Bauers Depeschen


Dienstag, 16. Februar 2016, 1588. Depesche


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NÄCHSTER FLANEURSALON am Dienstag, 22. März, in der Friedenau, Ostheim. Mit den Musikern Stefan Hiss, Marie Louise & Zura Dzagnidze. Durch den Abend führt Michael Gaedt. Beginn 20 Uhr. Im schönen Wirtshaussaal der Friedenau werden ab 18 Uhr Essen & Getränke serviert. Reservierungen: 0711 / 2 62 69 24.



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Die aktuelle StN-Kolumne:

WARUM DER KOPF RUND IST

Es ist erregend, im selben Moment auf die Stadt herunter- und zu ihr aufzuschauen: So entwickelt die Stadtlandschaft eine Dynamik wie ein gut gemaltes Bild.

Wir starten zu zweit an der Treppe, die an der Hohenstaufenstraße am Marienplatz zur Römerstraße hinunterführt. Nennen wir meinen heutigen Begleiter, einen Mann aus der Umgebung, Herrn Huber, um seine Persönlichkeit zu schützen. Schau hinter dich, sagt Herr Huber, hinter dir geht es hinauf zur Karlshöhe, und dann schau wieder geradeaus: Diese Stadt ist wie eine Wanne.

Das ist wahr. Und wenn man die lange und steile Römerstraße hinaufgeht, bis sie nur noch wie ein Feldweg mit Treppen durch die grüne Wildnis zum Haigst führt, dann schweift der Blick rechter Hand zur fernen Wielandshöhe mit Vincent Klinks gleichnamigem Restaurant. Von der Ferne wirkt das weiße Gebäude, als habe ein Besessener wie Klaus Kinski in Werner Herzogs Film „Fitzcarralado“ ein riesiges Schiff auf die Hügel schleppen lassen. Es ist lustig, aus unserer Wanne heraus auf diesen Prachtdampfer zu schauen, bewegender als jede Plastikente.

Beim Spazierengehen erlebt man die Stadt oft wie einen Film. Was sich davon im Hirn abspeichert, entspricht selten dem chronologischen Verlauf der Tour. Das Durcheinander der vielen Eindrücke aber ist am Ende viel spannender. Deshalb ein Rat an alle Herumgeher: einfach losziehen und sich fallen lassen – in Gedanken, versteht sich.

Jetzt aber rasch zurück auf Anfang, wie der Filmer sagt. Oben von der Treppe an der Hohenstaufenstraße, die uns zwischen die Jugendstil-Fassaden der Straße führen wird, sehen wir den Fernsehturm. Die Staffeln hinab, und dann schon die erste Erkundungsrast. Linker Hand ist die Werkstatt Radtheke, die Herr Huber kennt, weil er ein Fahrrad besitzt und generell gottfroh ist über jeden Handwerker in seinem Kiez. Den Laden führt der gelernte Mechaniker Hotte, 33 Jahre jung. Er repariert nicht nur Räder jeder Art, er schlachtet auch schrottreife Drahtesel aus und verwertet ihre gesunden Teile weiter. Auch in unserer von Staus blockierten Berg-und-Tal-Stadt, sagt der Tüftler Hotte, gebe es immer mehr Radler und deshalb ein „neues Stadtgefühl“.

Weiter zum nächsten Handwerker, zu Jürgen Schwartz, dem Maestro des Friseurladens Schnittstelle am rechten Ufer der Römerstraße. Seit elf Jahren ist er an Bord – und sein Salon auch ein Atelier: Jürgen bietet in seinen Räumen Malkurse für Erwachsene an, er hat sich auf Acryltechnik spezialisiert. Herr Huber ist selbstverständlich Stammkunde, auch wenn sich seine Besuche auf die künstlerische Gestaltung seiner extrem minimalistisch angelegten Haarpracht beschränken.

Zur Lebensqualität in solchen urbanen Ecken gehören öffentliche Wohnzimmer, wie die italienische Einkehrstation Loretta mit ihrer reellen Küche. Loretta ist ein weithin bekannter Erholungs- und Debattierclub. Angesichts dieser Italo-Station im Quartier ist es Zeit zu sagen, dass der Name Römerstraße nichts, aber auch gar nichts mit den Römern zu tun hat. Man hat sie 1862 nach dem Politiker Friedrich von Römer benannt, geboren 1794 in Erkenbrechtsweiler, gestorben 1864 in Stuttgart. In der Märzrevolution 1848 wurde er württembergischer Justizminister, galt als Liberaler, wies allerdings nach dem Umzug der Nationalversammlung von der Frankfurter Paulskirche ins Stuttgarter Ständehaus das sogenannte Rumpfparlament aus Württemberg aus. Den Linken galt er fortan als Feind. Seine letzte Ruhestätte findet man auf dem Hoppenlaufriedhof.

Jetzt hänge ich verdammt noch mal immer noch am Anfang der Römerstraße, und die Geschichte der Straße erklärt sich nicht besser, seit man weiter oben an der Ecke Filderstraße das Gasthaus Römerhof in „Il Pomodoro“ umgetauft hat: Aus dem März-Minister wurde eine Tomate.

Die Römerstraße ist voller Geschichten. Man findet unterwegs, Hausnummer 30, das Büro des Vereins „Frauen helfen Frauen“; im Schaufenster ein Zitat der Berliner Schriftstellerin Hedwig Dohm (1831 bis 1919): „Es heißt, solange der Mann will und die Frau soll, leben wir nicht in einem Rechts-, sondern in einem Gewaltstaat.“ Weiter oben, längst vorbei an Fangelsbachfriedhof und Markuskirche, ist im Haus Nummer 78 die Sozialberatung Stuttgart untergebracht, ein Verein zur Betreuung straffällig gewordener Menschen.

Zuvor aber stehen wir andächtig vor der Römerschule. Herr Huber ist entzückt von der riesigen handgemachten Aufschrift entlang der Außenwände: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“ Der Spruch stammt von dem französischen Maler und Schriftsteller Francis Picabia (1879 bis 1953), und dieser Mann genießt in diesen Tagen besonders große Aufmerksamkeit: Francis Picabia war einer der großen Künstler der Dada-Bewegung, die vor genau 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, als Revolte gegen die gesellschaftlichen Werte entstanden ist. In der derzeitigen Ausstellung „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“ im Kunstmuseum am Schlossplatz ist übrigens Picabias Ölbild „Bal Nègre“ zu sehen. Das Kunsthaus Zürich wird ihn im Juni mit einer großen Retrospektive ehren.

Meine Gedanken sind weit über die Römerstraße hinausgeschwirrt, deshalb zum Abschluss meines Trips noch ein Tipp für die Römerstraße: Schauen Sie vom oberen Wildnisgelände hinunter ins Tal. Dann sehen Sie das, worauf mich Herr Huber aufmerksam gemacht hat: Hinter dem alten Stuttgart und vor dem Anstieg zur Halbhöhe verhunzen graue Betonbauten Stuttgarts einzigartige Topografie. Solche Investorenkästen stehen herum wie Teile einer Mauer in einer geteilten Stadt und verhindern, dass das Denken seine Richtung ändern kann.



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