Bauers Depeschen


Samstag, 16. Oktober 2010, 599. Depesche



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Die StN-Kolumne vom Samstag:



Joe Bauer in der Stadt

METHUSALEM

Neulich habe ich nach langer Pause wieder mein gummiertes Fernglas von Nikon zur Hand genommen. Ich wollte wissen, wo ich lebe. Wenn ich die Bilder richtig gedeutet habe, befinden wir uns zurzeit in einer Baustopp-Unterbrechung. Es geht voran.

Der Protest gegen Stuttgart 21 hat unterdessen völlig neue Menschentypen hervorgebracht. Man erkennt sie allerdings weniger mithilfe scharf gestellter Nikon-Linsen als bei der Lektüre Hamburger Medienbeiträge. „Der Spiegel“ etwa entdeckte diese Woche in einem Essay über die zwei großen S, nämlich Stuttgart 21 und Sarrazin, den „Wutbürger“: „Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung.“

Drei Tage später, ebenfalls nach Forschungen auf S & S-Terrain, enthüllte der „Stern“ die „Methusalem-Revolte“: „In Stuttgart prägen Grauköpfe das Bild des Protests. Es sind Ältere von der ,Halbhöhe‘, aus den bürgerlichen Vierteln an den Hängen um die Innenstadt.“

Nach einem zweiten Blick durch mein gummiertes Fernglas von Nikon fasse ich zusammen: Wohlhabende und hassende, schreiende und nicht mehr junge Grauköpfe von den Hängen machen in der Stadt Rabatz. Die neu entdeckte Spezies könnte neben dem Neandertaler und dem Homo sapiens als Wutrevoltemethusalembürger Platz im Völkerkundemuseum finden.

Wenn es um brisantes Stuttgart-Material vor historischem Hintergrund geht, ist vor allem bei „Stern“-Enthüllungen traditionell internationales Interesse garantiert: Am Fuße der Heslacher Hänge hat das Magazin lange vor Methusalems Umtrieben „Hitlers Tagebücher“ aufgespürt.

Nie würde ich mir anmaßen, die soziologischen Feldstudien der hanseatischen Journaille anzuzweifeln. Ich muss passen, denn trotz Fernglas ist es mir fast nicht gelungen, fünfzigtausend halbwegs menschlich wirkende Demo-Exemplare in meine bereitgestellten Wutbürger- und Methusalem-Schubladen zu pressen. Bei der Beobachtung auf meinem Protestposten war ich total verunsichert: Wo, dachte ich, kommen die vielen Leute her? Junge, Alte, Schlampige, Schicke, Lustige, Trostlose. So viele wären nicht einmal unterwegs, hätte man sämtliche Halbhöhen-Bewohner samt Pflegern und Erbschleichern mobilisiert.

Zeitgeistschreiber, habe ich gelernt, erfinden täglich die Welt neu mit einer sogenannten These. Ihre Behauptung belegen sie dann mit passenden Fakten:

These: Bei den Demonstranten gegen Stuttgart 21 handelt es sich um alte, konservative Wutbürger. Beweis: Sie kommen von den Hängen und buhen und hassen.

Wie den Wutbürger könnte man jederzeit auch den sich karnickelartig vermehrenden Zornzombie, den Grollgruftie oder den taufrischen Blutwürger ausrufen.

Die Befürworter von Stuttgart 21 dagegen, das ist jetzt meine These, sind junge, fortschrittliche Freudenbürger. Beweis: Sie verschicken handgeschriebene Liebeszeilen wie diese: „Dass Sie mit Ihrer unüberbietbaren hasserfüllten beleidigenden schwarz-weißen Gülle zum schlimmsten Bürgerkriegshetzer in unserer Stadt avancieren – wie fühlen Sie sich als schlimmstes ,Miefstück‘ unserer Stadt?“

Gemeint ist, dies am Rande, ein Methusalem: der Schreiber dieser Zeilen. Der nimmt den Fall mit graukopfhängender Demut. Ernst zu nehmende Beleidigungen finden auf anderer Ebene statt. Nachdem der Grünen-Chef Özdemir dem CDU-Ministerpäsidenten Mappus angesichts schlagkräftiger Polizisten unterstellt hatte, er wolle „Blut sehen“, fragte der CDU-Landtagsabgeordnete Löffler im Internet: „Könnte es sein, dass noch immer Gedankengut von Blutfehde aus der anatolischen Vergangenheit in ihm (Özdemir) lebendig ist?“

Löffler sagt über Löffler: „Ich schreibe immer wieder mal sarkastische Kommentare im Stile von Tucholsky.“ Als wutbürgerlicher Blutrichter vom Fuße der Halbhöhe würde ich dem Löffler im Methusalem-Stil eine einschenken, die sich gewaschen hat. Nicht weil er Özdemir angepöbelt – weil er Tucholsky beleidigt hat.

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