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# 84 | 16.02.2010 06:12:31 | Attila Zöldi schrieb:
ARZT IV

Abgestandene Luft ringt mit grellem Licht.
Die weiße Braut starrt mich steril an. Mein erster Gedanke: Die hat nichts mit Unschuld zu tun.
Ehe ich mich versehe, rase ich mit Lichtgeschwindigkeit durch die Cyberwelt. Als neunstellige Nummer auf meiner Chip-Karte. Rundum durchleuchtet. Meine Organe liegen sichtbar auf dem Tresen: Herz, Nieren, Bauchspeicheldrüse - alles am Platz. Ach ja, die Praxisgebühr.
Behkahkah: Beitragserhöhung.
„Bitte nehmen Sie noch kurz im Wartezimmer Platz.“ Kurz ist relativ. Vor allem als Kassenpatient. Dank spannender Lektüre vergehen die zweieinhalb Stunden wie im Flug. Ein Knabe plärrt mir liebevoll Heavy Metal ins Ohr. Früh übt sich, wer ein echter Rocker werden will. Meine innere Stimme sagt: Du bist auf dem Highway to Hell.
Zwischen Hepatitis, Gastritis und Lungenkarzinom brüllt es mich aus einer Broschüre an: „Gesund durch den Alltag!“ Allmählich kriege ich es mit der Angst zu tun. Gürtelrose in voller Blüte. Ein finsterer Ort.
Mich quält die Frage: Wie spreche ich ihn an? Ein förmliches „Guten Tag, Herr Doktor“ oder eher ein lässiges „Howdy, Medizinmann“? Zum Teufel.
Plötzlich bittet er mich in seinen Tempel: Der Leibhaftige. Kaum älter als ich. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Auf seinem Opferaltar Kanülen und Folterinstrumente. Will mein Blut, dieser Vampir. Ausgeliefert.
Geballtes Wissen trifft mich wie ein Faustschlag. Herr, ich bin Deiner unwürdig!
Dann die Diagnose: Hypothyreose.
Ein Rezept. Ein feuchter Händedruck. Der Nächste bitte. Keine Zeit für Gefühlsduselei. Effizientes Gesundheitsmanagement heißt das.
Ernüchtert schwebe ich durch die Tür. Nichts wie weg. Ein finsterer Ort.
Ich atme ruhiger, der Puls geht normal. Nochmal gutgegangen.
An der Imbissbude eine Curry Spezial. Und ein Bier. Ich lebe.
Joe:...wie lange Du noch lebst, sage ich Dir, wenn ich weiß, wo Du die Curry Spezial genommen hast.

# 83 | 15.02.2010 21:05:21 | Karin Bradatsch schrieb:
@Joe Bauers StN-Kolumne „Nennt ihn Bonatz-Bahnhof“,
Depesche vom 13. 02. 2010

In erster Auflage erschien das Kiehnle-Kochbuch im Jahr 1919. Daraus buk meine Großmutter zu Weihnachten feinste Hindenburg-Schnitten. Schon als Kinder fanden wir den Namen diesem köstlichen Gebäck unangemessen. In den 90-er Jahren, als sich das Kochbuch meiner Großmutter in Einzelteile auflöste, kaufte ich eigens zur Herstellung dieser Schnitten eine 1995-er Auflage des Kiehnle-Kochbuches . Enttäuscht über das Fehlen des Rezeptes für das gute Gebäck mit dem schandvollen Namen legte ich es für Jahre beiseite und fand viel später doch, was ich suchte. Die Präsidentenschnitten in dieser Auflage offenbarten sich als das, was ich vergeblich unter dem Namen Hindenburg gesucht hatte. Dass ein sensibler Mensch im Haedecke-Verlag die köstlichen Schnitten vom obszönen Namen befreite, ehrt ihn. Und vielleicht rettet die neue Mehrheit im Stadtrat dem Koloss gegenüber dem Bonatz-Bahnhof die Ehre, indem sie ihm, dem Hindenburgbau, einen neuen Namen schenkt.

# 82 | 15.02.2010 12:16:41 | Cornelia Pfadenhauer schrieb:
@Robert Gernhardt/Gottfried Benn

Herrlich!
Beide Dichter haben sich auch mit Nord und Süd beschäftigt.
So schrieb Benn:
„Herkunft, Lebenslauf – Unsinn! Aus Jüterbog oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je.“
Und Gernhardt:
„Und was noch gut ist an Kiel: Man ist schnell im Elsass!“ Dazu natürlich eine Zeichnung á la Gernhardt zum Steine erweichen.
Mir reicht an 300 Tagen im Jahr der Süden und ich freue mich jeden Tag, dass ich in Stuttgart leben darf. Darin seit neuestem auch der Lesersalon als erhaltenswerter Ort.
Zum Dank für die bisherigen Tipps reihum und als geschickte Überleitung noch eine Sache, die sich – wie ich finde – gut anlässt.
Seit ca. fünf Vierteljahren gibt es einen Stern, der von der Tübinger Straße aus (weil zweisprachig) in die Welt leuchtet. Für alle, die sich mit Inszenierungen im Raum beschäftigen möchten:
Magazin PLOT, vierteljährlich, erhältlich bei Rita Limacher im Königsbau.
Alles weitere unter www.plotmag.com
Joe:Kostenlose Produktwerbung auf dieser Seite ist und bleibt mir vorbehalten.

# 81 | 15.02.2010 11:06:31 | Sabine schrieb:
FS der Lyrik-Ecke.
Robert Gernhardt
- nach eigenen Aussagen, Benn Bewunderer:

Leiden und Lesen und
Lesen und Schreiben

Ich will alles sagen dürfen,
Wort aus jeder Wunde schürfen:

Scheiß der Hund drauf, das Gelingen
läßt sich einfach nicht besingen.

Wer will vom Gelingen lesen?
Höchstens reichlich flache Wesen.

Lieber sprech ich doch zu jenen,
die sich nach was Tiefem sehnen.

Die, wenn die Geschäfte laufen,
gerne etwas Schicksal kaufen.

Seiten voller Schmerz und Wunden
adeln allzu satte Stunden.

Verse voller Pein und Leiden
nützen letzten Endes beiden:

Die da bluten, die da blättern,
beide sehnen sich nach Rettern.

Deshalb muß es beide geben,
die da leiden, die da leben.

Die da lesen, soll man rühren,
weiter sowie höher führen.

Und die andern, wir, die schreiben,
sollten auf dem Teppich bleiben.

# 80 | 14.02.2010 16:40:46 | Attila Zöldi schrieb:
Die schönsten Verse des Menschen
sind die Gottfried Bennschen!

In diesem Sinne:

"Nur zwei Dinge"

Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

# 79 | 14.02.2010 16:07:20 | joe bauer schrieb:
KOLUMNEN
Weil mehrfach gefragt wurde: Meine aktuellen StN-Kolumnen findet man zurzeit wegen Relaunch-Arbeiten nicht bei StN online - aber hier auf den Depeschen-Seiten.

# 78 | 14.02.2010 09:48:54 | Wilfried Harthan schrieb:
@ Bernhard – Hegemann, Avatare und Halunken

Das Leben kommt nicht geradlinig daher. Der Mann, sag ich mir, ist ein Schalker. Und nicht nur das. Er versucht sogar ganz unverhohlen, den Joe Bauer von der Waldau in die verbotene Stadt Herne-West abzuwerben. (#34). Also das geht gar nicht! Okay, daß sich der Name seines Vereins auf Bier reimt, ist in ein Argument, das sich aber sofort von selbst verbraucht, weil es dort gar kein Bier gibt. Die Sauerländer Plörre, die dort ausgeschenkt wird, kann er ja nicht ernsthaft gemeint haben. Soweit war ja noch alles klar.
Aber dann sein wunderschöner Wink mit der Doppelläufigen – streng virtuell versteht sich – in die Richtung notorischer Salon-Halunken hat mir die größte Sympathie abgerungen.
Und sein jetziger Beitrag „Hegemann, Avatare und Halunken“ – was soll ich sagen. Wenn es in ganz kurzer Zeit ganz oft Klick macht im Hirn und man am Ende wirklich was kapiert hat, dann beeindruckt einen das schon. Besten Dank.
Noch leicht irritiert entsende ich herzliche schwarzgelbe Grüße aus Lüdenscheid-Nord.

# 77 | 13.02.2010 18:24:44 | Hans-Ulrich Wagner schrieb:
Ich finde auch (wie Bernhard), daß man Frau Hegemann nichts vorwerfen sollte. Jeder hat das Recht und wird es bei entsprechender Förderung auch ausüben, sich mit den Helden der Weltliteratur zu messen. Es ist nur so seltsam, wie sich die ganzen Feuilletonisten an ihr abarbeiten. Es scheint, als ob ein jeder im Blätterwald schon seinen zukünftigen Ruhm austariert und nicht Gefahr laufen will, in 5 Jahren gesagt zu bekommen, daß er das schöne Kind damals ignoriert oder gescholten hat. Wenn ich an Lou Reed denke – sicher ein Kotzbrocken vor dem Herrn, aber er hat es GEMACHT, wovon er singt und schreibt – ist der Abstand zur neuen deutschen Pubertätsprosa doch gewaltig. Oder wenn sich Leo Naphta im Zauberberg eine Kugel in den Kopf schießt: Mit einfachen Mitteln die maximale Dramatik erzielt, ganz ohne das einem kleinen Mädchen während seiner Vergewaltigung die Netzhaut verbrannt wird. Aber keiner hat die Traute und sagt: Der Kaiser hat ja gar nichts an – das Zeugs ist stinklangweilig und vollkommen unauthentisch oder meinetwegen unoriginell. Helge Schneider und Christoph Schlingensief zum Beispiel SIND originell (es geht anscheinend doch noch), letzterer offenbar ein Vorbild für Frau Hegeman, von dem sie denkt, daß das um-ihm-herumscharwenzeln schon genügt, um in seine Fußstapfen steigen zu können. Das Kokettieren mit dem Kokettieren reicht nicht, genausowenig wie das Verschanzen hinter der angeblichen Virtualität des Internet.
Aber nicht die Siebzehnjährige kotzt mich an, sondern dieser ewig lauwarme deutsche Kulturverein, wo nur noch verwaltet und genetzwerkt wird, wo jeder, wenn er will, seine Kunst-Karriere minutiös planen kann, hauptsache er fängt keinen Krach mit den falschen Leuten an, weiß wo es warm rauskommt und kriecht dort so tief hinein (in den Kulturvereinsarsch), daß er es ganz weit hinten schon wieder hell werden sieht. ... teures Mittel gegen Magnesiummangel gekauft. Viel von Paralleluniversen gelesen, versucht hinzugelangen. Haßlicher Sturz. Blöder Schnee. Noch am Boden liegend Wunder erlebt: Meine verstorbene Großmutter erschien und sagte: Die Sonne müsste nachts scheinen, am Tag ist es doch sowieso hell. Frank Elstner, Eva Padberg und MMWesternhagen huldigen in der UBahn auf penetranten Leuchtplakaten der Bildzeitung. Debile Arschgeigen? Winnetou starb, ließ sich jedoch nichts anmerken. Mildtätige Zwerge fanden und pflegten ihn in ihrer Erdhöhle gesund. Wer die hier angezapfte Quelle findet, darf sie behalten.

# 76 | 13.02.2010 14:47:11 | Sabine schrieb:
ignorance is bliss...
Man möge sich beeilen, wenn man noch Karten für den 18.Februar im Literaturhaus (Taro) ergattern möchte. Mangelware.
Tante Emma Laden: Read it: John Irving, Last night in twisted river.
Für die Holzfäller unter euch.
Für den Boss: ist chinesische Schlittenfahrt das, was passiert, wenn man beim Rodeln übers Ziel hinausschießt? Ich dachte, das sei was anderes...Sorry госп& amp;#1086;дин Kumaritaschwili.
Und ich soll nochmal dickes Lob vom Polarkreis für die Kolumne mit Mappus übermitteln.

# 75 | 13.02.2010 14:34:32 | Bernhard schrieb:
Hegemann, Avatare und Halunken
Helene Hegemann findet das Leben der Anderen um Einiges spannender als das Eigene. Was ist schlimm daran? Es ist nichts Besonderes – Kopfkino und die Flucht in Traumwelten waren schon immer ein bewährtes Mittel dem realen Dasein eine Zeit lang zu entfliehen. Jemand Anderes sein, klüger, stärker oder mutiger, oder überhaupt Jemand zu sein, wenn einem die reale Welt jeglichen Respekt verweigert. Dazu braucht es nur eine gewisse, kreative Vorstellungskraft und eine gehörige Portion Inspiration: Fertig ist die selbstgebastelte Parallelwelt, in der man tun und lassen kann, was man will. Für Kleinkinder gehört der Bedarf an multiplen Identitäten noch zur Persönlichkeitsentwicklung, in der Pubertät treibt er mitunter sehr seltsame Blüten, und im Erwachsenenalter nennt man Menschen, die dauerhaft zwischen ihrer echten und ihrer virtuellen Persönlichkeit pendeln, dann schlicht krank – oder, je nach Blickwinkel, geniale Künstler. Der Grat auf dem sie wandeln ist sehr schmal. Was immer die junge Frau Hegemann dazu getrieben hat, sich die leidensvolle Welt aus dem Tagebuch des Bloggers Airen zur Eigenen zu machen, mit dem Diebstahl geistigen Eigentums, hat es nur sehr wenig zu tun. Frau Hegemann gehört zu einer Generation für die Schizophrenie zum Alltag gehört. Früher blieb die geheimnisvolle Welt des zweiten Ichs im Verborgenen, wurde bestenfalls schriftlich dokumentiert, in einem Tagebuch, oder, in sehr wenigen Fällen, auch publiziert und gehört heute, noch seltener, zur Weltliteratur. Das Internet lädt ja geradezu dazu ein, multiple Persönlichkeitsbilder zu entwickeln und auszuleben. Niemand entdeckt die Wirklichkeit, die dahinter steht. Frau Hegemann redet von ihrem Werk als „Echtheit“, denn „Originalität“ gebe es nicht. Sie betrachtet das Internet gewissermaßen als virtuelle Welt, aus der man Dinge in die reale Welt transferieren kann, und echt werden lässt. So hilflos Hegemanns Entgegnung auf den Plagiatsvorwurf auch daher kommt, diese Aussage offenbart genau den Kern des Problems. Gibt es im WWW überhaupt Originalität und geistiges Eigentum? Ist ein explizit der Allgemeinheit zur Verfügung gestelltes Schrifttum und Gedankengut nicht automatisch Eigentum der Allgemeinheit? Haben die unzähligen, nur als Avatar oder mit einem Pseudonym im Netz existierenden Persönlichkeiten überhaupt ein Recht auf den Schutz ihres (virtuellen) Eigentums? Können Menschen deren Avatare im Second Life oder in SimCity eins auf die Rübe kriegen demnächst auf rechtlichen Beistand hoffen? Es soll schon Fälle gegeben haben, in denen sich solche virtuellen Existenzen vertreten durch ihre realen Counterparts in der echten Welt gegenseitig wegen Diebstahls verklagt haben. Die aktuelle Debatte über das Urheberecht bei google-books behandelt im Grunde das gleiche Problem: Wem gehört was im Netz?
Der Fall Hegemann ist kein Fall für Plagiats-Diskussionen. Es hat sich jemand in seiner virtuellen Welt aus der eines anderen bedient oder, wohlwollender, sich von ihr inspirieren lassen. Ein Blogger hatte sein angeblich reales Leben anonym als „Airen“ offenbart. Er besteht nun auf seine Anonymität, möchte aber trotzdem am Ruhm seiner Worte teilhaben, schließlich hat er ja im realen Leben selbst sein Stück „Echtheit“ unter dem Titel Strobo daraus gemacht. Ob es der Anonymus selbst ist, der es begehrt, oder seine zweite virtuelle Persönlichkeit, das vermag niemand zu sagen. Der Ullstein-Verlag zumindest, verweist in der zweiten Auflage auf „Airen“ als Quelle vieler Passagen. Und damit ist es gut. Die Ähnlichkeiten wurden ja ausführlich dokumentiert und sind nicht der Rede wert. Das hatte auch sein Gutes: Ich weiß nun sehr genau, dass ich keines der beiden Bücher lesen werde!
Nicht jede Beschreibung virtueller Identität begründet in ihrer juvenilen und extremen, stilistischen Eigenart gleich eine neue Autoren- und Stilgeneration, wie uns Maxim Biller weismachen will. Stimmte schon bei den Stuckrad-Barres nicht.
Nun mal übertragen auf Marshall Joes Wild West Web-log: Wer sich dorthin begibt, sollte die Kommunikationsformen im Internet sorgfältig von denen in der realen Welt unterscheiden können. Und ein dickes Fell haben. Es ist ein Unterschied, ob man vis-á-vis seine Gefühle, Empfindungen oder Meinungen äußert, oder ob man es lauthals auf einem Marktplatz heraus schreit. Bei letzterem ist einem häufig Hohn und Spott gewiss. Respekt kann jeder nur in aller Vertraulichkeit erwarten. Das Netz ist das Gegenteil davon und voll von virtuellen Persönlichkeiten, deren echtes Leben eher unspektakulär verläuft, die im WWW dann den dicken Max machen und dabei das gewisse Extra suchen. Unsanktionierte Respektlosigkeiten inklusive. Halunken eben – ganz wie im richtigen Leben.

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