Bauers Depeschen


Montag, 30. Juli 2012, 955. Depesche


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SOUNDTRACK DES TAGES



Wie Stuttgart beinahe Olympiastadt geworden wäre:



JETZT GRÖLT MAL ALLE

Das Jahr 2011 war schon angezählt, und wie immer feierten wir Silvester frei nach Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, und dann das Fanal. Als die Raketen stiegen, als viel Geld am Himmel über der Stadt explodierte, blickten wir zurück auf ein großes Jahr: auf das Stuttgarter Jahrhundertjahr. Endlich lief die unterirdische Geldexplosionsmaschinerie St 21 auf Hochtouren, und fast hätte ich zum Neujahrsstart die Geschichte einer anderen großen Stuttgarter Idee vergessen. Denn um ein Haar hätte uns 2012 ein weiteres Jahrhundertspektakel beschert.

In diesem Juli, meine Damen und Herren, steigen die Olympischen Sommerspiele, und wäre Stuttgart 21 nicht dazwischen gekommen, könnte ich schon heute in der Stadt durchs Olympische Dorf flanieren.

Dummerweise finden die Spiele 2012 in London statt, und womöglich hat die Jugend der Welt im globalen Fortschrittswahn vergessen, wen die Götter des Olymps sich dafür in Wahrheit auserkoren hatten. Die Erinnerung an die größten Stunden Stuttgarter Weltpolitik sind verblasst, seit sich die Wirtschaft und ihre politische Service-Abteilung nur noch der Zukunft hingeben. So obliegt es mir, den 12. April 2003 noch einmal aufleben zu lassen, diesen Tag einer Selbstdarstellung, wie man sie nie zuvor erlebt hat.

Am 12. April 2003 präsentieren sich Frankfurt am Main, Düsseldorf, Hamburg, Leipzig und Stuttgart im Kampf um die deutsche Olympia-Bewerbung für 2012. Der Wettbewerb findet im Münchner Hilton statt, und in einem visionären Vorgriff auf das Public-Pissing-Zeitalter lassen Stuttgarts Kampagnen-Manager die Show via Leinwand auf dem Schlossplatz übertragen. Zur Freude der reiferen Jugend singt der damals abgehalfterte Popstar Nena, während ein talentierter SWR-Moderator dem Publikum mit virtuosem Entertainment einheizt: „Jetzt grölt mal alle!“

Im Münchner Hilton sind unterdessen geübte Image-Werber am Werk, Strategen, die man später als Propaganda-Pfeiler für Stuttgart 21 wiedertreffen sollte, etwa den Oberbürgermeister Schuster und den Arbeitgeberpräsidenten Hundt. Der OB geht leicht gehandicapt in sein größtes Rennen. Nach missglückten Leibesübungen in der prä-olympischen Phase hat man seinen linken Arm eingegipst.

Dafür glänzt der Arbeitgeberchef unversehrt und verblüfft das Auditorium mit unvergesslichen Worten über Stuttgarts weltmännische Herausgehobenheit: Die Schwaben, sagte er, seien „richtige Schaffer“.

Der Herr Oberbürgermeister wiederum liest eine Eigenlobrede vom Blatt, deren Unterhaltungswert (so notierte ich damals) „den Schriftwart des SV Heslach bei der Weihnachtsfeier seines Vereins den Kopf gekostet hätte“.

Als psychologisches Kampfmittel hat Stuttgarts Olympia-Delegation an diesem Tag einen Repräsentationsfilm im Gepäck, der mit betörend erotischen Schnarchbildern und seiner wilden Dramaturgie besticht. In dem Streifen ist zu sehen, wie Erwin Teufel - das bigotte Idol des späteren Regierungschefs Kretschmann - im leeren Daimlerstadion seine olympische Mission verkündete. Die Macht der Bilder erkennt damals bereits der Unternehmer Hundt, weshalb er später reichlich Kohle eintreiben lässt, um mit Kinospots die Volksabstimmung zugunsten von S 21 zu manipulieren.

Nicht vergessen möchte ich den Beitrag des Stuttgarter Olympiabüro-Leiters, eines Herrn namens Gründler. Er verblüffte die Münchner Juroren mit der Nachricht, in Stuttgart gebe es Fünf-Sterne-Hotels. Ein großes Aufatmen ging durch die internationalen Reihen. Endlich war klar, dass bei den Spielen von Stuttgart die unbestechlichen Herrschaften aus aller Welt nicht unter der Paulinenbrücke, im Männerwohnheim Nordbahnhof oder im Altstadt-Bordell Uhu nächtigen müssten.

Zuvor schon hatte die fantasiereiche Olympia-Bewerbung unter der Regie des Oberbürgermeisters Aufsehen erregt, etwa als es darum ging, die Bevölkerung aus Stadt und Land für die Spiele zu begeistern. Auf den Schlossplatz stellte man - als architektonische Vorbild für das spätere Kunstmuseum - einen Sperrholzwürfel mit der Aufschrift „Faszination Olympia“, während in einigen Schaufenstern Papierfähnchen mit dem Hinweis auf die kommende Olympiastadt Stuttgart vor Frust vergilbten.

Selbstverständlich hielten die Herren von Stuttgart in ihrer globalen Weitsicht auch die internationale Konkurrenz auf Distanz. Der Stuttgarter Rathauschef gab knallhart das Kommando aus: „Paris, Moskau, London, New York – wir kommen!“ Jesus, schoss es mir durch den Kopf, jetzt zettelt der Kerl den Dritten Weltkrieg an.

Mit Blick auf die deutsche Vergangenheit einigte sich das IOK noch rechtzeitig auf London als Olympiastadt. Es ist nur eine Fußnote der Geschichte, dass Stuttgart am 12. April 2003 beim deutschen Olympia-Contest den letzten Platz belegte und sich trotz einer Millionen-Investion mit seiner Größenwahn-Kampagne bis auf die Knochen blamierte.

Ich erinnere mich gut, wie ich auf dem Schlossplatz gerade eine Rote Wurst verspeiste, als die elektronischen Siegessäulen des Fernsehens die Olympiastadt Stuttgart irgendwo unter Null registrierten. Als mir vor Schreck der Senf auf die Hose flutsche, erkannte ich die Losung des großen Spektakels: Nicht kleckern, sondern kotzen.

Wenig später verbreitet das Stuttgarter Olympia-Büro Verschwörungstheorien und warf dem NOK Mafia-Methoden vor. Die Erfahrungen in diesem Milieu sollten bald darauf den Bauherren von Stuttgart 21 zugute kommen.

Das Finale der Olympia-Bewerbung, von dem ich erzähle, fand exakt anderthalb Jahre vor der OB-Wahl 2004 statt. Auch 2012 ist OB-Wahl. Wie gesagt, der Triumphmarsch durchs Olympische Dorf fällt leider aus. Ersatzweise durften wir zuschauen, wie Athleten unserer Polizeisportvereine bei der Räumung des Schlossgartens Tapferkeitsmedaillen sammelten. Auf diese Weise realisierten unsere Jahrhundert-Politiker doch noch ihre olympische Idee. Über gefällten Bäumen und zerstörten Bahnhofsflügeln wehen die Fahnen der Hammerwerfer von der Deutschen Bahn: tiefer, schneller, reicher.



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