Bauers Depeschen


Samstag, 18. Juni 2022, 2305. Depesche


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LIEBES LESERIN, LIEBER LESER,

meine jüngste Kontext-Kolumne ist noch relativ frisch, sie heißt: AUF DEM SOFA



WAS WAR, WAS IST

Zuletzt hatte ich im Theaterhaus als Moderator bei der Solidaritäts-Matinee der Initiative Die AnStifter für Julian Assange und Maria Kalesnikawa und als Fünf-Minuten-Redner beim Fest zum Elfjährigen der Kontext:Wochenzeitung zu tun. Dann gab es am 15. Juni einen sehr schönen Flaneursalon im Garten der Gaststätte Ratze am Raichberg in Stuttgart-Ost. Es war die Wiederblebung der Freiluft-Bühne, gewissermaßen eine Premiere an diesem außergewöhnlich schönen Ort mit Blick auf die Stadt.

Und weil die Kartennachfrage so groß war, mache ich dort jetzt eine weitere Lieder- und Geschichtenshow in anderer Besetzung: am Freitag, 19. August (19 Uhr). Diesmal mit der Sängerin Katalin Horvath und ihren Begleitern Frank Wekenmann (Gitarre) & Sebastian Mare (Geige), mit dem Tanzkompanie-Chef Eric Gauthier als Sänger und Musiker (Gitarre: Jens-Peter Abele) sowie erstmals mit dem jungen Satiriker Cornelius WM Oettle (er ist u. a. regelmäßig für die "Titanic" und die "Wahrheit"-Seite der Taz tätig). Karten gibt es per Mail: ratzestr@gmailcom (Telefon Ratze: 0711/45146902) - und ab nächster Woche am Tresen im Schlesinger.



REDE zum KONTEXT-Jubiläum

Schönen guten Abend im Theaterhaus,

verehrtes Publikum, wenn ein Jubiläum in einer Anstalt namens Theaterhaus gefeiert wird, begreifen es die Jubilierenden vermutlich als eine Art bühnenreifes Ereignis. Die Zeitung Kontext rechnet sich also einer gewissen Kultur zu – womöglich der Bildungs- und Aufklärungsarbeit in einer Fake-News-verseuchten Gesellschaft.

Lassen wir das mal so stehen.

Die Zeitung Kontext ist ein Hybrid: Zum einen wird sie mit Strom aus der Steckdose für Bildschirme, zum andern mit abgeholzten Bäumen für Papiermüll hergestellt. Es besteht für ihre Macherinnen und Macher also die bleihaltig-geistige Verbindung von Johannes Gutenbergs Buchdruck bis zu Bill Gates Internet. Und eines Tages krochen sie aus dem Stuttgart-21-Loch …

Diese lange Epoche der medialen Hoffnungslosigkeit ist an einigen Redakteurinnen und Redakteuren von Kontext nicht spurlos vorbeigegangen, rein äußerlich aber scheinen sie das Gröbste einigermaßen rüstig überlebt zu haben – gut trainiert wie Sisyphus. Diese Kondition ist umso erstaunlicher, als der Schweizer Politologe und Gesundheitsökonom Gerhard Kocher mal gesagt hat: „Wer nach 20 Jahren Journalismus nicht den Beruf wechselt, wird böse enden.“

Das ist wahr. Wäre es anders, müsste ich heute Abend nicht hier stehen.

Liebes Publikum, als Festredner beim Elfjährigen fühle ich mich in einer fragwürdigen Rolle: Ich bin ja Kontext-Kolumnen-Lieferant und damit befangen. Und wenn Tucholsky mal gedichtet hat, „in den Verein ist er getreten / weil ihn ein Freund darum gebeten“, dann ist das eine Lüge. Kein wahrer Freund würde mich jemals bitten, einem Verein beizutreten. Dass es sich bei Kontext um einen echten deutschen Verein handelt, können Sie dem heutigen Bühnenprogramm entnehmen. Die Einzigen, die an diesem Abend nicht dem Stamm der germanischen Kartoffel zuzurechnen sind, spielen zu unserer Erbauung die Musik. Diese Art Arbeitsteilung beim dekadenten Feiern praktizieren die Herrscher der Welt seit Menschengedenken.

Da fällt mir ein: Schon einmal hab ich bei einem Kontext-Fest mitgewirkt, 2013 beim Zweijährigen, ebenfalls im Theaterhaus. Da war ich noch nicht befangen, sondern Söldner bei der profitorientierten Tagespresse. Deren einziges Problem bestand bekanntlich in der Frage, wie sie die Räume zwischen den Anzeigen füllt. Von diesem Geschäftsmodell konnten einige Kontext-Leute recht lange ganz gut leben.

Das zweijährige Kontext-Bestehen zu feiern war seinerzeit übrigens alles andere als anmaßend, denn nicht wenige hatten der Redaktion unter der Schirmherrschaft der Deutschen Rentenanstalt die Lebensdauer einer Eintagsfliege prophezeit. Deshalb an dieser Stelle: Allen Respekt! Elf Jahre sind kein Fliegenschiss.

Und heute, am 12. Juni 2022, muss ich mit großer Freude sagen: In den vergangenen neun Jahren hat Kontext sehr viel dazugelernt, vor allem, was die Beschaffenheit der menschlichen Gattung betrifft. Im Jahr 2013ging hier im Theaterhaus beim Geburtstagsfest nämlich keine einzige Frau auf die Bühne, nicht mal als Trompetenputzerin der Musikkapelle. Das war ein echtes politisches Statement angesichts der Tatsache, dass der erste Internationale Frauentag nur etwas mehr als hundert Jahre zuvor stattgefunden hatte. Initiiert übrigens von einer Frau, die wie Kontext lange in Stuttgart zu Hause war. Die nicht mehr gar so Jungen unter Ihnen haben sie noch persönlich gekannt: Clara Zetkin.

Aber ich spreche hier nicht als Gleichstellungsbeauftragter, nur als befangener, toxisch versauter Linksträger. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Damit zum Ernst der Lage: Klar ist, dass wir diese Kontext:Wochenzeitung mit all ihren Frauen und Männern dringend brauchen, mehr denn je, nicht nur, weil sich die Kraft des Widerstands vieler anderer Presseprodukte auf die Paywall reduziert. Es ist bitter nötig, einen Journalismus für den Blick auf unsere unmittelbare Umgebung zu machen und zu verteidigen.

Auch wenn wir wir – die leider mehr Grün- als Linksversifften – nicht für den großen Umsturz taugen, so haben wir doch die verdammte Pflicht, uns wenigstens vor der eigenen Haustür um gerechtere Verhältnisse zu kümmern. Uns gegen Rassisten, Nazis und andere Verschwörer zu wehren. Dafür braucht es einen couragierten, unabhängigen Journalismus.

Und so hoffe ich auf ein Kontext-Fest zum Zweiundzwanzigjährigen, mit vielen internationalen Menschen verschiedener Geschlechter auf der Bühne. Auch wenn ich dann selber nur noch die Newsletter der kapitalistischen Beerdigungsinstitute studieren werde. In diesem Sinne: Durchhalten, und nicht vergessen: Sisyphus wird nie arbeitslos!





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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