen Sie den Hehler Ihres Vertrauens: So läuft das nur bei Silber. Inzwischen glänzt mein Fünfer wieder wie in meinen besten Tagen.

Diese Münze, die an einer Halskette jeden anständigen Mann in einen Dorfbanditen verwandelt, wäre kaum der Rede wert, hätte sie nicht ihre zutiefst menschliche Geschichte: Das Fünf-DM-Stück wurde als „Heiermann“ berühmt, und dieser Heiermann ist nicht nur für die Veteranen der Altstadt eine bewegende Legende.

Für die Entstehung des Namens findet man verschiedene Versionen. Wahrscheinlich ist, dass der Heiermann von der „Heuer“ des Seemanns abgeleitet wurde; um 1900 erhielten Seeleute in der Regel fünf Goldmark Handgeld, also weit weniger als später die Fußballer. Eine andere Erklärung, wonach der Begriff Heiermann aus der gängigen Sankt-Pauli-Gage für eine Dame beim intimen „Heia machen“ herrührt, ist nicht glaubwürdig. So schlecht waren die Zeiten nie auf der Reeperbahn.

Im Stuttgarter Leonhardsviertel, oder früher auch in den Rotlichthütten auf dem Gelände des heutigen Schwabenzentrums mit seiner unerotischen Schmuddelarchitektur, war der Heiermann oft die letzte Hilfe: Für einen Fünfer gab es immer irgendwo einen Schnaps oder eine Schachtel Kippen oder sogar eine Fleischsuppe – unter Kennern bis heute als „Stiersüpple“ bekannt. Das Wort „stier“ stand in diesem Fall nicht für das Fleisch und die Knochen des Rindviehs in der Überlebensbrühe, wie bei Annie, der Wirtin im Schiller. Es bezeichnete die totale Abgebranntheit: Ein Verlierer war „stier“ – wenn nicht gar „bockstier“. Also voll pleite. Heute wird das Wort auch von altklugen jungen Menschen als cooles Synonym für „wertlos“, „untauglich“ oder „unfähig“ benutzt.

Der Heiermann reichte selbst in schlimmster Not zum Durchatmen. Wer allerdings öfter nicht mehr Kohle als einen Fünfer auf der Naht hatte und sich dennoch hauptberuflich im Milieu herumtrieb, galt als „Hartgeld-Lude“ (Kleingeld-Zuhälter). Die feinere Beleidigung für diesen „Stierbeutel“ (Habenichts) war der „Haipfler“ – abgeleitet vom schwäbischen Haipfel, dem Kopfkissen; der Haipfler entsprach im Milieu-Ranking dem Bettwäschevertreter, einem Großschwätzer mit lausigem Budget.

Das Altstadt-Milieu war früher, vor allem in der Silberadler-Ära und in den ersten Jahren danach, eine ausgeprägte Subkultur mit eigenen Gesetzen und eigener Mode, eigener Sprache und Währung. Dem Heiermann als Fünfer folgten der „Dix“ (gesprochen „dis“, Französisch für zehn), das „Pfund“ für den Zwanziger und das „Kilo“ für den Hunderter. Der Tausender war ein „Riese“, ein „Brauner“ oder ein „Großer“.

Keine Geldeinheit aber ist so berühmt wie der Heiermann, das Herzstück der Rotlicht-Ökonomie. Der Silberadler hat auch eine schwäbische Geschichte: Das Design stammte von Albert Holl (1890 bis 1970), einem Graveur, Bildhauer und Hochschul-Professor aus Schwäbisch Gmünd. Das Nachfolgemodell, den 1975 eingeführten Fünfer ohne Edelmetall, gestaltete der Stuttgarter Graveur und Medailleur Wolfgang Doehm (1934 bis 2010). Er arbeitete bis 1985 bei den Staatlichen Münzen Stuttgart – womit wir wieder beim Fünf-Euro-Stück sind.

Das neue Euro-Exponat, von einigen Medien rasch als neuer Heiermann bejubelt, wurde maßgeblich in Stuttgart entwickelt, von den Staatlichen Münzen Baden-Württemberg, einem Landesbetrieb in Cannstatt, Reichenhaller Straße. Für das Design des Euro-Fünfers sind diesmal allerdings keine schwäbischen Köpfe, sondern Stefan Klein und Olaf Neumann aus Iserlohn im Sauerland verantwortlich.

Als revolutionäre Innovation des in zehnjähriger Arbeit unter Mithilfe bayerischer Münzexperten entstandenen Stücks wird sein blau schimmernder Kunststoffring gefeiert, eine Zierde, die angeblich keine Fälschung zulässt. Bei diesem Thema allerdings fragen sich selbst die letzten lebenden Hartgeld-Halunken aus der großen Zeit des Rotlichts: Wer könnte so bescheuert sein, ausgerechnet Fünf-Euro-Stücke zu fälschen?

Beim Blick auf einen blauen Plastikring im Fünfer greife ich wieder dankbar zu meinem alten Silberadler – und fliege mit ihm ins Leonhardsviertel: Im Basis-Zentrum des DGB, in den früheren Räumen des ruhmreichen Café Schmälzle an der Hauptstätter Straße, wo man für einen Heiermann einst einiges serviert bekam, steigt an diesem Samstag um 16 Uhr ein kleines Fest als Hommage an die Altstadt.



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