Bauers Depeschen


Samstag, 01. Januar 2022, 2294. Depesche


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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

ich wünsche ein erträgliches neues Jahr: eine gute weitere Runde. Und zunächst wie immer auf dieser Seite der Hinweis auf meine jüngste Kontext-Kolumne: DER MENSCH BRAUCHT DIE NADEL. Hier geht’s zum Text: KOLUMNE



MEIN 21 - ES GEHT WEITER

Das zweite Seuchenjahr ist vorbei, und wie es in der Pandemie weitergehen wird, weiß niemand – außer den Scharlatanen im Internet. Die arbeiten nicht nur mit Sternenstaub, sondern auch mit braunem Dreck.

Dass ich geimpft und geboostert bin, müsste ich hier nicht erwähnen. Sinnlos die Diskussionen mit Impfgegnern, vor allem in unserer Gegend, im Zentrum der Verschwörungen. Was willst du jemandem sagen, der nicht wissen will, dass du als Geboosterter im Gegensatz zu den Ungeimpften sehr wahrscheinlich nicht im Hospital landest und anderen behandlungsbedürftigen Menschen das Bett wegnimmst.

Was willst du noch mit jemandem reden, der gemeinsam mit Rechtsextremen gegen Corona-Maßnahmen marschiert und dann behauptet, er habe nur „friedliche Bürger“ gesehen. Nazis erkennt man nicht am Hakenkreuz auf der Stirn oder wie anno dazumal an den Springerstiefeln, und ihre Strategien begreift man nur, wenn man sich mit der Geschichte der Nazis und dem Kulturkampf der Neuen Rechten beschäftigt hat. Wer sich in diese neue, teils enthemmte und braun gefärbte Bewegung einreiht, ebnet den Rechten den Weg für ihre umstürzlerischen Machenschaften. Das neue Gemisch auf den Straßen ist viel gefährlicher als Pegida und muss bekämpft werden, nicht nur von staatlichen Behörden. Aber die Bereitschaft dafür ist wie immer gering. Und später wird man sagen, man habe mal wieder nichts gewusst - außer alles besser.

Für unsereinen hat sich im privaten Bereich vergangenes Jahr einiges verändert. Trennung, Umzug. Keine schöne Zeit. Andrerseits viel Glück im Unglück: Dank guter Freunde – als alter Eigenbrötler habe ich nur wenige – hatte ich sehr schnell eine neue Wohnung. Fast ein Wunder.

Um halbwegs auf Kurs zu bleiben und nicht in die Depression abzurutschen, habe ich versucht meinen Rhythmus zu halten. Das galt nicht nur für meinen privaten Kram, wie zuvor habe ich auch politische Aktionen unterstützt.

Einige Dinge in meinen üblichen Abläufen haben 21 erstaunlich gut funktioniert. Trotz Corona haben Flaneursalon-Abende stattgefunden: zwei im Theaterhaus-Hof, je einer bei den Open-Air-Festivals im Römerkastell und am Neckar auf dem Weingut Zaißerei (Poesie & Oechsle), Ende November schließlich – mit gebührendem Abstand – ein intimer Flaneursalon auf der Kulturinsel in Cannstatt. Fünf Lieder- und Geschichtenshows also mit 700 Gästen unter Corona-Bedingungen - und sehr guten Musiker*innen und den erstklassigen Autoren/Performern Jess Jochimsen und Oliver Maria Schmitt.

Diese Veranstaltungen habe ich auch gemacht, um wenigstens in kleinem Rahmen das Thema „Kunst- und Kulturarbeit in der Krise“ unter die Leute zu bringen, selbstverständlich mit Blick auf die Künstler*innensoforthilfe Stuttgart (KSH), die ich zusammen mit Peter Jakobeit betreibe.

Am 16. März 2020 haben wir diese Initiative gegründet, damals bei einem spontanen Treffen in der Kneipe Brunnenwirt, an dem auch Tom Adler und Goggo Gensch teilnahmen. Mit 5000 Euro gestartet, haben wir inzwischen 1,5 Millionen Euro Spenden gesammelt und das Meiste davon an Pandemie-Betroffene in der Kulturarbeit weitergeleitet. 6000 Spenden haben wir insgesamt erhalten, 3500 Überweisungen ausgeschrieben, viele davon übrigens an Studierende, die in der Krise öffentlich kaum wahrgenommen werden.

Mit einer so lange anhaltenden Kampagne hatten wir nicht gerechnet. Der ursprüngliche Plan war, mit etwas Geld Leute aus unserem Umfeld so lange zu unterstützen, bis Staatshilfen eintreffen. Die Sache lief anders und nahm Fahrt auf. Schon öfter haben Peter Jakobeit und ich in den vergangenen 21 Monaten gedacht, dass wir unsere Aktion mangels Spenden demnächst einstellen müssten oder könnten (diese Arbeit ist nicht immer mit Freude verbunden). Dann gelang es wieder, neue Spenden zu besorgen. Mit unserer Initiative sollte auch – wenigstens auf kleinem Radius – der Gedanke der Solidarität verbreitet werden. Wir wollten auf die gesellschaftliche Unverzichtbarkeit der Kunst- und Kulturarbeit hinweisen: Mit ihren Möglichkeiten der Aufklärung ist sie unersetzlich im Kampf gegen Nationalismus und Rassismus. Na ja, schöner Vorsatz. Die meisten Leute brauchen eben Geld und wollen ihr Ding machen. Politische/gesellschaftliche Überlegungen spielen bei ihnen keine große Rolle, auch nicht angesichts der demokratiefeindlichen Bedrohungen in der Pandemie. Aber gut: Etlichen Leuten konnten wir finanziell effektiv auf die Beine helfen und auch einige Projekte wirkungsvoll unterstützen. Und immerhin gab es kleine Nebeneffekte: Nur dank der KSH-Arbeit kam es zu Protestkundgebungen von Studierenden und einem anschließenden Gespräch mit ihren Sprecher*innen und der Landesregierung über die schlimme Corona-Situation an den Hochschulen.

Dass wir Anfang des neuen Jahres noch aktiv sind, ist auch der Benefiz-Show „Die Nacht der Lieder“ zu verdanken. Diese Veranstaltung, die ich 2001 für die Aktion Weihnachten e. V. der StN ins Leben gerufen habe, fand (nach dem Ausfall 2020) im vergangenen Dezember zum 20. Mal satt. Es war nicht ganz einfach, diese Show an zwei Abenden unter den sehr neuen Corona-Maßnahmen mit der reduzierten Raumauslastung im Theaterhaus gegen etliche (teils berechtigte) Bedenken durchzuziehen.

Die Verantwortlichen der Aktion Weihnachten waren von vorneherein bereit gewesen, die Einnahmen unserer Künstler*innensoforthilfe zu überlassen. Durch die Raumauslastung von nur noch 50 Prozent aber waren die beiden Abende auf einmal unterfinanziert. Dann sprang ein Gönner ein: Der Vermögensberater Wolfgang Spang von Economia organisierte 10.000 Euro ohne jegliche Gegenleistung. Vor Jahren hatte ich mal auf seine Bitte einen Benefiz-Flaneursalon zugunsten von Kindern gemacht und neulich bei der Jahresgala 2021 seiner Firma einen kleinen Vortrag über unsere KSH gehalten.

Letztendlich konnten dank der Nacht der Lieder mit ihren insgesamt 1000 Besucher*innen 47 mitwirkende Künstler*innen und die stattliche Technik-Crew ordentlich bezahlt werden. Außerdem gab es für uns eine großzügige Spende von der Aktion Weihnachten und einen kräftigen Projektzuschuss vom Stuttgarter Kulturamt, den wir seinem Chef Marc Gegenfurtner zu verdanken haben. Das Theaterhaus leistete bei dieser Sache schnell und unkonventionell formale Hilfe. Da auch im Nachhall der Nacht der Lieder einige Spenden bei uns eintrafen, hat sich das anfängliche Risiko-Unternehmen sogar finanziell gelohnt. Auch inhaltlich waren es sehr schöne Abende (in diesem Jahr – am 20. und 21. Dezember – folgt der nächste Streich).

Das Ganze erzähle ich so ausführlich, weil ich denke: Wir müssen auch in der Krise tun, was geht, solange die Vorsichtsmaßnahmen sorgfältig eingehalten werden können. Jede freiwillige Absage mag einerseits vernünftig sein, andererseits ist sie auch ein Signal der Resignation. Da müssen wir von Fall zu Fall nach bestem Gewissen entscheiden und handeln – „richtig“ heißt unter Umständen auch „falsch“, da helfen keine Prinzipien.

Allen, die unsere Sache – wie auch immer – unterstützen, sage ich herzlichen Dank; als Beispiel nenne ich das Bureau Progressiv, die Agentur, die uns gratis aus eigenem Antrieb eine komplette Plakatkampagne gestaltet und organisiert hat.

Ich hoffe mal, dass bei all dem organisatorischen Gewurstel und den psychischen Tiefschlägen im neuen Jahr der Humor nicht zu kurz kommt. Denn wenn Aktionen keinen Spaß mehr machen, sind sie für den Arsch. Das gilt auch in der Krise. Wir können uns nicht auf Scholz, Baerbock oder irgendwelche andere Lichtausgestalten der Marke Lindner verlassen. Unsere politische Ampel müssen wir selber einstellen, und zwar auf der Straße – und bei den Farben sehr genau auf unsere eigene Tönung achten. Grün ist nicht grün und rot nicht rot, und das Gelbe erscheint uns im Alltagsleben doch als ziemlich verpisst. In diesem Sinne: Weitermachen, solange was geht.



Wer noch spenden möchte, findet hier alle Daten: KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE STUTTGART



Hier noch: EIN SONG FÜRS LEBEN

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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