Bauers Depeschen


Samstag, 28. November 2015, 1558. Depesche


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WEIHNACHTSGESCHENK: Mein neues Buch gibt es im Handel und an der Mahnwache gegenüber vom Hauptbahnhof: "In Stiefeln durch Stuttgart - Zwischen Komakäufern und Rebellen". Diese Texte sind besser fürs Klo geeignet als jede Zeitung. Und das Smartphone fällt nicht in die Schüssel. Man muss seine Zeit nutzen.



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DAS RAUSCHGIFT DER SELBSTTÄUSCHUNG

Diese Zeilen führen in den geheimnisvollen Stadtbezirk Cannstatt, wie schon in der vorherigen Kolumne, als ich unter anderem das Geburtshaus von Albert Einsteins Mutter Pauline Koch in der Badstraße erwähnte. Dieses Gebäude mit der Nummer 22 wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Allein in dieser Badstraße, die vom Wilhelmsplatz zum Neckar führt, sind so viele gute Geschichten von berühmten Menschen zu Hause, dass ich denke: Cannstatt, das die Nazis 1933 in „Bad Cannstatt“ umtauften, nehmen die Stuttgarter Politiker und ihre Stadtvermarkter bis heute nicht gebührend wahr. Der diesseits und jenseits des Neckars hochverehrte Schriftsteller Thaddäus Troll hat einmal gesagt: „Ich bin in Cannstatt geboren und lebe in Stuttgart, also in der Emigration.“ Diese Sichtweise stimmt bis heute.

Am kommenden Montag verleiht der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg (FdS) den diesjährigen Thaddäus-Troll-Preis an die 1980 in Mannheim geborene Lyrikerin Carolin Callies. Die Feierlichkeit in der Stadtbibliothek könnte diesmal allerdings mehr Fragen über den Namensgeber der Auszeichnung aufwerfen als zuvor.

Zurzeit (und bis zum 31. Januar 2016) zeigt das Museum der Universität Tübingen die Ausstellung „Hans Bayer/Thaddäus Troll – Kriegsberichter im Zweiten Weltkrieg“. Hans Bayer, der nach dem Krieg als Schriftsteller unter dem Pseudonym Thaddäus Troll Karriere machte, wohnte 1932/33 als Philosophiestudent in der Tübinger Grabenstraße 25 bei der Hebamme Babette Beckert. Die Schau über die braune Vergangenheit des Erfolgsautors (und die Kriegspropaganda-Kompanien der Nazis) war zuvor bereits im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors zu sehen. In Stuttgart dagegen fand sich kein Veranstalter für die Ausstellung. Alle infrage kommenden Institutionen weisen die These, die Nazi-Karriere des schwäbischen Dichterfürsten unter den Teppich zu kehren, weit von sich. Merkwürdiger­weise ist im Ausstellungskatalog zu lesen, Joseph Goebbels’ Propagandaoffizier Hans Bayer sei „kein Mitglied der NSDAP“ gewesen. Erst im Lauf der Tübinger Schau wurde ein Beiblatt in den Katalog geklebt, das diese Behauptung mit dem Hinweis auf neue Forschungen korrigiert.

Tatsächlich hatte der in Dettingen an der Erms lebende Historiker Günter Randecker, ein Experte für schwäbische Widerstandsgeschichte, schon einige Zeit zuvor bei seinen Recherchen vom Berliner Bundesarchiv die Auskunft erhalten: Der 1914 geborene Hans Bayer beantragte die Aufnahme in die NSDAP am 16. Juli 1937. In einem Zeitungsartikel schrieb Randecker 2014 zur Berliner Troll-Schau: Die Mitgliedskarte Nummer 5 462 997 für den damaligen „Schriftleiter“ bei der „Ludwigsburger Zeitung“, zugleich Doktorand, sei am 10. Mai 1938 ausgestellt – und Bayer rückwirkend zum 1. Mai 1937 in die Nazi-Partei aufgenommen worden.

Der ehemalige Wehrmachtsleutnant Bayer hat seine NSDAP-Mitgliedschaft stets bestritten. Sein berühmter, 1947 formulierte Satz „Wir waren gute Deutsche, aber schlechte Nationalsozialisten“ muss demnach unter der Wirkung des von ihm so bezeichneten „Rauschgift der Selbsttäuschung“ entstanden sein. Denn auch seine Rechtfertigung, er habe als NS-Propagandist nur „Reportagen über die Kämpfe“ und Schilderungen von Land und Leuten geschrieben, entspricht nicht der Realität. Dr. Hans Bayer trat 1941 in die Propagandakompanien der Nazis ein und arbeitete von August 1943 bis März 1945 als Schriftleiter der Wehrmachtszeitung „Der Sieg“. Er hatte unter anderem den Auftrag, das Elend im Warschauer Ghetto und die verheerende Niederlage von Hitlers 6. Armee in Stalingrad zu verharmlosen. 1941 war er wohl, so ist seinen Tagebuchaufzeichnungen zu entnehmen, mitverantwortlich für eine Reportage über das Warschauer Ghetto mit dem zynischen Titel „Juden unter sich“. Noch Ende 1944 kommentierte er das missglückte Hitler-Attentat der Gruppe um Stauffenberg in „Der Sieg“: „Erweisen wir uns durch Standhaftigkeit des Wunders würdig, das am 20. Juli Herz und Hirn des deutschen Volkes, das unseren Führer gerettet hat!“

Nach dem Zweiten Weltkrieg, sagen Wegbegleiter, hat sich Hans Bayer als Schriftsteller Thaddäus Troll regelrecht „neu erfunden“. Mit Kollegen wie Günter Grass und Heinrich Böll unterstützte er den Wahlkampf von Willy Brandts SPD. Dass prominente Medienleute und Autoren der neuen Republik zuvor der Wehrmachtspropaganda gedient hatten, war im Übrigen keine Seltenheit. Zu ihnen gehörten der „Stern“-Chefredakteur Henri Nannen, der ZDF-Intendant Karl Holzamer, der Hörfunk- und TV-Journalist Peter von Zahn, der Bonner „FAZ“-Korrespondent Walter Henkels.

Seine Vergangenheit hat dem Ansehen des erfolgreichen Schriftstellers und Satirikers Thaddäus Troll („Deutschland deine Schwaben“) nie geschadet. Im vergangenen Jahr wurde der 100. Geburtstag des schwäbischen Dichters in den verschiedensten Kreisen groß gefeiert. Er selbst hat nie über seine Nazi-Zeit gesprochen, dafür seine Schuldgefühle und die Verdrängung der Verantwortung thematisiert: „Ich flüchte vor dem Gedanken, dass ich feige war.“ Unbestritten ist, dass er im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Nazis alles daransetzte, aus seiner Rolle als Handlanger des Verbrechens die Lehren zu ziehen und Wiedergutmachung zu leisten. 1980 wählte Hans Bayer/Thaddäus Troll den Freitod. Am Haus seiner letzten Stuttgarter Wohnung, in der Traubergstraße 10 in der Gänsheide, hängt eine Gedenktafel. Im Cannstatter Zentrum findet man den kleinen Thaddäus-Troll-Platz mit einem Brunnen.

Der Heimatforscher Randecker, der den Schriftsteller persönlich kannte und ihn schätzt, verweist vor der Thaddäus-Troll-Preis-Verleihung am 30. November auf ein historisches Datum: „Am 1. Dezember jährt sich zum 74. Mal die Deportation württembergischer Juden in die Vernichtungslager der Nazis vom Killesberg aus. Ich weiß nicht, ob von den bisherigen 32 Preisträgern jemand den Weg zur Erinnerungsstunde am ersten Dezembertag um 12 Uhr an der Gedenkstätte im Höhenpark finden wird."



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