Bauers Depeschen


Dienstag, 24. Juli 2012, 952. Depesche


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KARTEN FÜR DEN FLANEURSALON 

Unsere nächste Lieder- und Geschichtenshow findet am Dienstag, 25. September, statt - im Club Speakeasy, Rotebühlplatz 11. Auf die Bühne gehen der Rapper Toba Borke und sein Beatboxer Pheel, der Sänger/Songschreiber Zam Helga sowie die Sängerin Dacia Bridges mit ihrem Gitarristen Alex Scholpp. Ach so: unsereins ist auch dabei. Beginn 20.30 Uhr. Ab sofort gibt es Karten für den Flaneursalon, und zwar zu 12 €. Mit diesem Sonderpreis unterstützen wir eine neue Veranstaltungsreihe mit Stuttgarter Künstlern im Speakeasy. Vorverkauf im Plattenladen Ratzer Records im Leonhardsviertel (neben dem Brunnenwirt) und in der Bar Wurst & Fleisch, Rotebühlplatz 9. Außerdem gibt es Tickets im Internet: EVENTBÜRO



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



VINCENT UND DIE BATZENWURST

Heute gilt es von einem Ausflug des Kochs Vincent Klink zu berichten. Der Tatort ist in einer Kleinstadt mit elftausend Seelen angesiedelt, in Lorch im Remstal, am Rand des Ostalbkreises. Ihr Wahr­zeichen ist ein Benediktinerkloster, Anfang des 12. Jahrhunderts vom Stauferherzog Friedrich I. gestiftet. Das benachbarte Schwäbisch Gmünd hatte gerade seinen 850. Geburtstag mit einem Kostümspektakel zu Ehren des schwäbischen Adelsgeschlechts der Staufer gefeiert, da kam der Koch, um die Geschichte seiner Heimat mit Zutaten aus seiner Lebenskünstlerküche zu bereichern.

Ein seltsamer Mensch, der Klink. Als Fernsehkoch ist er eine Art Popstar geworden, obwohl er Dinge tut, die jede Popstarkarriere rasch beenden würden. Vincent Klink spielt Jazz – wenn er nicht in seinem separierten Küchenkabuff sitzt und Geschichten schreibt, sobald das Essen in seinem Sterne-Restaurant Wielandshöhe aufgetischt ist. Nachts schläft er wohl ein paar Minuten, um Atem zu schöpfen für das Blasen der Basstrompete.

Vincent I. ist mir nicht ganz unbekannt, dennoch ist es mir ein Rätsel, nach welcher Uhr er lebt. Es muss eine Sonnenuhr sein, seine Miene ist selten düster. Manchmal habe ich den Verdacht, er beschäftige Doubles. Andererseits scheint es mir auch für einen guten Schauspieler unmöglich, diesen Charakterkopf mit seiner charismatischen Bühnenpräsenz glaubwürdig darzustellen.

Es war Sonntag, als Vincent Klink mit einer Handvoll Musikanten und einem Bus voller Männer und Frauen aus seinem Gasthaus die Kirche des ehemaligen Hausklosters der Staufer besetzte. Er erzählte den 400 Gästen, man könne ihn für einen „mittelalterlichen Typen“ halten, und dieser Satz birgt eine Wahrheit, weil man im Lauf des Abends erfuhr, warum sich die Bilder des Lebens über Jahrhunderte hinweg gleichen und wiederholen.

Das Mittelalter ist uns näher, als man denkt. Kein Geheimnis, warum es die Reformer wider besseres Wissen zu einer finsteren Epoche erklärten. Die Apostel des Fortschritts dulden keine andere Sicht auf die Vergangenheit.

Vincent I. moderierte ein Gesprächskonzert mit Musikerfreunden. Er erzählte wie ein Minnesänger von den Staufern und vom Kochen, besser gesagt: von der Stauferküche. Seine Band spielte dazu mittelalter­liche Musik „in zeitgenössischer Interpretation“. Der Abend nannte sich als Hommage an den Geist des Kaisers Friedrich II. „Stupor Mundi – das Staunen der Welt“.

Die Betonung liegt auf „Welt“. Die Globalisierung ist keine Erfindung unserer Zeit (auch wenn die Global Player uns diesen Eindruck vortäuschen). Wenn Klink in der Nouvelle Cuisine ähnliche Eiweiß-Spuren wie in den Soßen des Mittelalters entdeckt, relativieren sich Alt und Neu. Moden und Hypes erscheinen lächerlich. Die Küche des Kaisers im Heiligen Römischen Reich war schon im 13. Jahrhundert so reichlich mit arabischen, afrikanischen, italienischen Elementen bestückt, dass ihr heute nur ein internationales Ensembles in einem Tafelkonzert gerecht werden kann.

Wenn Musik sich innerhalb weniger Stunden betörend durch ein Jahrtausend zieht und bewegende Bilder erzeugt, kommt der Gedanke: Nutzt die Kirchen öfter für Konzerte. Im Kloster schlug der italienische Tamburin-Mann Carlo Rizzo sein kleines Instrument, als wäre es ein ausgewachsenes Schlagzeug; der Stuttgarter Pianist Patrick Bebelaar, der sardische ­Saxofonist Gavino Murgia, der französische Tubaspieler ­Michel Godard und der mutmaßliche Staufer-Nachfolger Vincent Klink an der Basstrompete spielten mittelalterliche Themen mit einer zeitgenössischen Leichtigkeit, wie sie unter guten Freunden aus Spaß an gemeinsamer Arbeit entsteht. Ein Beispiel dafür ist auch der Stuttgarter Bassist Dieter Ilg; als Solist bearbeitete er alte Muster mit modernen Sounds. Verblüffend das Gesangs-Duett von Carlo Rizzo und Gavino Murgia: Obwohl unverstärkt, klingt ihre Stimmakrobatik wie aus einem Elektropop-Song unserer Tage.

Das Publikum, von überall angereist, war begeistert . Das ist der Reiz der Zeitlosigkeit beim spielerischen Umgang mit Geschichte, bei der künstlerischen Verbeugung vor Menschen, die vor uns da waren, bei der Auseinandersetzung mit Orten, wo die Vorfahren begraben liegen, wie die Staufer im Kloster Lorch. Wo es dunkle Flecken gibt, die Nazis das Kloster besetzten, um die Staufer zu verherrlichen. Eine Kolumne ist zu kurz, um einer langen Geschichte gerecht zu werden. Sie ist kürzer als die menschliche Erwartungsschlange vor Vincent Klinks Büfett im Klostergarten. Die Schwäbisch Gmünder Batzenwurst, als Publikumsköder gebraten, hat zwei Enden. Die ­Musik keine Grenzen.



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