Bauers Depeschen


Dienstag, 16. März 2010, 465. Depesche



NÄCHSTER FLANEURSALON: Mittwoch, 24. März, 20 Uhr, Theater-Restaurant Friedenau, Stuttgart-Ostheim. Vorverkauf: 0711 / 2 62 69 24. Siehe "Termine".



Achtung, ab sofort wieder auf dieser Seite:

JOE BAUER IN DER STADT - DIE STN-KOLUMNEN

(wegen Umbauarbeiten leider nicht immer auf dem aktuellsten Stand)



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Und weil auch die heutige Kolumne nicht bei StN online auftaucht, findet man sie eben in meinem privaten Krämerladen:



AFFÄREN



Ich wollte die Woche mit einem guten Geruch in der Nase beginnen und ging nicht ins Büro. Von Haus aus habe ich keinen besonders feinen Riecher, keinen wie der Massenmörder Grenouille in Patrick Süskinds "Parfüm". Grenouille hätte mir sagen können, wonach es roch, als ich am Morgen die Markthalle betrat.

Würde ich gefragt, wonach es in der Markthalle riecht, fiele mir nicht viel ein. Nach Leben riecht es, würde ich sagen, nach verdammt gutem Leben. Ein Vegetarier in der Markthalle könnte erwidern: Nach Blut riecht es, nach Massenmördern, nach Rind-, Schwein- und Fischkillern, nach Barbaren, Kannibalen und Tomaten.

Ich bin kein Vegetarier. Vegetativ bin ich in Ordnung, ich esse alles. Leber, Hirn, Blutwurst, Spinat, Schokobananen. Ich würde auch einen Hund essen, bekäme ich den richtigen serviert. "Bringt mir den Kopf von Nachbars Lumpi", sage ich morgens beim Aufstehen. Seit Jahren hat mir kein Hund mehr vor die Haustür gekackt.

Es war noch etwas früh in der Markthalle. Zum Glück hingen schon die Schinken an den Haken, Schinken größer als meine alte Bratpfanne. Mit solchen Schinken, dachte ich, könnte ich Hunde aus der Nachbarschaft anlocken und Hackfleisch aus ihnen machen. Viele Händler waren noch damit beschäftigt, ihre Stände herzurichten. Ich wollte sie nicht stören mit meiner Frage, die mir auf der Zunge lag: Wonach schmeckt es bei euch?

Die Verben schmecken und riechen werden bei uns gern verwechselt. Das ist nicht tragisch. Wenn etwas schlecht riecht, schmeckt es meist auch übel. Das ist zwar nicht generell richtig, aber manchmal auch nicht falsch. Ein Fisch schmeckt unten anders, als er oben riecht. Erinnern Sie sich noch an die Heringsbrötchen-Affäre des großen Walter Döring? Das war in den Neunzigern, lange bevor Dörings FDP-Kollege Westerwelle seine neoliberale Gesinnungs-Entourage samt Verwandtschaft auf Dienstreise mit ins Ausland nahm.

Der Wirtschaftsminister Döring meldete sich seinerzeit auf offiziellem Briefpapier beim Polizeipräsidenten, nachdem Beamte in einem Wasen-Festzelt 30 Kilo ungekühlten Hering und Lachsersatz mit Putzmittel übergossen hatten. Auf diese Art wurden die Müffelfische aus dem Verkehr gezogen. Das Zelt gehörte ausgerechnet dem berühmten Festwirt Weitmann. Der war zwar nicht mit Döring blutsverwandt. Seine Tochter aber heringsbüchseneng mit dem Minister verbandelt.

Damit will ich lediglich andeuten, dass Politiker seit jeher ein feines Gespür für Privat-Wirtschaft haben, so wahr wie der korrupte Fisch nach Kopfgeld stinkt.

Kaum hatte die Opposition verbreitet, Döring the Hering habe sich "bis auf die Gräten blamiert", ging es lustig so weiter. Bald darauf gab es die Proll-Grill-Affäre. Bei einer Solarium-Eröffnung in Filderstadt hatte Döring als Festredner den "Mut der Existenzgründer" gelobt. Zufällig gehörte das Studio der Schwester seiner frisch angetrauten neuen Frau, ebenfalls eine Gastwirtin, wenn auch diesmal nicht vom Rummel. Döring sagte, Solarien habe er zuvor nie besucht. Er bevorzuge den heimischen "Gesichtsbräuner". Wieder feixte das Volk: Der Minister sei ein gebranntes Kind, habe seine Birne zu nahe an den Gesichtsbräuner gehalten. Nach weiteren Affären warf er 2004 das Handtuch.

Mit seinen Provinzpossen zählt Döring zu den kleinen Fischen, er schwamm nicht einmal im Kielwasser eines Lothar Späth, der zuvor als Regierungschef in der Traumschiff-Affäre über Bord gegangen war. Heute hält Westerwelle die Dinge im Fluss, und überall stinkt es nach Haifischbecken, außer in unserer schönen Markthalle. KOMMENTAR








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