Bauers Depeschen


Dienstag, 10. Juli 2012, 944. Depesche


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SOUNDTRACK DES TAGES



NOTIZ

Nächster Flaneursalon am Dienstag, 25. September, im Club Speakeasy, Rotebühlplatz 11. Mit Toba Borke & Pheel, Zam Helga, Dacia Bridges & Alex Scholpp.



BETR.: S 21, PROTEST

Es fällt auf, dass Teile der Stuttgarter Bürgerbewegung am Thema S 21 festhalten, ohne ihren Kopfbahnhof-Horizont politisch zu erweitern. Der internationale Zockerwahn, das Zusammenspiel von Politiker-Marionetten mit Finanzhaien, spielt bei ihrem Protest kaum eine Rolle. Zwar werden gelegentliche Bemerkungen in Richtung Protest-Vernetzung in Demo-Reden rituell mit Beifall quittiert (wie auch schwäbische Folkloremusik auf der Bühne). Aber Teile der Widerständler wehren sich strikt gegen die Ausweitung der Thematik S 21 und den Blick auf die wirtschaftspolitischen Zusammenhänge und Machtverhältnisse.

In Wahrheit ist S 21 ein beispielhaftes Produkt der allgemeinen Spekulantengier. Bei einem zu lange anhaltenden Tunnelblick auf eine spezifische Problematik sprechen Psychologen von der "überwertigen Idee". Im Fall S 21 bedeutet dies: In Zirkeln der Bewegung herrscht zu wenig politisches Bewusstsein, zu wenig Differenziertheit. Die Energie richtet sich ausschließlich auf ein Detail der sozialen Gesamtsituation. Diese Leute kaprizieren sich auf Stuttgart 21. Dabei gäbe es viel zu tun, um das milliardenschwere Immobilienprojekt endlich als Lehrstück in Sachen Profitmaximierung zu begreifen. Mit dieser Erkenntnis wäre man erst recht GEGEN Stuttgart 21.

Womöglich aber wird – nur einen Tag nach der bundesweiten Kampagne "Umfairteilen - Reichtum besteuern" - auch die für den 30. 9. geplante Stuttgart-Demo im Gedenken an den "Schwarzen Donnerstag" auf das Thema S 21 reduziert. Das wäre, mit Verlaub, provinziell und rückständig.



Hier noch, zur Aufmunterung, eine Glosse aus meinen StN-Beständen:



NACH TOKIO

Nach der Volksabstimmung 2011, das habe ich aus vielen freundlichen Leserzuschriften erfahren, gibt es in der Stadt noch mehr Demokratie-Experten als schon zuvor. Inzwischen spaziere ich nur noch mit Kapuzenjacke und schlechtem Gewissen durch Stadtviertel, in denen die Menschen mehrheitlich gegen die Mehrheit stimmten, wie die Barbaren in den Bezirken Süd und Ost, West und Mitte.

In der Eberhardstraße kam ich an einem heimeligen Imbiss mit einladenden Außendüften vorbei. Erst bei näherem Hinsehen erschreckte mich die furchtbare Drohung des Gastwirts. An seinem Schaufenster steht: "Einmal essen, nie vergessen." Ich ging schnell weiter und stoppte erst wieder vor einem anderen kleinen Lokal. Es heißt Häberle & Pfleiderer, und das machte mich neugierig.

Hinter Häberle und Pfleiderer verbergen sich die schwäbischen Komödianten Willy Reichert und Oscar Heiler. Zwar haben sie uns beide, wenn auch in gebührendem Abstand, zu früh verlassen. Aber trotz ihrer vielen anderen Macken darf man sie heute zu den demokratischen Geistern von Stuttgart rechnen. Die Humoristen Willy Reichert und Oscar Heiler feierten nicht nur große Bühnen- und Fernseherfolge. Mit ihrer legendären schwäbischen Version des Einakters "Die Friedenskonferenz" verhalfen sie Weltpolitikern wie Dulles und Mollenkopf zur Unsterblichkeit.

Dass Herr Mollenkopf bis heute auch eine gewisse Bekanntheit genießt, weil internationale Terroristen ihre Wurfbrandgeschosse in seinem Namen führen, ist ein weiteres interessantes Kapitel in der Geschichte der Demokratie. Leider aber kann ich auf den Mollenkopf-Cocktail an dieser Stelle so wenig eingehen wie auf die Komikerkarriere von Häberle und Pfleiderer. Mein Spaziergang durch Stuttgart-Mitte ist noch nicht beendet.

Die Gaststätte Häberle & Pfleiderer im schönen Schwabenzentrum serviert schwäbische Gerichte, auf einem Plakat im Schaufenster kann man die kulinarische Philosophie des Hauses lesen: "Der Karle secht ,Kitchen'. Mir saget immer no Küche wie onser Oma Auguste." Sprachwissenschaftlich wäre an diesem Punkt zu klären gewesen, ob Oma Auguste tatsächlich "Küche" sagte oder nicht eher "Kuche" – hätte ich am Kneipenfenster nicht auch den Hinweis auf ein konzertantes Ereignis im Hause Häberle & Pfleiderer entdeckt: "Jam-Session mit Doc Roth & Friends".

Oma Auguste war eine jammende Hexe in Hell's Kitchen.

Wovon ich Ihnen erzähle, hat nichts mit einem richtigen, einem ziellosen Stadtspaziergang zu tun. Vielmehr war ich, im Strom der renitenten Falschwähler des Bezirks Mitte, auf dem Weg vom Gerberviertel zum Charlottenplatz, um eine Stadtbahn in das ebenfalls aufmüpfige Quartier Süd zu nehmen.

Bis nach Süden kam ich allerdings nicht, und was ich Ihnen berichte, ist ein alltägliches Kapitel aus dem Leben des Spaziergängers. Bevor ich meinen Bahnsteig der Linie 1 erreichen konnte, sprach mich im Untergrund ein fremder Mann an. Vielleicht war er aus Afrika, Sri Lanka oder Stammheim, jedenfalls fragte er mich in gutem jugendlichem Deutsch: "Geht Zug Tokio oder New York?"

Obwohl als Spaziergänger gewohnt, seltsamen Figuren wie Demokraten auf Bahnhofsmission oder Oma Auguste bei der Jam-Session zu begegnen, schaute ich dumm aus der Wäsche. Ich begriff nicht, was der Mann meinte. Auf einem Wagen der Linie 6, die vor unserer Nase hielt, war zwar groß und bunt die Werbung von Air Berlin abgebildet. Ob die Bahn deshalb aber Tokio oder New York anflog oder doch eher wie gewohnt Richtung Fasanenhof rollte, konnte ich so schnell nicht klären. Ich versuchte, die Sache diplomatisch zu regeln. "Sir, für Tokio und New York sind wir in Stuttgart leider noch nicht zuständig", sagte ich. "Wenn Sie aber kurz mal fünfzehn, zwanzig Jahre hier stehen bleiben, bringen wir Sie allez hopp nach Bratislava, Paris und Ulm."

Diese Antwort schien meinem Mann nicht zu gefallen. Er brüllte mich an: "Warum du nicht gleich sagen New York?" Bevor ich etwas erwidern konnte, rannte er zur Linie 6 und erwischte sie, kurz bevor sich die Türen schlossen. "Scheiße, Mann", rief ich hinterher. "Steigen Sie sofort wieder aus. Diese Bahn fährt nach Tokio."

Da war es zu spät. Mein Mann drohte mir zum Abschied durchs Stadtbahnfenster mit der Faust. Ich weiß nicht genau, was er genommen hatte, aber ich hatte eine Ahnung: Einmal essen, nie vergessen.



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