Bauers Depeschen


Dienstag, 05. Januar 2016, 1573. Depesche


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Der ersten FLANEURSALON im neuen Jahr geht am Mittwoch, 20. Januar, im Stadtarchiv Stuttgart in Cannstatt über die Bühne. Diese Institution zog vor fünf Jahren in ihr heutiges Gebäude im Bellingweg 21 im Neckarpark ein - und feiert jetzt mit uns ihr kleines Jubiläum. Flaneursalon-Gäste sind Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Eva Letica Padilla und Roland Baisch & Frank Wekenmann. Vorverkauf: KARTEN FÜR CANNSTATT. Telefon: 01805/700 733.



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Die aktuelle StN-Kolumne:



DIE CADILLAC-TÜR

Von diesem Mittwoch an verabschiedet sich Die Kleine Tierschau mit sechs bereits ­ausverkauften Theaterhaus-Shows endgültig von ihrem Publikum. Ein paar Erinnerungen:

Es war in Kreuzberg anno 1982, und es war, wie man auf dem Kiez sagte, morgens vierzehn Uhr. Ich saß mit einem Freund beim Frühstücksbier in einer Kneipe namens Willi, als ein Bus vorbeifuhr, der aussah, als hätte er zehn Jahre Verspätung. Die Hippie-Karre war so bunt bemalt wie damals die Berliner Mauer und trug die Aufschrift „Die Kleine Tierschau“. 1982 hatte ich zwar schon von einer Tierschau gehört, aber sie zu Hause nicht so richtig wahrgenommen. Die Typen, hieß es, spielten meistens auf der Königstraße.

An diesem Tag in Berlin fuhr ihre Tournee-Schleuder zum Ku’damm, einer Touristen- und Konsumterror-Piste, die in Kreuzberg höchste Verachtung genoss. Allerdings hatte sich bis Kreuzberg herumgesprochen, dass in einem Kurfürstendamm-Kino mit dem originellen Namen Hollywood eine Exotentruppe auftrat, wie man sie nie zuvor gesehen hatte. Noch am selben Abend gingen wir ins Hollywood, wo wir merkwürdige Dinge erlebten.

Drei Männer, ausgerüstet mit etwa 50 Instrumenten, setzten den Leuten in den ersten Reihen elektronisch manipulierte Bauhelme auf die Rübe und trommelten darauf die Rhythmen der Karibik. Eine neue Version der Steel Drums. Die Leute im Saal tobten.

Nach der Show stiefelte ich hinter die Bühne. An diesem Abend begegnete ich zum ersten Mal der Kleinen Tierschau: Michael Gaedt, Ernst Mantel, Michael Schulig. Auch ihre Frauen gehörten zum Kollektiv, sie arbeiteten hinter der Bühne. Der Witz war, dass ich keinen und keine kannte, obwohl die Mitglieder des Trios in der Nachbarschaft meines Heimatdorfs groß geworden waren. Die Tierschau-Leute waren einige Jahre jünger als ich und damit eine andere Generation. Das Ku’damm-Gastspiel hatte der Stuttgarter Kabarettist und weithin berühmte ARD-„Rockpalast“-Moderator Albrecht Metzger in seiner neuen Wahlheimat Berlin arrangiert.

1985 eröffnete das Stuttgarter Theaterhaus, und damit begann der unaufhaltsame Aufstieg der Tierschau. Anfang der Achtziger hatte man das Trio noch überhaupt nicht einordnen können. Der Begriff Comedy war den meisten Leuten unbekannt. Klang irgendwie nach Komödie im Marquardt. Damit hatte die Tierschau weiß Gott nichts am Hut: Diese Komiker waren chaotisch, anarchisch, gefährlich ausschweifend und verdammt lustig. Da explodierte etwas ganz Neues zwischen vermeintlichem Amateur-Handwerk und wahrer Gigantomanie. Allein der Maschinenpark für die Bühnen-Nummern sah aus, als wollte die Ostalb-Band Las Vegas toppen.

In den Neunzigern füllte die Tierschau bereits monatelang en suite das Theaterhaus – der Zuschauer-Boom erreichte astro­nomische Höhen, das Wir-Gefühl im Saal war unbeschreiblich. Abend für Abend ging „Buffy“ Schmid, der Theaterhaus-Kassenmann, vor der Show auf die Bühne und bat das Publikum, den „Bobbes“ einzuziehen, um Quetschungen zu vermeiden. Für ihre Show „Landfunk und Scheunentrash“ ließ die Tierschau schubkarrenweise Kuhmist ins Theaterhaus transportieren. Bühnen-Chef Werner Schretzmeier schaufelte persönlich die Scheiße ins Haus. Der Stallgeruch war umwerfend.

Zu dieser Zeit kannte ich Michael Gaedt schon etwas besser, wir machten einige Dinge zusammen. Herr Gaedt ist ein hilfsbereiter Weggefährte, sein Motto lautet: „Wenn man etwas kann, muss man es auch machen.“ Bald reisten wir gemeinsam nach New York, wo die Tierschau öfter mal in Broadway­Studios Singen und Tanzen trainierte, aber auch in der Show des Entertainers Buster Poindexter auftrat, des ­früheren Sängers der legendären Rockband New York Dolls. Schulig, Mantel & Gaedt waren längst eine Großstadt-Nummer mit Erfolgen in Berlin, Hamburg usw. Ihr Mix aus schrägen Kostümen, exotischen Instrumenten und Nonsens-Sprüchen mit messerscharfer Logik funktionierte überall: „Kleider machen Schneider.“ Wer sonst.

Und da gibt es eine New Yorker Anekdote, die ich nie vergessen werde. Eines Tages fuhren Herr Gaedt und ich mit einem kleinen YMCA-Bus in die Bronx. Irgendwann stieg er aus, rauchte eine Zigarette und ward nicht mehr gesehen. Sechs Stunden später traf er in unserem Hotel ein, allerdings nicht allein: Er hatte eine Autotür bei sich. Diese Tür stammte von einer acht Meter langen Stretch-Limousine. Mit seinem Schweizer Messer hatte er sie auf einer Schrotthalde der Bronx von einem Wrack abmontiert und im Taxi nach Manhattan gebracht. Zwischengelagert und vom schlimmsten Rost befreit wurde sie in der Badewanne des Hotelzimmers. Zu Hause wollte er sie in den Firmenwagen der Tierschau, einen Cadillac, einbauen.

Obwohl ich damals längst aufgehört hatte, mich über Herrn Gaedt zu wundern, wollte ich wissen, wie er gedenke, das Teil nach Hause zu bringen. „Als Handgepäck im Flugzeug“, sagte er. Ich sagte nichts. Einige Tage später fuhren wir mit dem rostigen Monster im Taxi zum Kennedy-Airport, wo uns der Fahrer versehentlich am falschen Gate rausließ. Mit Hilfe einer Handkarre mussten wir die Cadillac-Tür zu unserem gut einen Kilometer entfernten Gate bringen. Unterwegs regnete es in Strömen. Klatschnass erreichten wir unsere Abflug-Halle. Drinnen hielt sich eine Schar sehr junger Mädchen in Schul-Uniformen auf. Der Spott bei unserer Ankunft war vernichtend, und es gab kein Entkommen.

Das Personal unserer Fluglinie reagierte eher cool: Unter viel Gelächter akzeptierte es die Cadillac-Tür tatsächlich als Handgepäck. Kaum wieder zu Hause, baute Herr Gaedt das Teil, frisch lackiert, in seine schwarze Limousine ein.

Wenig später brachen wir mit diesem Auto zur außerbetrieblichen Fortbildung zum Zelt-Festival an den Zürcher See auf. Aus Gründen heimischer Sparsamkeit verweigerte Herr Gaedt den Kauf einer Schweizer Autobahn-Vignette. Wir mussten also über Land­straßen, und es dauerte nicht lange, bis uns ein eidgenössischer Bulle anhielt. „Sie können hier nicht fahren“, sagte der Beamte, „das Auto ist viel zu groß für die Landstraße.“ Herr Gaedt antwortete: „Wieso? Wir fahren doch längs und nicht quer.“ Der Bulle sagte nichts, und wir fuhren weiter. Immer weiter.



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