Bauers Depeschen


Donnerstag, 25. Februar 2010, 455. Depesche



NÄCHSTER FLANEURSALON: Mittwoch, 24. März, 20 Uhr, Theater-Restaurant Friedenau, Stuttgart-Ostheim. Karten: 2 62 69 24.



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RÜCKBLICK:

Der Flaneursalon am Mittwoch im Theater Rampe ist abgehakt, schöner Abend mit sympathischem (viel neuem) Publikum und prächtiger Stimmung im ausverkauften Bühnensaal des Zahnradbahnhofs. Da in der Rampe zurzeit die "Wiener Woche" läuft, hatte ich einige Verbeugungen vor unserem Lieblingsnachbarland ins Programm geschrieben. KOMMENTARE: LESERSALON Unsere nächste Lieder- und Geschichtenshow findet am Mittwoch, 24. März, im Theater-Wirtshaus Friedenau in Stuttgart-Ostheim statt - mit Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Michael Gaedt & Anja Binder. Der Vorverkauf hat begonnen. Dazu die passende StN-Kolumne vom Dienstag:



DIE BALLADE VON FINK



Eine Hamburger Firma für Management-Diagnostik hat das Bestattungsinstitut Haller als besten Arbeitgeber Stuttgarts ausgezeichnet. Ich bin nicht über die Maßen misstrauisch. Aber dass die Firma, die ein Beerdigungsunternehmen prämiert, Sarges und Partner heißt, macht mich doch stutzig.

Früher hätte ich das Problem mit Freund Fink, meinem sprechenden Laptop, diskutiert. Aber Fink gibt es nicht mehr. Ich habe ihn auf dem Müllhaufen der Geschichte beerdigt und danach vergessen.

Dass ich mich jetzt wieder an ihn erinnere, liegt an einem Sonntagsausflug. Ich hatte in der ehemaligen Arbeiterkolonie Ostheim zu tun. Gegenüber vom Wirtshaus Friedenau, Rotenbergstraße, stand ich vor einem kleinen Laden: der Stickerei Fink. Das Familienunternehmen wurde 1946 gegründet und hat sich der modernen Automatenstickerei verschrieben. Die Finks fertigen Firmenlogos und ähnliche Motive, vermutlich könnten sie mir das gestickte Emblem der Stuttgarter Kickers auf den Jackenärmel tätowieren. Beim nächsten Heimspiel auf der Waldau würde ich damit Eindruck schinden.

Ich las den Namen Fink, und das erinnert mich an den Kerl, den ich Anfang des Jahrhunderts während des Geklimpers auf einem Laptop in der Eisenbahn erfunden hatte, um einen Kolumnen-Partner für Dialoge zu haben. Es ist nicht leicht, als Spaziergänger Freunde zu finden, außer Hunden. Feste Beziehungen sind ja nicht nur mit Laptops eine schwierige Sache.

Meinen sprechenden Laptop nannte ich fortan nach der gleichnamigen Hamburger Country-Band Fink. Dieses Ensemble spiegelte in düsteren deutschen Texten das ganze Leben. Im Amerikanischen bedeutet Fink auch Verräter. In Anekdoten über Frank Sinatra hatte ich vom Hass des großen Sängers auf alle Finks gelesen, und entsprechend behandelte ich meinen Laptop. Wenn er nicht funktionierte, trat ich ihn mit dem Cowboystiefel, und manchmal ließ ich ihn zum Stromaufladen an irgendeinem Zeitungskiosk hängen, in der Hoffnung, er möge krepieren.

Fink war eine Leihgabe meines Arbeitgebers, und einmal wollte mein Chef wissen, ob ich es für richtig hielte, Firmeneigentum an fremden Kiosken zwischenzulagern. Mann, dachte ich, du hast keine Ahnung, wer Frank Sinatra war und was ein Fink ist. Ein Fink singt, wenn ihn ein Bulle oder der Chef verhört. Ich nicht.

Mein Fink war eine Maschine und bereits Ende 2004 so gut wie erledigt. In einer Kolumne kündigte ich an, den Kerl auf dem Elektroschrottplatz ins Jenseits zu befördern. Nie mehr habe ich so viele Leserbriefe erhalten wie damals, nicht einmal bei den übelsten Beschimpfungen der Bahnhof-Finks aus dem Stuttgart-21-Hauptquartier. Eberhard Vollmer aus Hemmingen schrieb mir seinerzeit: "Erst Lap und top, / dann ex und hopp! / Das ist halt so bei jedem Strolch, / erst die Umarmung, dann der Dolch!"

Mit Strolch war ich gemeint, ich war jetzt selbst der Verräter. Am Ende habe ich Fink (nach dessen Befinden mich noch heute der Bäcker und der Metzger fragen) bei einer älteren Dame in Pflege gegeben. Später versuchte ich ein Comeback mit Fink junior, scheiterte aber kläglich. Mir fehlte die emotionale Bindung zu meinem neuen Laptop, den man Notebook nannte und der kleiner war als Peter Maffay.

Dies alles ratterte mir durch den Kopf, als ich in Ostheim vor der Stickerei Fink stand. Wenn man die Anfangsbuchstaben von Stickerei und Fink verdreht, kommt nichts Gutes raus, dachte ich. Das Leben ist traurig, und es ist kein Wunder, wenn ein Beerdigungsinstitut Stuttgarts bester Arbeitgeber ist.
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