Bauers Depeschen


Donnerstag, 29. Oktober 2015, 1543. Depesche


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LETZTER FLANEURSALON des Jahres am Dienstag, 15. Dezember, im Schlesinger. Eric Gauthier, Eva Leticia Padilla, Michaeld Gaedt. Karten gibt es bereits in der Kneipe.



DIE 15. BENEFIZ-SHOW in der Reihe "Die Nacht der Lieder" am 8./9. Dezember im Theaterhaus ist nahezu ausverkauft. Hier Video-Bilder vom vergangenen Jahr:

DIE NACHT DER LIEDER 2014



MEIN NEUER Kolumnen-Band "In Stiefeln durch Stuttgart" ist im Buchhandel erhältlich. Am 15. Dezember beim Flaneursalon im Schlesinger signiere ich auf Wunsch.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



BLUTWURST UND EINBRECHER

Am Morgen ging ich durch den Westen Richtung Feuersee. Die Gehwege waren in ein Morgenlicht getaucht, wie es der Herbst nur in seinen besten Oktobertagen hervorbringt. In solchen Stunden fallen dem Spaziergänger die Schritte leichter als sonst, mit überschüssiger Kraft kickt er das Laub vor sich her, bis er sich beim Bäcker Dreßler in der Senefelderstraße ein Dinkelbrötchen und zwei Landjäger kauft.

Ich mag eigentlich keine Landjäger, aber ein Mann muss leben, was er schreibt. Bekanntlich hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese Woche die Schreckensnachricht verbreitet, verarbeitetes Fleisch sei krebserregend. Das ist geradezu ein Fressen für die Kalauer-Dichter, die mit ihren Wortspielereien den guten Humor abschlachten: Seit Tagen geht es nur noch um die Wurst. Wissenschaftler rücken Schinken und Speck auf die Pelle. Ab sofort hat die Wurst nicht mehr wie im Blödelschlager zwei Enden, sondern nur noch ein böses. Fleisch verzehrende Fressgeneralisten wie ich haben daran schwer zu kauen. Die WHO-Warnung schlägt auf den Schwartenmagen, und der brave Metzger schaut aus der Wäsche wie Leberkäse.

Zur Erhellung des Fleischfalls muss ich ein Gedicht des Autors Wiglaf Droste loswerden: „Es trank eine schreibende Eselswurst / Beim Schreiben gewaltig über den Durst / Sie wurde euphorisch, die I-A-Salami / Und hielt sich für Haruki Murakami.“

Bei Herrn Murakami handelt es sich um einen großen japanischen Schriftsteller, dem wir Metzger den surrealistischen Detektivroman „Wilde Schafsjagd“ verdanken. Damit beende ich das Thema, hisse in meinem Kühlschrank die Fahne der Vegetarier und Veganer und lege als alter Kalauer-Wiederkäuer ein umfassendes Geständnis ab: Nicht nur Rache, auch unsereins isst Blutwurst. Am liebsten mit Sauerkraut.

Bei der ganzen Aufregung um giftiges, Darmtumoren erzeugendes Tierfleisch fiel mir beim Kauf meiner Landjäger Herr Kotz aus Stuttgart ein. Herr Kotz ist als Handwerker und Stadtrat nicht nur aufrechter Demokrat, sondern auch Christdemokrat, was ihn dieser Tage dazu beflügelte, das Kollegenwürstchen Tom Adler von der SÖS-Linke-Plus-Fraktion einen „Ein¬brecher“ vom „extremistischen Rand“ zu heißen. Tatsächlich war der Genosse Adler neulich in Begleitung eines Kameramanns durch ein seit zwei Jahren leer stehendes Gebäude am Eugensplatz ¬spaziert, um auf die eklatante Wohnungsnot, den Mietwahnsinn und den Leerstand in der Stadt aufmerksam zu machen. Das ehemalige Haus des Paritätischen Bildungswerks hat eine Bietigheimer Immobilienfirma gekauft, um es abzureißen und „exklusive Eigentumswohnungen“ auf dem Gelände zu bauen.

Sicher ist, dass Genosse Adler nicht gewaltsam in das Gebäude gegenüber dem berühmten Galateabrunnen eingedrungen ist; irgendeiner von Ali Babas 40 Räubern in der Protestgemeinde, die sich bei der Aktion versammelt hatte, muss den „Sesam öffne dich“-Code besessen haben. Der „Einbrecher“ allerdings hatte großes Glück, dass ihm bei der Ausführung seiner Tat nicht der Besitz eines Taschenmessers, einer Nagelfeile oder eines roten Würstchens nachgewiesen werden konnte. Herr Kotz, ein ¬Spezialist aus der Gas-/Wasser- und Lüftungs-Branche, hätte ihm sonst bewaffneten Überfall mit Unterstützung der kriminellen Vereinigung vor der Haustür am Eugensplatz vorgeworfen. Demonstranten haben ja fast immer einen terroristischen Hintergrund, sofern sie nicht bei einer „Demo für alle“ mithilfe von Neonazis den Frieden aufrecht erhalten.

Der Tatort Eugensplatz taugt übrigens sehr gut für das Gangsterstück des Genossen Adler: Gegenüber steht die mit feinem Spießergeschmack gestaltete Gedenksäule für den Komiker Loriot: obendrauf der Bronze-Mops, also dieser saudumme vegetarische Hund, der dem Koch ein Ei stiehlt – statt des Bratens.

Da wie gesagt ein bewaffneter Überfall leider auszuschließen war, zumal eine Kamera nur im aufklärerischen, nicht aber im justiziablen Sinne als Waffe gilt, spekulierte die Polizeifachpresse zunächst darüber, ob der Genosse Adler wegen „Hausfriedensbruchs“ angezeigt und arretiert werden müsse. Als schreibende Eselswurst allerdings komme ich nicht dahinter, wie ein auf leisen Sohlen durch die Gänge wandelnder Stadtrat in einem menschenleeren Haus den „Frieden“ stören könnte.

Womöglich aber hat das Haus eine Seele – und die wird so lange in Frieden ruhen, bis sie die Abrissbagger der Investoren zur Hölle schicken. Nach meinen investigativen Ermittlungen dürften in dem toten Gebäude sogar mehrere gute Seelen schlummern: Neben dem Bildungswerk residierten darin früher auch die Deutsche Friedensgesellschaft mit den Vereinigten Kriegsdienstgegnerinnen und der Seniorenschutzbund Graue Panther, zwei Organisationen, die Herr Kotz als militant einstufen wird. Das ehrenwerte Haus in der Haußmannstraße 4 war also eindeutig die Heimat der armen Würstchen – und soll demnächst zu Gunsten der Reichen fallen. Da ist es doch kein Wunder, wenn uns die Nymphe auf dem Galateabrunnen am Eugensplatz den nackten Arsch hinstreckt.



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