Bauers Depeschen


Samstag, 12. März 2011, 686. Depesche



Die Hetze gegen Atomkraftgegner ("Angstmache") hat auf diversen Kanälen, etwa N-TV, bereits begonnen. Es ist außerdem ekelhaft, wie die Bundesregierung (Merkel) inzwischen versucht, ihre Atompolitik für die bevorstehenden Wahlen neu zu definieren.

PLAY IT AGAIN



DER FLANEURSALON am kommenden Mittwoch in der Friedenau ist so gut wie ausverkauft. Restkarten an der Abendkasse.



HISTORIE - EINE WOCHENEND-LEKTÜRE

Stadtgeschichte ist kein Thema in Stuttgart. Seit Tunnelbauer und Immobilienspekulanten die Zukunft für sich gepachtet haben und ihr antiquiertes stadtplanerisches Denken für Fortschrittlichkeit halten, gilt die Auseinandersetzung mit Vergangenheit in der Stadt als uncool. Geschichtsbewusstsein ist störend beim arroganten Umgang mit Baudenkmälern. Hin und wieder, um das Städtische dieser Stadt nicht zu vergessen, versuche ich Dinge auszugraben, die interessanter sind als die Konfektionskultur der S-21-Befürworter. Der folgende Text ist diese Woche in den Stuttgarter Nachrichten erschienen:



WO KÖNIG LUDWIG II.

RICHARD WAGNER

VOR DEN GLÄUBIGERN RETTETE

Die große Vergangenheit des Marquardt-Baus



Das Marquardt-Bau in der heutigen Bolzstraße war bis zum Zweiten Weltkrieg eine internationale Top-Adresse. Im Hotel wohnten Künstler und Sportstars, Politiker und Ganoven. Fritz Wagner, heute 88, hat hier 1939 als Kellnerlehrling gearbeitet. Ich habe mich mit ihm unterhalten.



Von Joe Bauer

Am 2. Juli 1939 steigt in der Adolf-Hitler-Kampfbahn in Bad Cannstatt ein Jahrhundertspektakel. Der deutsche Profiboxer Max Schmeling, 33, tritt zum letzten Mal um den Titel des Europameisters an. Als ehemaliger Weltmeister im Schwergewicht, nach großen Kämpfen wie gegen den "braunen Bomber" Joe Louis, ist er bereits eine lebende Legende. Sein Gegner ist Adolf Heuser, 31, aus Bonn, und in Stuttgart feiert man einen Rekord: 80 000 Zuschauer sind im Stadion, so viele wie nie zuvor bei einem Boxkampf.

Im Juli 1939 arbeitet Fritz Wagner, noch keine 16, als Kellnerlehrling im Stuttgarter Hotel Marquardt am Schlossplatz. Die goldenen Knöpfe seines Fracks sind in diesen Tagen besonders gut poliert, und der Oberkellner hat die Fingernägel sorgfältiger als sonst kontrolliert. Der Champion Max Schmeling hat sich mit seiner Entourage im besten Salon des Hauses einquartiert. Am Tag des Kampfes wird Fritz als diensttuender Kellnerlehrling in den Salon bestellt. Als er eintritt, spielt Schmeling mit ein paar Freunden Poker. Die Herren haben auf dem Tisch Münzen zu kleinen Türmen gehäuft, und weil sie Sportsmänner sind, bitten sie nur um Tee. Als Fritz die Bestellung aufgenommen hat und nach einer Weile mit dem Teewagen wieder kommt, fragt er, ob er die Getränke auf die Rechnung schreiben dürfe. Schmeling, von seinen Freunden "Maxe" genannt, nimmt ein paar Münzen vom Stapel und drückt sie dem Jungen in die Hand. Der fällt fast in Ohnmacht: Es sind drei Fünfreichsmarkstücke, für Fritz ein Haufen Geld.

Im Juli 1939 sind die großen Tage des Hotel Marquardt bereits gezählt. Zwei Monate später überfällt Hitlers Wehrmacht Polen. Die Lehrjahre von Fritz gehen dem Ende zu. Anfang 1940 verlässt er das beste Haus am Platz, das Hotel steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Der Hoteldirektor Fischer schreibt in sein Zeugnis, der Kellnerlehrling Wagner scheide auf eigenen Wunsch aus, das Haus könne ihn "bestens empfehlen". Fritz ist ein guter Mann, beim Reichsberufswettkampf der Kellner hat man ihn zum Zweitbesten aus dem Großraum Württemberg-Hohenzollern gekürt.

Herr Wagner wird in diesem Sommer 88 Jahre alt und ist der vielleicht letzte Zeuge, der die Endphase des Hotels im Marquardt-Bau erlebt hat. Er wohnt außerhalb von Stuttgart und bittet mich, nicht zu viel über ihn zu erzählen. Und kein Foto, womöglich würden ihn alte Bekannte ansprechen, sagt er, er wolle im Hintergrund bleiben. Bei der Suche nach Anekdoten bin ich auf ihn gestoßen, der Tipp kam aus dem Café Schlossblick im Marquardt-Bau, Bolzstraße. Ich durfte Herrn W. besuchen und versprach ihm, seinen Namen leicht zu verändern.

Fritz Wagner hat nach Max Schmelings Kampf noch ein halbes Jahr im Hotel Marquardt gearbeitet. Seine erste Lehrstelle, das christlich orientierte Hotel Herzog Christoph in der Christophstraße, hatte man Anfang 1939 verkauft, vermutlich nicht freiwillig. Der Nazi-Terror herrschte.



Herr Wagner hat ein gutes Gedächtnis, allein seine Erinnerungen würden ausreichen für einen Grand-Hotel-Roman. Von den noch älteren Geschichten ganz zu schweigen. Das erste Hotel Marquardt wird 1838 von dem Gasthofbesitzer Wilhelm Marquardt in der Königstraße eröffnet. Der Eisenbahnverkehr boomt, Marquardt braucht ein Hotel in unmittelbarer Nähe des ersten Stuttgarter Bahnhofs in der Schlossstraße (heute Bolzstraße) und kauft weitere Gebäude hinzu. 1857 wird das Hotel als erste Adresse der Stadt eingeweiht. Bald ist das Marquardt weltberühmt, im Haus wohnen Prominente wie der Politiker Otto von Bismarck und der Musiker Franz Liszt; 1860 gibt der Komponist und Klaviervirtuose im Marquardt-Festsaal ein Konzert.

Auch Liszts Kollege Richard Wagner übernachtet regelmäßig im Haus, hat aber selten das Geld, die Rechnung zu bezahlen. Als König Ludwig II. von Bayern 1864 einen Boten losschickt, um seinen Lieblingskomponisten zu suchen, spürt der ihn im Marquardt auf. Es ist höchste Zeit. Wagner ist völlig abgebrannt, er hat bereits Bettelbriefe verfasst, die Gläubiger verfolgen ihn. Der Bote muss die Hotelkosten begleichen, bevor er Wagner mit nach München nehmen kann. Der Berufung nach Bayern ist Rettung in letzter Not. Ludwig II. gibt Wagner Geld und Arbeit. 1872 steigt der inzwischen berühmte Komponist wieder im Hotel ab. Heute erinnert an ihn eine kleine Tafel im Marquardt-Bau in der Bolzstraße. Das ist wenig. Das Haus war einmal so berühmt, dass noch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Hotels Briefe mit Zimmerbestellungen aus Übersee in Stuttgart eintrafen.

In den zwanziger Jahren, "Roaring Twenties" genannt, ist das Hotel Marquardt auch Sammelbecken internationaler Ganoven. Der Berliner Schriftsteller Walter Serner (er wurde 1944 von den Nazis im KZ ermordet) hat uns gute Geschichten hinterlassen; sein Hochstapler-Krimi "Zéro" beginnt mit den Sätzen: "Mit Semmelhug wollte es, seit er in Stuttgart war, nicht vorwärts gehen. Schon nach acht Tagen hatte er das Hotel Marquardt mit dem Hotel Wörner vertauschen müssen und wenige Tage darauf dieses mit einem kleinen Zimmer in der Rosenbergstraße . . ."

Auch der Filmregisseur Jean Renoir, der Sohn des großen Malers Pierre-Auguste Renpire, hat zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg im Marquardt gewohnt, wann genau, weiß man nicht. Er hat in seinem Zimmer ein Bild gemalt, man sieht darauf die Fensterfassade, der Blick geht zum Alten Schloss. Das Gemälde existiert noch.

1944 fällt der Marquardt-Bau den Bomben der Alliierten zum Opfer; nur die Außenmauern bleiben stehen. Nach dem Krieg baut es der Architekt Eugen Mertz wieder auf. Bis heute ist es im Besitz der Familie Mertz; Seniorchef Eberhard Mertz kommt noch immer ins Büro. Im Haus gibt es Restaurants und Cafés, die Komödie im Marquardt (im einstigen Festsaal) und die traditionsreichen, schönen Innenstadt-Kinos.



Viele, die heute die Lichtspieltheater Metropol, Cinema, EM und Gloria besuchen, ahnen nichts von der Vergangenheit des Gebäudes. Dabei könnte man Spielfilme über diesen Ort drehen. Gesellschaftsdramen, Krimis, auch politische Thriller: Als im März 1920 die Reichsregierung vor Soldaten mit Hakenkreuzen am Helm aus Berlin über Dresden nach Stuttgart flüchtet, logieren die Minister des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert Marquardt; Ebert selbst wohnt im Alten Schloss.

In einigen Archivtexten liest man heute, das Hotel Marquardt habe 1938 schließen müssen. Fritz Wagners Gehilfenzeugnis aber trägt das Datum vom 30. Januar 1940. Vermutlich hatte das Hotel 1938 finanzielle Probleme und geriet in die Hände einer Bank. Es hält sich auch das Gerücht, der Hotelbesitzer, ein sozial engagierter Mann, habe einmal Hitlers Übernachtungswunsch abgelehnt und deshalb sein Haus verloren.

Nach 1938 war das Marquardt noch einige Jahre geöffnet. Herr Wagner erinnert sich nicht nur an Schmelings Kampf 1993 gegen Heuser. Er erzählt von schillernden Gästen wie den Schauspielern Hans Albers und Albert Bassermann, und er kennt Anekdoten über manchen Herrn Geheimrat. Er weiß noch, wie seinem Chef eines Tages zu Ohren kam, dass der Lehrling einem prominenten Gast, dem erfolgreichen Instrumentenbauer Hohner, eine gewünschte Südfrucht nicht servieren konnte. Die Frucht stand nicht auf der Liste des Hauses, aber in der Nähe gab es die Markthalle. Unverzüglich bestellt der Direktor den Konditorchef, die Hausdame und den Kellnerlehrling zum Rapport. "Den Satz, im Marquardt gibt es etwas nicht, gibt es bei uns nicht!", sagt der Chef. "Im Marquardt gibt es alles."

Vor allem gab es eine familiäre Atmosphäre. Als Max Schmeling und seine Frau Anny Ondra 1983 goldene Hochzeit feierten, schickte ihnen Herr Wagner ein Geschenk aus seinem inzwischen gegründeten Geschäft. Max Schmeling schrieb ihm zurück: "Meine Frau und ich danken Ihnen und Ihrer Frau herzlich für die versilberte Zitronenpresse. Gern denke ich an meinen Aufenthalt im Hotel Marquardt in Stuttgart zurück und freue mich darüber, dass Sie im gleichen Haus sich ein Fachgeschäft aufbauen konnten."

Den Laden und das Hotel gibt es nicht mehr. Nur Geschichten, die es zu bewahren gilt. Geschichten wie diese: Als Max Schmeling in Stuttgart gegen Adolf Heuser boxt, ist auch der Theater- und Filmschauspieler Gustav Knuth im Stadion; er spielt gerade eine Rolle in dem Streifen "Der Vorhang fällt". Als der Ringrichter die erste Runde freigibt, fällt Gustav Knuth im Trubel der Hut vom Kopf. Er bückt sich, kann den Hut aber nicht gleich finden. Als es ihm endlich glückt, das gute Stück zu greifen, bricht im Stadion ein Lärm aus, wie ihn auch ein Theatermann selten erlebt. Der Kampf ist aus. Heuser liegt am Boden. Max Schmeling hat ihn nach 72 Sekunden k. o. geschlagen.

Ein halbes Jahr später verlässt Fritz Wagner das Hotel. Der Krieg hat begonnen.

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