Bauers Depeschen


Dienstag, 31. Mai 2011, 735. Depesche



KRETSCHMANN AKTUELL

Nachtrag: Der katholische Landesfürst Kretschmann hat sich am Mittwochabend - nach dem Vorbild der alten Griechen und einer Idee von Gangolf Stocker - auf dem Stuttgarter Marktplatz dem Volk gestellt. Nach der 90 Minuten dauernden Veranstaltung ("Wir reden mit") war mein Eindruck: Der Altlinke Stocker versteht etwas von Oben und Unten. Die Möglichkeit, den Regierungschef via Mikro öffentlich anzusprechen, wurde relativ klug genutzt - man kann wohl nicht mehr ganz so einfach behaupten, Führungspolitiker lebten ohne Kontakt zum Fußvolk. Und ein Marktplatz muss anscheinend nicht eine Instanz für keimfreie Gurken bleiben. Die Pro-21-Fraktion darf indes weiterhin ihr Feinbild bewahren: Als sich der Erste von Ihnen ans Mikro traute, wurde er von der großen Mehrheit auf dem Platz niedergebrüllt. Der Zweite (und letzte Pro-ler) hatte es bereits etwas leichter - man will ja künftig Demokratie üben und sich zuhören.



NOTIZEN I

Frage: Was halten Sie von Frauenfußball?

Antwort: Mir gefällt beides.

Mit dieser analytischen Betrachtung der Lage gehen wir übers Wasser. Am 29. Juni starten wir bekanntlich zum dritten Mal den Flaneursalon im Fluss, unseren Schiffsausflug auf dem Neckar, und vereinzelt habe ich Kritik gehört, die Karten seien zu teuer. Sie kosten 30 Euro, und leider ist die Sache so: Nur wenn wir 200 Tickets verkaufen, habe ich eine Chance, ohne Minus an Land zu gehen. Die „Wilhelma“ kostet einen Batzen Miete, wir haben acht Künstler an Bord, die mit Spesen versorgt werden müssen, wir brauchen gemietete Technik für zwei Decks, eine Versicherung usw. Weder unser Veranstalter Johannes Zeller von OrgaKomm noch ich werden an der Tour verdienen. Würde uns das Music Circus Concertbüro (Frau Mirjam mit jott, Roman Wreden etc.) nicht in dankenswerter Weise beim Vorverkauf unterstützen, hätten wir ein Problem. 30 Euro sind kein Pappenstiel, aber drunter können wir es beim besten Willen nicht machen. Ach, ist doch Scheiße, dauernd über Geld zu reden. Wir wollen einen bewegenden Trip in einer schönen Landschaft, eine gutes Verhältnis zum vergessenen Neckar, steigen Sie ein, wir brauchen jeden Mann und jede Frau: Hier geht es zügig zum VORVERKAUF



NOTIZEN II

War am Montag beim Auftritt des amerikanischen Songschreibers/Sängers/Gitarristen Joseph Arthur im Schocken. Eine große Solo-Show. Der Mann arbeitet mit vielen elektronischen Effekten, er spielt virtuos mit den Naturgewalten seiner Stimme und seines Instruments, und er hat Stil. 70 Besucher waren da, nicht viel für einen Mann der Chefkategorie. Vorsichtshalber habe ich das neue Album des Künstlers mitgenommen bzw. Herr Ratzer, der Plattenhändler, hat es mir aus zeitlichen Gründen selbstlos hinterhergetragen, mein drittes aus dem Hause Joseph Arthur.

SOUNDTRACK DES TAGES



NOTIZEN III

Das Protestunternehmen gegen Stuttgart 21 ist ein Teil des Lebens geworden, und es wäre dumm, die Angelegenheit im Moment nach dem Motto zu bewerten: Ach, die Demonstranten sind weniger geworden, die Dinge beruhigen sich. Die Aktionen gegen S 21 haben viele Leute wachgerüttelt, die Menschen bewerten ihre Lebensräume nach wie vor neu, es hat eindeutig eine starke Politisierung stattgefunden. Man informiert sich besser, das geht mir selber so. Auch die Ausstrahlung des S-21-Protests ist enorm. Überall bewegt sich etwas, auch auf dem weiten Feld kleiner temporärer Projekte. Die gerade aufkommende Debatte über die "Spaltung" der Bewegung sehe ich als deutsches Vereinsmeierproblem - ein dankbares Thema für spießige Journalisten.

Für meine Zeitungsarbeit ist die S-21-Sache etwas schwierig: Das Thema, die Position gegen die Unterirdischen, bringt zuverlässig Leser, keine Frage. Die Online-Klicks sind an manchen Tagen sehr gut, vor allem über Facebook läuft viel, sobald ich S 21 anspreche. Kolumnen aber kann man nicht als Quotenschinder schreiben, das wäre eine lausige Arbeit. Es geht darum, immer wieder Gedanken zur Stadt zu entwickeln, halbwegs humorvolle Perspektiven zu finden (für Reaktionen im Netz bin ich dankbar, sie sind wichtig). Was mir beim Kolumnieren gefällt, ist die Tatsache, dass stadtgeschichtliche Themen, wie ich sie gern mache, ganz gut ankommen (siehe STN-KOLUMNE von diesem Dienstag). Auch bei jungen Menschen, das ist eindeutig. Es gibt bei jüngeren Menschen (Zeitungsleser sind alt) entgegen aller Vorurteil eine Neugierde, das merke ich immer wieder, speziell im Flaneursalon. Das verstaubte Wort Heimatkunde ist womöglich cooler, als man denkt.



KOMMENTARE SCHREIBEN: LESERSALON

DIE STN-KOLUMNEN



FRIENDLY FIRE:

NACHDENKSEITEN

FlUEGEL TV

VINCENT KLINK

RAILOMOTIVE

UNSERE STADT

KESSEL.TV

GLANZ & ELEND

EDITION TIAMAT BERLIN (Hier gibt es mein Buch "Schwaben, Schwafler Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart")

Fußball-Kolumne Blutgrätsche






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