Bauers Depeschen


Donnerstag, 09. Februar 2012, 861. Depesche



FLANEURSALON LIVE

Für den Flaneursalon am 28. Februar im Schlesinger gibt es keine Karten mehr. Unser nächster Abend findet am Mittwoch, 9. Mai, in der Friedenau statt. Mit Stefan Hiss, Roland Baisch, Anja Binder & Jens-Peter Abele. Schöner Wirtshaussaal mit großer Tradition im roten Osten. Theater-Restaurant Friedenau, Stuttgart-Ostheim, Rotenbergstraße 127. Leicht mit Bahn und Bus zu erreichen. Karten: 07 11 / 2 62 69 24.



NOTIZ

Als Tourist unter hundert Studenten habe ich mir am Mittwochabend im vollbesetzten Werkraum der Münchner Kammerspiele die Betrachtungen des New Yorker Essayisten und Occupy-Aktivisten Mark Greif angehört. Schade, dass er auf seiner von Suhrkamp organisierten Lese- und Gesprächstour nicht nach Stuttgart kam. Ursprünglich waren nur Frankfurt, Berlin und Hamburg geplant, dann bearbeitete eine Münchner Studentin die Kammerspiele so lange, bis die Sache funktionierte. Lesetipp: "Occupy. Die ersten Wochen in New York", "Bluescreen" (Essays), beide Suhrkamp. Nächste Woche wird die Polizei den Schlossgarten räumen. Die meisten Leute in und außerhalb der Stadt glauben immer noch, in Stuttgart gehe es um einen Bahnhof.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne von diesem Donnerstag:



NEUES VOM FROSCH

Die Sonne stand tief, das Wasser dampfte in der eisigen Februarkälte, und es war ein Spaß, so zu tun, als sei Sommer. Man muss es nicht glauben, wenn die Leute sagen, das Wasser im Mineralbad Berg sei im Winter kälter als im Sommer. Die Sauna ist bei fünfunddreißig Grad im Schatten auch nicht heißer als bei fünfzehn Grad unter null. Alles eine Frage der Kleidung.

Die Schwimm- und Saunaübungen im Berg hinter mir, nahm ich meine Bademütze ab, setzte meinen Stetson auf, vielleicht auch umgekehrt, und ging zur Straßenbahn. Die Außenwände der Waggons waren mit Werbung der BW-Bank zum Thema „Privat-Kredit“ zugepinselt: „Ohne Frosch-Küssen ans Ziel Ihrer Wünsche“.

Nie habe ich einen unsinnigeren Spruch gelesen, selten einen dümmeren. Wer eine Kröte küssen müsste, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen, bräuchte eine Zunge und Lippen wie Mick Jagger, der nach Zeugenaussagen glaubwürdiger Damen eine Tuba verkehrt herum blasen kann.

Ans Ziel seiner Lebenswünsche schafft man es mit ein paar läppischen Zügen im Bad Berg. Manchmal schwimmen einige Enten im Freibecken herum, hoppeln am Ufer ein paar wilde Hasen über den Rasen. Nie aber habe ich einen Badegast gesehen, der es mit einem Frosch getrieben hätte.

Jeder Knallfrosch kommt zu einem Privatkredit, ohne vorher einen Ochsenfrosch zu küssen. Was will uns die Präposition „ohne“ sagen? „Ohne Frosch-Küssen ans Ziel Ihrer Wünsche“. „Ohne Pferde-Küsse ans Ziel Ihrer Albträume“. „Ohne Frosch im Hals zum Orgasmus“.

Gut möglich, dass sich die Bank-Propaganda aus dem Laich der Werbebranche auf den Bundespräsidenten bezieht. Der musste Froschaugen küssen und mit Oettinger anstoßen, bevor er einen Kredit von der BW-Bank erhielt. Es gibt 2600 Arten von Fröschen, und viele von ihnen sind Politiker geworden. Man erkennt sie leicht. Sie sind feucht und glitschig. Ihre Beute fangen sie mit ihrem großen Maul und ihrer langen Zunge. Diese Jagdmethode umschreibt man im politischen Alltag mit den Froschschenkelfloskeln „Wähler abholen“ und „Bürger mitnehmen“. Das Ganze heißt „Kommunikation“.

Da der Politikerfrosch immer sehr gierig ist und sich hauptsächlich von Fliegen ernährt, macht er gern aus jeder Mücke einen Elefanten. Was am Ende hinten heraus kommt, nennt man Fliegenschiss.

Viele unserer Frösche sind von Natur aus bräunlich oder grün. Die braunen Frösche in Deutschland haben eine lange Tradition, die grünen stammen aus der jüngeren Produktion. Der berühmteste und erfolgreichste Frosch bei uns ist der Laubfrosch. Der Laubfrosch sitzt in vielen Parlamenten und ist besonders leicht im baden-württembergischen Landtag auszumachen: Er ist, so steht es im Froschlexikon, knallgrün und trägt auf jeder Seite seines Körpers "einen großen schwarzen Streifen".

Weil mit superlangen Hinter- und Vorderbeinen ausgestattet (meist als Folge des frühkindlichen Hammelbeine-Langziehens), gelingen dem Frosch gelegentlich große Sprünge. Unserer Grünfrösche schafften es relativ schnell die Gut-Wetter-Leiter hinauf. Seitdem hüpfen sie ratlos mit aufgeblasenen Backen in den Sümpfen der Macht herum.

Anständige Frösche hingegen benutzen ihr großes Maul und ihrer lange Zunge, um in der Unterhaltungsbranche Fuß zu fassen. Unkerich die Kröte und Hopps der Frosch gelang der Durchbruch als Comic-Helden. Weltberühmt wurde Kermit der Frosch als Chef der Fernsehserie „Muppets Show“. Er präsentierte liebenswerte Puppen wie Miss Piggy und Fozzie-Bär und echte Superstars wie Charles Aznavour und Elton John.

Die Bank-Reklame „Ohne Frosch-Küssen ans Ziel Ihrer Wünsche“ ist blanker Unsinn. Jeder Mensch küsst lieber Kermit und Unkerich als einen Banker.

Allerdings – da steckt in dem Slogan „Ohne Frosch-Küssen“ ein Körnchen Wahrheit – ist im Nahverkehr mit Politkerfröschen Vorsicht geboten. Baden-Württembergs Grünfrösche beschäftigen seit einiger Zeit einen Froschkönig. Vor seiner Wahl hatte die außerparlamentarischen Opposition gewarnt: Küsse man ihn auf den Thron, drohe, ähnlich wie in Grimms Märchen, das Problem des Rückbaus. Er verwandle sich in eine Kaulquappe.



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