Bauers Depeschen


Samstag, 17. November 2012, 1011. Depesche


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SOS: Chemnitzer FC - Stuttgarter Kickers 2:0



FLANEUSALON LIVE - an diesem Sonntag um 19.30 Uhr

Für unsere Veranstaltungen an diesem Sonntag im Theaterhaus und am Montag, 26. November, in der Uhu-Bar gibt es keine Karten mehr. Achtung: Der Abend im Theaterhaus beginnt um 19.30 Uhr.

Am Sonntag, 2. Dezember, machen wir einen Flaneursalon im Weilimdorfer Kulturzelt: Weihnachtstipi, Löwen-Markt, Beginn 19.30 Uhr. Mit Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Dacia Bridges & Gabriel Holz. Siehe WEIHNACHTSTIPI



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DIE RETTUNG

Es ist November, am Apothekentresen liegen „Rescue Pearls“. Rettungstropfen in Flaschen. Viele Apotheken in Deutschland sind jüngst verschwunden, sie waren nicht zu retten. Am Eugensplatz, wo ich am Morgen aus der Stadtbahn steige, war auch mal eine. Sie ist seit einiger Zeit geschlossen, wie gegenüber das Eis­café Pinguin im Winter. Die kalte Jahreszeit ist womöglich nicht die beste Saison für Eis­cafés, trotzdem hat gerade eines an der Schwabstraße in der Nähe des Hölderlinplatzes eröffnet. Italienisch, versteht sich. Früher war dort eine Bäckerei, und der ging es wie den Apotheken.

Italienische Speiseeis-Bars kann man zu jeder Jahreszeit eröffnen, einige italienische Geschäfte haben im Lauf der Zeit eine globale Rescue-Garantie erreicht, die sich ­gewaschen hat. Sie überleben immer, wie ­Italiens Fußball. Das englische Wort rescue erinnert mich an die amerikanische Fernseh­serie „Rescue Me“. Bis 2011 nahm sie New Yorks Feuerwehrleute auseinander, schilderte die Helden vom Elften September als schwulenfeindliche, drogenanfällige Psychopathen. Folge für Folge wurde viel schwar­zer Humor verspritzt. Hätte es eine solche Serie über die deutsche Feuerwehr gegeben, wäre Stuttgarts Innenminister mit Löschzügen vor den Fernsehsendern aufgefahren.

Die „Rescue Pearls“ neben der Apothekenkasse haben mich daran erinnert, wie wichtig es ist, sich auf die Kälte des Lebens vorzubereiten. Manche nennen diese existenzielle Phase auch Winter. Um mich ­winterfest zu machen, gehe ich im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter ins Mineralbad Berg.

Es gibt viele Leute, die behaupten, das Perlwasser im Berg sei kalt, schweinekalt. Das ist Unsinn. Kalt ist nur ein anderes Wort für ungewohnt. Wenn mir die Temperaturen in Afrika heiß vorkommen, dann deshalb, weil ich praktisch nie in Afrika bin.

Wer sich im Frühjahr, im Sommer und im Herbst für die winterliche Freiluftsaison im Bad Berg wappnet, wird den Winter im Bad Berg genießen wie einen Sommertag in der Südsee. Was für ein Traum, was für ein Aquarell, wenn sich über dem Freiluftbecken der Wasserdampf mit Nebel mischt und dahinter tief die Sonne steht. Als würde man durch Wolke sieben in den Himmel hineinschwimmen. Es spielt keine Rolle, ob der Himmel zu sehen ist. Es muss einen ­geben. Sonst gäbe es kein Bad Berg.

Nicht einmal auf dem Fernsehturm ist einem der Himmel so nah wie im Freiluftbecken des Mineralbads Berg. Die Leute wollen einem das nicht glauben. Nicht das Blaue. Es ist die Wahrheit.

Um die Wahrheit zu erkennen, muss sich der Mensch ein wenig erhitzen, bevor er ins Wasser geht. Vielleicht mit einer Sauna, fünfzehn Minuten bei fünfundneunzig Grad im Schatten. Mit einem Aufguss vom Typ Bratapfel und guten Gedanken kommt der Saunamensch ins Schwitzen, er reinigt sein ­Gewissen, bevor er der Sonne des ­Lebens entgegen schwimmt.

Es gibt Zeiten, da ist die Sonne nirgendwo zu sehen, die Bäume sind kahl, und das Gras riecht nach einem abgesagten Fußballspiel. Der Freibecken-Schwimmer im Berg spürt trotzdem die Sonne. Eine geheimnisvolle Kraft wärmt sein Hirn, sein Herz, und manchmal wirken die Strahlen bis in den Schritt. Ignoranten halten den Kitzel für eine Blasenentzündung.

Es gibt ein bewährtes Verfahren, vermeintliche Kälte abzuschalten: Der Freischwimmer geht gut aufgekocht ins frische Wasser und taucht sofort unter. Streckt er nach ein paar Zügen den Kopf aus dem Wasser, fühlt er sich wie in Afrika. Man muss dazu seine Bademütze tragen, stolz wie einen Helm, dann kann man am Ufer Löwen und Gazellen sehen. Manchmal schwimmen ein paar ­Enten im Wasser herum, weil auch Enten Lust haben auf ein heißes Bad. Es gibt ­keinen Beweis für die Behauptung, Enten kackten ins Wasser. Und wenn schon. Deshalb holen wir nicht die Feuerwehr. Wir sind ganz anderen Schmutz gewohnt in dieser kalten Stadt.

Ich brauche keine „Rescue Pearls“ aus der Apotheke. Es gib Milliarden Rettungstropfen im Bad Berg. Leider verbreiten viele Leute die Mär, das Wasser sei kalt. Bis eines Tages ein paar wasser- und lichtscheue ­Rathauspolitiker unseren Schatz verscherbeln, und jede Rettung kommt zu spät.



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