Bauers Depeschen


Mittwoch, 28. August 2013, 1162. Depesche


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Lieber Zu Weit Gehen Als Gar Nicht.



TAGEBUCH

Besuch bei Eels im Theaterhaus: Die Wurzel der Kunst ist der Humor, auch im Rock 'n' Roll. Düster und krachend das lustige Leben - und die Eels spielen Peter Greens "Oh Well" ...



FLANEURSALON IM THEATERHAUS -

MIT DACIA BRIDGES & WOLFGANG DAUNER

Montag, 4. November, THEATERHAUS, 20 Uhr: 15 Jahre Joe Bauers Flaneursalon, die Geburtstagsshow mit Dacia Bridges & Wolfgang Dauner, Toba Borke & Pheel, Los Santos (mit Stefan Hiss), Roland Baisch - und als Gast Uta Köbernick. Vorverkauf läuft. Kartentelefon: 07 11 / 4020 720.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



ACHTUNDZWANZIG FRAUEN

Durch den Dachswald lief ich, es war mühsam, und es roch nach Herbst. Die Luft feucht, der Boden aufgeweicht von einem Regen, der schon Ende August altweibersommerliche Kühle in den Talkessel spült. Auch das Wasser im Mineralbad fühlt sich wieder frischer an als in den Tagen der ­Sonnenölpest. Es perlt geschmeidig, und der Gast weiß es zu schätzen: Tief im Tal nimmt er sein Berg-Bad.

An den Tagen, wenn Pfützen auf den Waldwegen den Läufer zu seltsamen Sprüngen zwingen und sich der Duft frisch versprühter, schon etwas metallic getönter Herbst­farbe in die Luft zu mischen scheint, riecht es nach Fußball. Nach geschnittenem Gras und einem Regenspiel.

Auf Wiedersehen, Dachswald. Auf der Waldau, am Kickersplatz, steckt der Mensch seine Nase tiefer ins Gras als in einem großen Fußballstadion, wo es um andere Dinge geht. Wer sich gern den schönen Flecken von Stuttgart zuwendet, kann überall seiner Gras-Nase folgen, wenn er eine hat. Von der Waldau ins Tal, auf einem kleinen Umweg an der Schiller-Eiche vorbei, in der Hoffnung, im Wald, da seien die Räuber. Beim Fußballspiel ­zuvor herrschte eine ereignishafte Langeweile, wir sahen eine Zeittotschlag-Vorstellung erster Güte. Falls Sie nicht wissen, wovon ich rede: Am Sonntag fand das Spiel zwischen den Stuttgarter Kickers und dem VfB Stuttgart II statt, man spricht bei solchen Aufeinandertreffen von einem Derby, vom Ehrenkampf lokaler Erzrivalen. Es war ein Nichts, und das sage ich nicht, weil wir verloren haben.

Bei diesem Spiel lag weniger Fußballduft in der Luft als beim Waldlauf im Dachswald, und um jede emotionale Regung zu unterbinden, hatten die Herren des Deutschen Fußballbunds an eben diesem Sonntag auch das Erstligaspiel des VfB in Augsburg angesetzt. So fuhren, um das Derby nicht zu stören, alle braven VfB-Fans nach Augsburg, in die Geburtsstadt des Dichters Bertolt Brecht, der ja oft mit dem Punchingball trainierte, am liebsten nach der Lektüre von Kritiken. Auf der Waldau weit und breit keiner mit Punchingballs in der Hose. Wir hingen, der Fan-Folklore beraubt, in unserem Block herum wie aus­gelutscht und sehnten uns nach dem letzten Gong.

Solche Tage gibt es, wenn der Sommer zu Ende geht und der Herbst sich noch im feuchten Schlaf windet. Der Spaziergänger lässt sich davon nicht irritieren. Die Tour geht weiter, vielleicht noch eine ganze Weile, und in der Tasche stecken zur Lektüre in der Straßenbahn die Verse von Ringelnatz. Er war der Dichter und Maler, der in den zwanziger Jahren als Kabarettist in Stuttgart gefeiert wurde, ehe die Nazis seine Bücher verbrannten. „Die Blätter treiben und trudeln, / Gewendet von ­Winden und Strudeln / Gezügig, und sinken dann still. / Wie jeder, der Großes erlebte, / Als er an Größerem bebte, / Schließlich tief ausruhen will “, heißt es in seinem Gedicht „Herbst im Fluss“.

Anlässlich seines 130. Geburtstags ehrt ihn seine Heimatgemeinde Wurzen in Sachsen zurzeit mit der Ausstellung „Die Frauen um Ringelnatz“. Es geht um achtundzwanzig Damen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, mit denen er Brief­freundschaften pflegte. Heute hätte der Unter­haltungskünstler Ringelnatz fünfund­­­dreißigtausend Facebook-Freundinnen und reichlich Stress, wollte er neben den Blättern auch den Frauen beim Treiben und Trudeln zuzuschauen.

Vielleicht waren die Menschen früher weniger verklemmt. Als ich neulich eine Kolumne mit Notizen zum Kernerviertel gefüllt hatte, schrieb mir der Stuttgarter Künstler Harry Walter, im erregenden Kernerviertel habe der berühmte Schriftsteller, Revolutionär und frühe Sozialdemokrat Albert Friedrich Benno Dulk eine WG mit drei Frauen unterhalten. Wenigstens eine von ihnen war seine rechtmäßige Gattin, aber in der Hochzeitsnacht soll Herr Dulk ihr den Beischlaf verweigert haben, weil er diese Art Sex voll spießig fand. Er wolle, soll er gesagt haben, nicht etwas ­machen, „das alle so machen“.

Herr Dulk, 1819 in Königsberg geboren, seit 1858 in Stuttgart und lange in Untertürkheim zu Hause, starb am 29. Oktober 1884 an Herzversagen auf dem Stuttgarter Bahnhof. Als sein Leichnam nach Gotha überführt wurde, weil Feuerbestattungen in Württemberg verboten waren, gingen trotz gewaltigem Polizeiaufgebot Abertausende Arbeiter auf die Straße. Der Trauerzug zum Güterbahnhof gilt als die größte Demonstration der württembergischen Sozialdemokraten in der Zeit von Bismarcks Sozialistengesetzen. Heute, im 150. Jahr der Sozial­demokratie, kommen nur noch wenige Sozen zu den Bahnhofsdemos. All die anderen machen Sex in der Hochzeitsnacht und auch sonst nur, was alle so machen.



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