Bauers Depeschen


Samstag, 21. Februar 2015, 1420. Depesche


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LIED DES TAGES



LIEBE GÄSTE,

mein kurzer Ausflug ist beendet, bin zurück, hatte ein paar anregende Tage mit schönem Februar-Wetter und gutem Programm in Berlin. Damit sofort weiter zur heimischen Unterhaltung: Für den FLANEURSALON am Mittwoch, 11. März, in der Friedenau in Stuttgart-Ostheim gibt es noch Karten: 07 11 / 2 62 69 24. Werde mich nach den Ferientagen anstrengen, einen würdigen Abend für den wundervollen Wirtshaussaal der Friedenhau zusammenzustellen. - Heute, rechtzeitig zum großen Tag auf der Waldau, gibt es auf dieser Seite einen neuen Zeitungstext.



Die aktuelle StN-Kolumne:



ES ROCH NACH GULLY

Weil sich der Februar-Nebel im Talkessel aufs Gemüt legt, habe ich mich mit einem der letzten noch funktionierenden Teile der deutschen Eisenbahn nach Berlin abgesetzt. Auswärtspartien schärfen den Blick auf die Heimat, und selbstverständlich bin ich rechtzeitig zurück zum großen Spiel der Stuttgarter Kickers gegen Arminia Bielefeld an diesem Samstag.

Unser Fußballplatz auf der Waldau ist mehr als hundert Jahre alt, vor 1905 waren die 1899 gegründeten Kickers am Stöckach zu Hause. Gegen Bielefeld wird nach langer Abwesenheit in der Fremde die neue Tribüne eingeweiht. Ein modernes Vehikel für Menschen, welche die Strafe für ihre merkwürdigen Neigungen per Dauerkarte absitzen. Die aufrechte Mehrheit der Fans verfolgt die Spiele wie bisher im Stehen.

Die Bedeutung der Sportstätten-Architektur darf man nicht unterschätzen. Beim „Politischen Aschermittwoch“ im Berliner Tempodrom spottete der Kabarettist Max Uthoff, die Hauptstadt bewerbe sich nur deshalb um die Olympischen Spiele, weil man im Olympiastadion mal wieder gute Sportler sehen möchte. Im Alltag kicken dort die Gurken von Hertha BSC.

Das neue Kickers-Bauwerk habe ich mir bisher bewusst nicht angeschaut. Der Blick auf eine leere Tribüne, die Begegnung mit einer blutleeren Geisterstätte bringt Unglück, sagte ich mir. Ich muss das Ding als Teil des Gesamtkunstwerks erleben: mit Hymne, Gesängen, Pfiffen, Schreien, Verrenkungen, mit den ersten Suizid-Versuchen liebenswerter Menschen in den Schlingen verknoteter Krawatten unterm Tribünendach.

Zu befürchten ist, dass nach dem Abspielen unserer schönen, von Erwin Lehn komponierten, von Blacky Fuchsberger gedichteten Hymne ein Unglück geschieht: Wie in den Spielen zuvor wird wohl auch bei der Rückkehr ins gelobte Land Helene Fischers schreckliches Sauerstoffmangel-Genöle „Atemlos durch die Nacht“ den Himmel über der Waldau verschmutzen. Der ist normalerweise sogar bei Bodennebel blau.

Bisher war der Schlager-Schock gerade noch zu verkraften. Unser Team hat monatelang im Reutlinger Exil bewiesen, dass es auch ohne die erotische Energie des Degerlocher Waldes in in die zweite Liga aufsteigen kann. An der Reutlinger Kreuzeiche, der Not-Absteige während der Umbauzeit, fiel die „Atemlos“-Nummer nicht so auf. Auch der Rest der Stadt riecht ja irgendwie nach Frau Fischer. Doch sollte man für die Reutlinger Gastfreundschaft dankbar sein. So einen lustigen Fußballplatz sieht man selten: Die fast erstligataugliche Tribüne mit ihrem Kreisliga-Umfeld steht als Mahnmal, als Torso gegen den Größenwahn.

Damit sind wir bei der Geschichte. Der Fußball, eine Filiale der Emotionsfabrik Entertainment, hat sich auch im Kleinen enorm verändert. Mein Kollege Max Fastus, vor fünfzig Jahren A-Jugendspieler bei den Blauen, erinnert sich an den Kickersplatz Mitte der Sechziger: „Am Kassenhäuschen vorbei, betrat man das Gelände. Rechter Hand der Flachbau mit der Geschäftsstelle, unter demselben Dach die Umkleideräume für zwei Mannschaften. Alles extrem beengt, in der Kabine Massagetische. Daneben zwei Duschräume, Betonboden und Holzrost – immer roch es nach Gully.“

Hinterm Stadion, erzählt Fastus, lag der Trainingsplatz: „Tiefer Lehmboden, Rasen nur an den Rändern. Bei Regen eine Schlammwüste. Techniktraining unter erschwerten Bedingungen. Das Amateur-Team und die A-Jungend trugen ihre Spiele in der Regel auf der Bezirkssportanlage Waldau aus. Die erste Mannschaft trainierte fast ausschließlich auf den städtischen Plätzen unten am Neckarstadion. Das heutige ADM-Sportparkgelände gehörte der Uni, bei Regen war es gesperrt. Bei vereistem Geläuf im Winter wurde auch mal auf dem großen Parkplatz trainiert.“

Im Vereinsheim saßen der Präsident, der legendäre Walter „Papa“ Queißner, und seine Vertraute dicht beim Fußvolk. Fußball ohne Eitelkeiten. Die Holztribüne auf dem Kickers-Platz, nach dem Vorbild des FC Arsenal London erbaut und 1913 eingeweiht, wurde 1975 abgerissen. Danach gestaltete der Club der Semi-Profis sein Dasein etwas professioneller – und war später mangels Kleingeld nur mehr Gast im eigenen Haus.

Für uns, die Kickers-Anhänger im B-Block gegenüber der Tribüne, sind die Vereinsinnereien eher nebensächlich. Wir haben viel mitgemacht, wir waren mit den Kickers in der ersten und in der vierten Liga. Die Unterschiede erschienen mir gar nicht so groß. Wenn ich heute durch Berlin spaziere, denke ich an das große DFB-Pokalfinale zwischen dem Hamburger SV und den Stuttgarter Kickers 1987 im Olympiastadion. Und wenn ich den jüdischen Friedhof im Bezirk Weißensee besuche, erinnere ich mich, wie man den Kickersplatz auf der Waldau einst „Judenwiese“ und „Hebräerwiese“ nannte. Bis heute geht der Begriff „Golanhöhe“ um. Die Kickers haben eine jüdische Geschichte. Dazu gehört der frühe Rausschmiss der jüdischen Mitglieder und Sportler aus dem Verein nach dem Machtantritt der Nazis. Auch dieses Kapitel ist Teil der von Fußfans so viel beschworenen Tradition; dankenswerterweise gibt es Kickers-Leute, die das Kapitel aufarbeiten.

Und es gibt welche, die sich noch an diese sportliche Sache erinnern: Am 8. April 2001 gewannen die Blauen das Zweitliga-Duell gegen den Erstliga-Absteiger Arminia Bielefeld mit seinem Star Labbadia 2:1. Dennoch stiegen sie am Ende der Saison ab. Diesmal geht es gegen den Tabellennachbarn Arminia bei Gott nicht nur um den Auf- und Abstieg der Schalensitz-Schwadroneure im Glanz der neuen Tribüne. Wir sind auf dem Weg in die zweite Liga. Es geht mal wieder um alles, und wie immer ist das nicht genug.



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