Bauers Depeschen


Freitag, 14. Januar 2022, 2295. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20220114

 



LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

wieder zurück auf der Depeschen-Seite. Eine neue Kontext-Kolumne gibt es, sie heißt IMMER AUF DIE GLOCKE und bringt wieder eine Menge zusammen: die Anmaßung verschwörerischer Schwurblertrupps, ihre Aufzüge "Spaziergänge" zu nennen, ein Glockenspiel im Norden - und wie Franz Liszt für einen lustigen Amusemento-Verein in Stuttgart den legitimen Vorgänger der AC/DC-Hymne "Hells Bells" komponierte. Hier geht's zum Text: KOLUMNE



Ansonsten: Unsere KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE STUTTGART ist noch am Leben und täglich aktiv, erhält aber nach Weihnachten und Neujahr (verständlicherweise) so gut wie keine Spenden mehr. Die Frage ist, ob ich noch einmal einen finanziellen Mobilisierungsversuch starte - oder ob wir das Ganze demnächst einstellen. Immerhin 22 Monate haben Peter Jakobeit und ich die Aktion bis heute durchgezogen, 1,5 Millionen Euro Spenden gesammelt und das Meiste davon weitergeleitet. Wer spenden oder unsere Sache verbreiten möchte, findet hier alle Infos: KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE STUTTGART



LIVE

Am Sonntag, 27. März, gibt es im Theaterhaus wieder einen FLANEURSALON. Näheres demnächst.



Diese Woche haben allein in Baden-Württemberg 50.000 gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert, und was sich bei diesen Aufmärschen zusammenbraut, ist gefährlich. Mit einigen Leuten aus verschiedenen Organisationen und Institutionen will ich so bald wie möglich in Stuttgart eine solidarische Aktion in der Pandemiekrise auf die Beine stellen. Es ist Zeit, wieder mal ein Zeichen zu setzen, wir dürfen nicht zuschauen, wie sich ein verschwörerisches Gemisch trotziger Egoisten im Dunstkreis der Neuen Rechten ausbreitet. Demnächst mehr darüber.



Zwischendurch: EIN SONG FÜRS LEBEN



Auf den Fildern fand diese Woche eine gute AKTION gegen - eindeutig von rechtsaußen gesteuerte - "Spaziergänge" statt; auf Einladung habe ich auch mitgemacht:

Rede bei der Kundgebung "Solidarität statt Hetze" am 10. Januar in der Fußgängerzone Filderstadt-Bernhausen, organisiert von einem breiten Bündnis:



SCHÖNEN GUTEN ABEND AUF DEN FILDERN,

das ist heute ein guter Abend für Bernhausen: Großen Dank, dass ihr da seid. Demokratische Kräfte aus zahlreichen Organisationen zeigen den Verschwörern und Rechten, dass wir ihnen ihre schäbigen Versuche, die Menschen aufzuhetzen, nicht durchgehen lassen. Wir überlassen ihnen nicht die Straßen. Heute nicht und morgen nicht. Wir sind da und halten dagegen, wenn sie ohne Masken und ohne Rücksicht auf unsere Gesundheit ihre menschenfeindliche Propaganda auf sogenannten Spaziergängen verbreiten.

Diese nichtsnutzigen Umzüge führen in eine kranke Welt jahrhundertealter Verschwörungen. Dass dieser Haufen aus Unbelehrbaren ausgerechnet den Spaziergang für seine umstürzlerischen Fantasien missbrauchen und instrumentalisieren will, macht mich besonders wütend. Und da muss ich kurz von mir selbst erzählen: Seit 25 Jahren bin ich als Spaziergänger unterwegs, ich gehe durch die Straßen und suche Stoff für meine Kolumnen. Der Spaziergang ist eine einzigartige Möglichkeit, sich dem Leben und der Welt zu nähren, das gilt für die kleine Welt wie für die große. Als Spaziergänger begreifst du, warum Vergangenheit nie vergangen ist, warum Vergangenheit immer auch Gegenwart ist.

Es ist eine Unverschämtheit und Anmaßung, wenn Leute von Spaziergängen reden, die den aufrechten Gang nie gelernt haben. Die mit verstolperten Hirnen herumziehen. Sie sind keine Spaziergänger, sie belästigen uns mit ihren Schwadronier- und Schikanier-Gängs.

Das Wort „spazieren“ ist aus dem Lateinischen abgeleitet. Es steht für Inspirieration und Zerstreuung. Beim Gehen kommen dir Gedanken. Spazierengehen ist eine kleine Reise zu Fuß, es dient der Erforschung seiner Umgebung. In den Straßen tun sich Geschichten und Geschichte auf. Man sieht Verbindungen: Die Spuren und Zeichen des Faschismus erkennen wir ja nicht nur an historischen Orten und Mahnmalen. Wir finden sie in unseren Parlamenten der Gegenwart, wo die AfD die Lehren der alten Nazis in der Sprache der Neuen Rechten verpackt.

Für mich als Spaziergänger ist es eine Schande, wenn Impfgegner von den Behörden ungestört ihre Hetze verbreiten dürfen, weil sie ihre Aufmärsche als Spaziergänge deklarieren. Der Begriff Demonstration kommt in der sogenannten Mitte der Gesellschaft nicht so gut an, deshalb machen sie Täuschungsmanöver. Der Spaziergang soll etwas Harmloses, etwas Vertrautes vortäuschen. Und selbstverständlich suchen sie Verbündete in der Mitte der Gesellschaft, wo politische Naivität und Unwissen herrschen. Viele glauben ja tatsächlich bis heute, Nazis erkenne man an Springerstiefeln oder Glatzen. Was für ein Unsinn.

Die neuen Rechten sind nicht doof, oft genug spielen sie die Nummer des freundlichen Nachbarn, der sich um Probleme kümmert. Die Rechten der Gegenwart tragen das Hakenkreuz nicht auf der Stirn, sie haben es im Hirn. Deshalb ist der immer wieder zu hörende Satz von Mitläufern „Ich habe keine Nazis gesehen“ dummes Zeug. Was sich heute zusammenbraut, ist gefährlicher als die rassistische Pegida. Mit dem Thema Impfen wollen sie flächendeckend Angst schüren – irrationale Angst schafft seit jeher den Nährboden für Faschisten. Impfverweigerung hatte schon immer etwas mit Rassismus zu tun, etwa mit dem Behauptung, mit Impfen verdienten vorzugsweise Juden Geld. Hitlers oberster Presse-Hetzer Julius Streicher schrieb 1935: „Die Impfung ist eine Rassenschande.“

Nun wäre es nicht hilfreich, Impfgegnerschaft generell als Nazi-Merkmal zu betrachten. Richtig aber ist, dass alle, die sich nicht von Reichsbürgern und anderen Nazis distanzieren oder mit ihnen gemeinsame Sache machen, Faschisten den Weg ebnen. Wir haben es auf sogenannten Querdenker-Demos nicht mit einer homogenen Bewegung zu tun, aber in einem sind sich diese Gestalten gleich: Sie suchen für ihre Probleme Sündenböcke, und das ist brandgefährlich. Diese sogenannten Spaziergänge müssen aufhören. Es reicht, wenn diese Leute als Telegram-Terroristen ihr Unwesen treiben. Würden Linke auf diese Weise herumziehen, wären längst Wasserwerfer im Einsatz.

In den vergangenen Tagen haben wir zum Jahrestag noch einmal die Bilder vom Sturm auf das Kapitol gesehen. Der rechte Mob ist internationale bestens vernetzt. Kundgebungen wie heute dienen ja nicht nur dem Protest, sondern auch der Information und dem Dialog. Deshalb ist eine Veranstaltung wie diese heute in Bernhausen sehr wichtig. Jede Kundgebung schafft einen Ort der Begegnung. Darum müssen wir uns regelmäßig an solchen Orten treffen.

Oft wird der Fehler gemacht, Großstädte mit einer gewissen Arroganz als Zentren der Welt zu sehen. Was sich auf dem Land tut, bleibt deshalb vielen verborgen. Es gehört zur Strategie der Rechten und Verschwörer, jetzt auch das Land unsicher zu machen. So wollen sie eine breite Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen vortäuschen. Dass sie ihre Rumtreiberei immer montags veranstalten, soll an die Montagsdemos in der DDR erinnern. Dazu sondern sie ihre Schwachsinnsparole ab, bei uns herrsche eine "Diktatur". Damit verharmlosen sie die Verbrechen wirklicher Diktaturen.

Ihre Angriffe auf unsere demokratische Kultur verbrämen sie mit dem Begriff „Freiheit“ – ganz ähnlich wie der amerikanische Mob, wenn er behauptet, er müsse die Freiheit der Nation mit Waffengewalt verteidigen.

Selbstverständlich haben alle das Recht, politische Maßnahmen in dieser Pandemie-Krise zu kritisieren. Zum Beispiel, dass diese Krise wie jede andere vorzugsweise auf dem Rücken der Benachteiligten und Verletzlichen ausgetragen wird. Wir allerdings müssen darauf achten, dass wir uns nicht unbewusst die Phrasen der Rechten aneignen. Einige Parteipolitiker tun das unverfroren, um Stimmen zu fischen.

Fatalerweise wird die Propaganda-Sprache der Rechten, etwa die Mär von der gespaltenen Gesellschaft, sehr leichtfertig von Politik und Medien übernommen. Mit der Phrase „Spaltung der Gesellschaft“ wird das Bild vermittelt, ein Holzklotz werde in der Mitte durchgeschlagen, so dass zwei gleich große Hälften links und rechts herunterfallen. Was für ein Unsinn. Eine Minderheit spielt sich auf, als stelle sie fünfzig Prozent der Gesellschaft. Dass ihnen diese Lügeninszenierung viele abnehmen, liegt daran, dass die Mehrheit bei uns schweigt. Es sind wieder mal viel zu wenige, die sich gegen die rechten Umtriebe sichtbar positionieren.

Auch das ist gefährlich. Die neue Rechte führt seit langem einen strategischen Kulturkampf gegen unsere Lebensweise, gegen das internationales Miteinander in unserem Alltag der Vielfalt.

Nicht nur Mehrheiten beeinflussen das gesellschaftliche Klima. Kleine Einheiten können viel Schaden anrichten. Wenn die AfD bei Wahlen schwächelt, sagt das überhaupt nichts aus über den brauen Sumpf mit seinen terroristischen Truppen. Auch deshalb müssen wir solche demokratische Treffen wie heute in Bernhausen aufrechterhalten. Wir müssen Zeichen setzen – überall, wo es uns möglich ist.

Ich bedanke mich bei allen, die Aktionen wie heute organisieren und die da sind und unsere Sache unterstützen. Vor zehn Monaten war ich schon mal als Redner dabei, und auch heute schließe ich mit den Worten: Auf diesen Fildern wächst ein Kraut, das die demokratischen Kräfte stärkt. Lasst uns weitermachen: Solidarisch gegen Hetze. Vielen Dank.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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