Bauers Depeschen


Samstag, 18. Juni 2011, 744. Depesche



KOLUMNE

Weil die StN-Kolumne vom Samstag nicht StN ONLINE steht, findet man sie unten auf dieser ehrenwerten Seite... doch erst die...



HAUSPOST

Liebe Homepage-Besucher,

tut mir Leid, für den Flaneursalon im Fluss am 29. Juni auf dem Neckar gibt es keine freien Plätze mehr. Auch kein Versteck im Beiboot. Da lässt sich nichts mehr machen, beim besten Willen nicht. Ansonsten beschränke ich mich heute auf kurze Nachrichten, die Zeit der Witze ist vorbei. Ernst Jandls "Sommerlied":

wir sind die menschen auf den wiesen

bald sind wir die menschen unter den wiesen

und werden wiesen, und werden wald

das wird ein heiterer landaufenthalt

SOUNDTRACK DES TAGES



NOTIZEN I - NÄCHSTER FLANEURSALON

Ich darf einen speziellen Flaneursalon an Land ankündigen: Am Mittwoch, 28. September, machen wir in den Rosenau einen Abend mit vergleichsweise kleiner Besetzung. Der Songschreiber/Sänger/Saitenvirtuose/Fußtrommler Zam Helga und die amerikanische Sängerin Dacia Bridges sind dabei. Könnte eine schöne, intime Sache werden, eine familiäre Show mit pointierten leisen Tönen. Der Vorverkauf ist eröffnet: ROSENAU



II - DEMO-REDE / MAFIA

An diesem Montag, 20 Juni, spreche ich bei der Demo vor dem Hauptbahnhof. Beginn 18 Uhr. - Als Lektüre empfehle ich dringend das Interview meines Kollegen Jürgen Holwein mit der Mafia-Expertin und Buchautorin Petra Reski - heute, Samstag, in der Wochenendbeilage Querschnitt der Stuttgarter Nachrichten. Der Gang zum Kiosk lohnt sich, das garantiere ich.



III - AKTION ALTES SCHLOSS

Nach der überwältigenden Resonanz im März findet am Samstag, 25. Juni, die zweite Aktion des Theaters Rampe unter dem Titel „Achtung! Es lebt!“ statt. Schauplatz ist das Alte Schloss. Von 18 Uhr bis ca. 23 Uhr gibt es originelle Führungen mit Live-Stationen. Autoren und Schauspieler präsentieren stadtgeschichtliche Beiträge, es geht um so verschiedene Dinge wie den Stuttgarter Vagabunden-Kongress, den Hitler-Attentäter Stauffenberg oder heimische Roman-Detektive. Auch unsereins ist wieder mit einem kleinen Vortrag dabei. Karten: THEATER RAMPE



IV - KICKERS-SHOW

Fußball, Männer: Zum dritten Mal steigt „Hurra, wir kicken noch!“, die Unterstützer-Show für die Fans der Stuttgarter Kickers. Der Abend geht am Samstag, 6. August - am ersten Spieltag in der Regionalliga - im Stuttgarter Theaterhaus über die Bühne. 20 Uhr Wir haben gute und vor allem hilfsbereite Künstler am Start; Stefan Kiss vom SWR-Fernsehen moderiert (unsereins organisiert und arrangiert). Alle spielen umsonst, der Einritt kostet zehn Euro – nur wenig mehr als eine Stehplatzkarte auf der Waldau. Der Vorverkauf ist bereits eröffnet. Siehe TERMINE und THEATERHAUS



StN-Kolumne:

DER FRAUENKOPF

Meinen Taschencomputer hatte ich bereits eingepackt, ich wollte verreisen. Mit der Bahn nach Norden, hinauf zum alten Messegelände, zum Weißenhof, zur Kunstakademie. Dann aber blieb ich im Büro hängen, das war schade. Es war ein schöner Sommertag mit Aussicht auf Heißes.

An der Kunstakademie, das habe ich in dem Buch „Stuttgart zu Fuß“ gelesen, hat 1968 das erste „Sextribunal“ auf Stuttgarter Boden stattgefunden. Leider konnte ich daran nicht teilnehmen. 1968 war ich in einem Alter, in dem man zwar ständig verliebt ist, Liebe aber in einer pubertär-egoistischen Auslegung der Praxis pausenlos nur mit sich selber macht.

Zum „Sextribunal“ in der Kunstakademie durfte lediglich, so steht es in der Chronik, „wer durch ein riesiges weibliches Geschlechtsorgan, von Bildhauerstudenten gestaltet, in den Saal eindrang“. Das weibliche Geschlechtsorgan nennt man, wenn ich im Biologieunterricht richtig zugehört habe, Vulva. Manche Leute, das habe ich in frauenbejahenden Schriften gelesen, verwechseln Vulva mit Vagina. Dieses Thema aber ist zu kompliziert für einen Mann, der nicht einmal genau weiß, aus welchen Teilen sein Gemächt besteht. Deshalb kann ich heute nur vermuten, welche Art von Pforte zum „Sextribunal“ geführt hat.

Zwar wäre es einfach, bei Zeitzeugen, die durch das riesige weibliche Geschlechtsorgan in die Lustgrotte der Akademie eingedrungen sind, nachzufragen, wie das Tor zum Jüngsten Gericht gestaltet war; einige der Desperados von damals leben noch. Doch überlasse ich die Angelegenheit lieber der Fantasie.

Als Zeitgenosse mit keinerlei praktischem Talent für die bildende Kunst stelle ich mir das Entree von 1968 so ähnlich vor wie den Eingang des Hamburger KiezLokals Ritze auf St. Pauli. Im Keller dieses Etablissements haben große Boxer für die Weltmeisterschaft trainiert, und nicht nur ihnen zu Ehren hat man am Haupteingang die Flügel einer Schwingtür jeweils mit einem erweiterten Damenoberschenkel bemalt. Auf diese Weise nimmt der Gast beim Betreten der Bar den umgekehrten Weg, auf dem er zur Welt gekommen ist. Dieses Lebensgefühl fördert den Umsatz.

Sollte die Ritze-Schwingtür heute in der Welt jedoch berühmter sein als die Stuttgarter Kunstakademie, wäre das nicht gerecht. Schließlich hätte meine in letzter Minute abgeblasene Reise zum Weißenhof (wo sich die ehrenwerte Lehranstalt befindet) nicht ohne historischen Anlass stattgefunden. Im Gegenteil. Ich muss die Tour schleunigst nachholen: Schon kommende Woche beginnen die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste.

Baden-Württembergs größte Kunsthochschule wurde 1761 gegründet. Herzog Carl Eugen war der Wohltäter. Auf den Weißenhof kam die Akademie Anfang des vorigen Jahrhunderts, und mehr aus der Geschichte kann ich an dieser Stelle nicht erzählen, meine bevorstehende Straßenbahn-Reise würde sonst überflüssig.

Die Kunsthochschule über dem Talkessel birgt große Geheimnisse. Bis heute kann ich ihren Einfluss auf das Leben in der Stadt nicht einschätzen. Vor langer Zeit habe ich zwar an einigen Festen der Akademie teilgenommen. Eher selten aber wurden in diesen Nächten Getränke gereicht, die das Gedächtnis trainieren.

Womöglich hat das „Sextribunal“ in den Sechzigern Spuren in der Stadt hinterlassen. Heute jedenfalls würden es nicht einmal die Anarchisten und Chaoten bei ihren Protesten gegen Stuttgart 21 wagen, zentrale Teile des weiblichen Körpers als Eingangstür zu einem Indianerzelt oder zu einem Tiefbahnhof zu missbrauchen.

Auf femininem Feld sind die Stuttgarter seit jeher feinfühlig. Als man sieben Jahre vor dem „Sextribunal“, zur Bundesgartenschau 1961, Henry Moores Frauenskulptur „Draped Reclining Woman“ vor dem neuen Landtag aufstellte, kam es zu ähnlich harten Konflikten wie heute um Stuttgart 21. Der Frauenkopf, protestierten fortschrittliche Bürger, sei schon rein äußerlich viel zu klein geraten. Keine Stuttgarter Dame besitze vom Hals an aufwärts Ähnlichkeiten mit dem Werk von Henry Moore.

Prompt ließ man die Skulptur vom Landtagsgelände entfernen und vor dem Kunstgebäude am Schlossplatz aufstellen. Motto: Der Moore hat seine Schuldigkeit nicht getan, der Moore kann gehen. Doch auch in der schützenden Aura des Goldenen Hirsches auf dem Kunstgebäude erschien den Großkopfeten aus der Politik das Haupt zu mickrig. Deshalb verfrachtete man die Moore’sche Schöpfung 1981 vor die Neue Staatsgalerie – in der Hoffnung, wenigstens dort könne sie der Guillotine des Volkszorns entgehen. Denn erstens hatte der Architekt James Stirling, ein britischer Landsmann von Henry Moore, das Museum nach Ansicht des Geschmackstribunals mit giftgrünem Noppenboden verschandelt. Und zweitens kam es im Dunstkreis zeitgenössischer Kunst auf eine Schande mehr oder weniger nicht mehr an. Schließlich hatte auch Picasso Frauen geschaffen, die sich weder vorne noch hinten an der Stuttgarter Damenwelt orientierten.

Angesichts dieses kleinen Ausschnitts aus der Kunstgeschichte grenzt es an ein Wunder, dass die Akademie 250 Jahre lang in dieser Stadt überlebt hat. Deshalb: Glückwunsch, bevor der Zirkus losgeht.



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