Bauers Depeschen


Samstag, 28. Februar 2015, 1424. Depesche


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FLANEURSALON IN DER FRIEDENAU

Am Mittwoch, 11. März, ist der Flaneursalon in der FRIEDENAU in Stuttgart-Ostheim. Es spielen Stefan Hiss, Dacia Bridges & Gabriel Holz, Roland Baisch. Beginn 20 Uhr. Reservierungen: 07 11 / 2 62 69 24. Die Friedenau, Rotenbergstraße 127, ist leicht mit der Straßenbahn erreichbar: Linie 9, Haltestelle Raitelsberg, Fußweg 1 Minute.



Die aktuelle StN-Kolumne:



BERLIN, MEXIKO, NEW YORK

Wenn es zum ersten Mal im Jahr nach Frühling riecht, gehe ich zum Marienplatz. Der 26. Februar war so ein Tag. Nach einer langen saukalten Zeit voller lächerlicher Krankheiten und Entbehrungen schien sich das Leben zum Guten zu wenden. Die Sonne am blauen Himmel brannte nicht mehr auf den Pelz, weil keiner mehr nötig war.

Wie gehabt saßen die Menschen in Reih und Glied vor den Bars neben der Bankfiliale im Kaiserbau. Blick auf die Zahnradbahn und den Marienplatz, wo schon viele andere die Treppen erobert hatten, im Gesicht die Sonne, vor der Nase die Autos auf der Straße und den SMS-Verkehr auf ihren Smartphones.

Einer der Kaiserbau-Investoren, habe ich gelesen, hat die kurze Café-Strecke zwischen dem Ende der Tübinger Straße und der Stadtautobahn Hauptstätter Straße als „ein Stück Berlin“ bezeichnet. Ich kann dieses Dorfgeschwätz aus den Marketing-Büros nicht mehr hören. Warum nennt man ein paar Auslaufmeter für ein paar Dutzend läufiger Bar-Hocker und einige Hornbrillen-Hipster nicht einfach ein Stück Marienplatz? Oder ein Stückle Stuttgarter Süden? Was haben eine Handvoll benachbarter Kneipen im Kessel mit dem Kiez-­Leben in der Millionenstadt Berlin zu tun?

Keine Frage, der dynamisch-offene Marienplatz, ist eine schöne, einladende Nische in der Stadt geworden, die neuen Bars sind gute Belebungsstationen. Zwischen der Gelateria, dem italienischen Café Kaiserbau, der Pizzeria La Signorina und dem Fahrradladen Bike-Sport hat sich das Condesa etabliert. Die Investoren gaben den Chefs der neu gebauten Bar nach einer Probezeit einen unbefristeten Mietvertrag.

Der Name Condesa ist mir geläufig, seit ich neulich einen Freund in Mexiko-Stadt besucht habe. Auf unseren Touren spazierten wir auch durch den Bezirk Condesa (spanisch für Gräfin). Das Quartier mit seinen Jugendstil- und Art-déco-Anleihen aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts ist das bekannteste Gentrifizierungs-Viertel der mexikanischen Hauptstadt. Es liegt neben dem Bezirk Roma, beides teure Wohngegenden mit Bars, Parks und Einkaufszentren. Bildende Künstler, Musiker und andere Artisten zogen in diesem Revier vor der Jahrtausendwende Yuppies, Investoren und Europäer an. Gut in Erinnerung sind mir die vielen Hundesitter, die rudelweise Huskys, Windhunde und andere exotische Köter der Reichen durch die Grünanlagen führen.

Folgt man der Investoren-Logik, haben wir neuerdings also auch ein Stück Mexiko am Marienplatz. Bester Beweis dafür ist auf der Condesa-Karte der Café Americano: ein auch in Mexiko üblicher, mit Wasser gestreckter Espresso. Nicht zu verwechseln mit dem Filterkaffee zum Nulltarif in US-Restaurants oder gar mit dem deutschen Muckefuck, einem erregenden Kaffee-Ersatzgebräu aus alten Zeiten.

Adios, Marienplatz. Über die Hauptstätter Straße gehe ich in die Kolbstraße 17, zu Annas Treff. Bis Ende 2013 hatte die Wirtin Anna Soussouridou ein Lokal am Marienplatz: den Treff bei Anna in den Räumen des heutigen Condesa. Dann passte ihre Eckkneipe für den einfachen Mann nicht mehr ins Investoren-Konzept. Seit einem Jahr ist Anna in der Kolbstraße.

Ich schaue nach, was es mit dieser Straße auf sich hat. Benannt wurde sie nach Paul Kolb, dem Chef der 1845 gegründeten Kolb’schen Brauerei an der Ecke Lehen-/Heusteigstraße, am Ende der heutigen Kolbstraße. Auf dem Brauereigelände ­wurde 1898 das Varieté Apollo eröffnet. Bei uns kennt man ein Apollo-Theater als Möhringer Musical-Bühne. Das ­wahre, das berühmte Apollo-Theater, die Heimat von James Brown und Michael Jackson, steht dagegen in Harlem. Angesichts unserer Stadtgeschichte, als Harlem-Tourist und mit großem Respekt vor unseren weltläufigen Immobilien-Investoren stelle ich deshalb fest: Die Kolbstraße ist ein Stück New York!

Die Wirtin Anna hat die Sechzig überschritten und eine Menge Erfahrung im Kneipengeschäft. Leider ist sie mit ihrem neuen Lokal nicht so richtig glücklich. Viele ihrer alten Stammgäste sind nicht mit ihr umgezogen. Am Marienplatz kamen sie noch alle. Renter, Lehrer, Arbeiter, Akademiker, Gewohnheitszecher, Automatenzocker, junge und alte Abhänger, Neugierige. Einige waren schon Gast bei Anna gewesen, als sie noch mit ihrem Mann Georgios in der Nähe die Hauptstätter Stube, die frühere Kolbstube, führte. Georgios starb vor fünfzehn Jahren.

Annas Laden im Kaiserbau haftete der Wohnstubengeruch des Rauchers an, gemütlicher Schmuddel. Die neu gestaltete Kneipe in der Kolbstraße, vor Jahren mal das Gastro-Domizil des Ex-Boxers Claus „Attila“ Parge, ist geräumiger, moderner, mit ihren dunklen Polsterbänken und Holzstühlen etwas feiner ausgefallen. Tabak jedoch ist nach wie vor erlaubt, die Automaten stehen noch, es gibt Flachbildschirme zum Fußballgucken und ein Nebenzimmer für den vertraulichen Rückzug.

Annas Treff läuft nicht wie früher. Die Wirtin muss kämpfen. Eigentlich könnte ihre Bar am Rande des Marienplatz-Trubels ein lustiger, internationaler Laden werden. Eine Griechin als Chefin, im Ausschank Anja aus Polen, Mariam aus Georgien, Martha aus der Slowakei. Das sind doch gute Voraussetzungen für ein neues Kolbstraßen-Varieté voller Lebenskünstler. Für eine Stadtteilkneipe im kühlenden Schatten der leuchtenden Kaiserbau-Bars.



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