Bauers Depeschen


Dienstag, 02. Februar 2021, 2253. Depesche


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NÄCHSTE KUNDGEBUNG: voraussichtlich Donnerstag, 11. Februar, vor dem Metropol-Gebäude. 17.30 Uhr.



RETTET DAS METROPOL.

Am vergangenen Montag hat vor dem Stuttgarter Rathaus die gut besuchte Kundgebung "Rettet das Metropol!" stattgefunden. Zur gleichen Zeit stellte im Bezirksbeirat Mitte das Unternehmen Element Boulders GmbH aus Chemnitz seine Pläne vor, im Metropol-Gebäude nach dem - Ende 2020 erfolgten - Auszug des Kinos eine Kletterhalle einzubauen. Reden bei der Protest-Veranstaltung hielten u. a. die Filmemacherin und -produzentin Sidgrid Klausmann-Sittler und Goggo Gensch, von 2017 bis 2019 Leider des SWR Doku Festivals im Metropol. Musik machte Marcel Engler (Loisach Marci) mit seinem Alphorn, unsereiner moderierte. Hier die (unveränderten) Reden:



SIGRID KLAUSMAN-SITTLER:

Stuttgarter Kulturdenkmal Metropol-Kino soll zur Boulderhalle werden“. Also, ich glaube, selten blieb mir so der Mund offen stehen wie bei dieser Schlagzeile. Erst mal denke ich, das ist doch nur irgendein blöder Aufreger – Hauptsache Schlagzeile! Aber irgendwann begreife ich: Das sind keine Fake News, da geht’s um ganz viel.

Typisch ich, schieben sich schnell zuversichtliche Gedanken dazwischen: Da ist sicher nicht das letzte Wort gesprochen! Das lässt die Stadt niemals zu, schon gar nicht die Denkmalschutzbehörde. Und man wird doch sicher einen Weg finden, nicht mehr lange und es gibt ein alles klärendes Gespräch.

Aber alles, was ich lese, belehrt mich schnell eines Besseren: Aussagen stehen gegen Aussagen, es wird behauptet ... vielleicht gelogen? ... es wird dementiert, es gibt Schuldzuweisungen – die ganze Zutaten-Palette schlechter Drehbücher.

Coronamüde, mit chronischen Theater- Konzert und Kinoentzugserscheinungen überdenke ich die Konsequenzen der Kinoschließung. Es breitet sich ein Gefühl in mir aus, eine Mischung aus Trauer, aus Frust. Ratlosigkeit! Ich spreche mit Kolleg*innen, die sind maßlos enttäuscht und zornig. Mitten hinein in diese Pandemie, in der manche von ihnen nicht mehr wissen, wie sie die Miete zahlen sollen – wo jegliches Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit für die Zukunft schwindet - platzt die Nachricht von der Schließung eines Kinos, das hier in Stuttgart seinesgleichen sucht. Es ist so falsch wie es nur sein kann.

Und: Wir müssen erfahren, dass die Befriedigung von Anlegern, sprich: das Anhäufen von Geld, dass Rendite mal wieder wichtiger sind.

Erinnerungen werden wach: Es ist 2007. Ich sitze im großen, vollen Saal im Metropol bei der Preisverleihung der Filmschau B-W. Mein Debütfilm „Fliegen wirst du noch!“ lief auf dem Festival. Und plötzlich fällt mein Name. Eine lobende Erwähnung für meinen ersten Film! Hilfe! Ich bin im Kinosessel versunken vor Aufregung, denn ich war ja vollkommen unvorbereitet.

Oder meine Erinnerung an das ausverkaufte Haus und die wunderbare Stimmung bei der Première meines Dokumentarfilms „Nicht ohne uns!“ über Kleine Helden dieser Welt, 10 Jahre später. Wie meine Protagonistin, die fast blinde Rebekka aus der Schweiz ohne ihren Blindenstock auf die Bühne findet. Wie die Menschen nicht nach Hause gehen wollen.

Diese Erlebnisse in den geschichtsträchtigen, großzügigen Räumen des Metropol sind unvergesslich.

Und natürlich denke ich an die Festivals wie z.B. die Filmschau Baden-Württemberg, wo die Talente der Filmakademie Ludwigsburg, der international renommierten Kaderschmiede um die Ecke, ihre ersten Werke einem Publikum präsentieren, mit ihm ins Gespräch kommen!

Ich denke an das noch junge SWR Doku Festival, 2017 neu gegründet, mit seinen großartigen Filmen, das hier sein Zuhause fand.

Ich denke an die Begegnungen im Foyer, die Gespräche mit Kolleg*innen, den so wichtigen Austausch, an das gemeinsame Schauen und Fachsimpeln und Mit-Fiebern bei der Preisverleihung.

Wo um alles in der Welt soll das in der Zukunft denn stattfinden? Ich sehe in Stuttgart keinen vergleichbaren Ort ... keinen. Das Metropol ist weit und breit das einzige Kino, das solchen Festivals eine adäquate Bühne bietet. Welche Großstadt würde denn freiwillig auf so etwas verzichten?

Aber gut, es wäre nicht das erste Mal, dass Menschen von außerhalb über Vorgänge in dieser Stadt die Hände überm Kopf zusammen schlagen und sagen: Wie könnt Ihr nur!

Eine Stadt wie Stuttgart, die sich die Kultur auf jede ihrer Fahnen schreibt, kann und darf auf ein solches Haus nicht verzichten!

Gestern fuhren wir auf dem Weg zum Park am Ufa-Palast vorbei. Das wäre doch ein wunderbarer Ort für eine Kletterhalle, großzügig, in urbaner Kulisse. Zum Soundtrack all der Filme, die auch dort einst gelaufen sind, ließe sich doch trefflich klettern!

Mein Appell richtet sich an unseren frisch gekürten Oberbürgermeister, an Sie, Herrn Nopper (falls Sie da sind): Unsere letzte Hoffnung liegt auf Ihnen! Wer sonst soll jetzt noch den Karren aus diesem Dreck ziehen. Machen Sie es zur Chefsache! Sie können punkten, auch bei all denen, die Sie nicht gewählt haben ... und das ist die Mehrheit! Was für ein Einstand wäre das! Besser können Sie Ihre Image-Kampagne für Stuttgart gar nicht starten!

Aber noch viel wichtiger ist und darum geht es: Wir alle, die für und in der Kultur arbeiten, wir Filmschaffenden, die die Kinosäle mit Inhalt füllen und nicht zuletzt unser Publikum, wir brauchen hier dringend ein positives Signal, ein Signal der Hoffnung und der Zuversicht, in schweren Zeiten. Wir wollen unser Metropol Kino mit seinen tollen Sälen behalten!

Ich danke Ihnen!



GOGGO GENSCH:

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

„Im Kino gewesen – geweint“. Das schrieb Franz Kafka in seinem Tagebuch nachdem er 1921 den Film „Rückkehr nach Zion“ gesehen hatte.

Das Kino war und ist ein Ort großer Gefühle. Das ist sicher ein Grund dafür, warum der Aufschrei in Stuttgart so groß war, nachdem Anfang November bekannt wurde, dass die bisherigen Betreiber ihren Pachtvertrag für das Metropol-Kino kündigten.

Außergerechnet das Metropol, dieses Gebäude, das zur Identität dieser Stadt gehört wie wenig andere, das eine Aura hat - eine Seele wie kaum ein zweites Kino.

In diesem Gebäude - in dem Eroll Flynn seine Zuschauer einst ebenso verzauberte wie der Magier Kalanag zu Zeiten als das Metropol sowohl Kino als auch Varieté war - soll jetzt geklettert werden.

Ich habe persönlich nichts gegen das Bouldern wie das Klettern in Hallen heißt. Jeder darf in seiner Freizeit machen was er mag, von mir aus auch Klettern, solange er anderen dabei nicht auf dem Kopf fällt. Aber nicht im Metropol – dort soll nur Silvester Stallone als Rambo klettern oder die Beleuchter, wenn sie die Bühne für die Preisverleihung eines Festivals ausleuchten.

Während hier oben im dritten Stock die Freunde des Boulderns dem Bezirksbeirat Mitte ihr Konzept und ihre Philosophie erklären, stehen wir hier und versuchen das sinkende Schiff Metropol zu retten.

Es ist das eine, wenn die E.M. Filmtheaterbetriebe, keine finanzielle Zukunft für das ehemalige Festival- und Premierenkino sehen. Das muss man akzeptieren, schließlich bezahlten sie auch eine nicht zu knappe Miete an die Union Investment.

Was die Geschichte aber zum Katastrophenfilm macht, ist, dass eine reiche Stadt wie Stuttgart betroffen zuschauen muss, wie eines ihrer edelsten und vornehmsten Häuser zu einer Sporthalle verkommt. Wenn Schweiß und Magnesiumcarbonat die Luft eines Hauses verpesten, in denen einst edle Parfums schöner Frauen und der Schwefel aus den rauchenden Colts der Cowboys die Luft auf der Leinwand würzten.

Dass man solch ein Haus auf den freien Markt geworfen hat war der Kardinalsfehler. Es wurde so der Immobilienspekulation Preis gegeben hat. Das ist – auch wenn es längst verjährt ist -, ein Skandal der Extraklasse, der verfilmt gehört. In dieser Stadt ist viel Stoff für solch einen Gangsterfilm.

Es wurde von einem zum anderen verkauft – Frank Schweizer hat das ja anschaulich dargelegt – und jedes Mal wurde verdient. Drauf gezahlt hat dabei kein Investor.

Jetzt bleibt den Verantwortlichen im Rathaus und uns nur noch das Prinzip Hoffnung. Hoffen vor allem auf den Denkmalschutz. Die Hoffnung stirbt auch im Kino immer erst zuletzt, wenn nach dem Abspann die Lichter langsam wieder hell werden. Dann ist meist das ganze Elend sichtbar.

Und es ist ein Elend, dass eine Stadt nur reagieren kann und nicht agieren.

Die Union Investment spielt sich selbst als Stadtentwickler auf, wenn sie behauptet, die Stadt benötige, ich zitiere: „neue, zukunftsweisende Konzepte, die insbesondere vor dem Hintergrund des strukturellen Wandels die Menschen in der Innenstadt halten“.

Die Union Investment behauptet also zu wissen, was Stuttgart benötigt, zum Beispiel eine Kletterhalle in einem Baudenkmal.

Eine Stadt aber muss selbst entscheiden, wohin und mit was sie sich entwickeln will. Jetzt kann sie sich nur noch empören und „verarscht fühlen“, wie Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner in einem Interview sagte. Man kann ihn verstehen, denn die Union Investment nahm es mit der Wahrheit nicht so genau.

Behauptete sie doch, es habe sich kein geeigneter Kinobetreiber gefunden, der das Metropol weiterführen wollte.

Das war gelogen. Heinz Lochmann, er betreibt elf Kinos mit 12.000 Plätzen, darunter auch die hier in Baden-Württemberg nicht ganz unbekannten Traumpalast Kinos. Schon im Oktober, also bevor die Schließung bekannt wurde, hatte er erstmals bei der Union Investment sein Interesse an dem Haus angemeldet. Am 24. November bekam er die Pläne zugeschickt. Er wäre bereit gewesen einen Mietvertrag zu unterschreiben. Der aber kam nie. Offensichtlich wollten die Union Investment und die sie beratende Immobilienfirma Colliers International das nicht. Ein Vertrag mit der Element Boulders GmbH bringt wohl mehr Geld.

Das nenne ich ein schmieriges Schurkenstück einer Firma die im Besitz der Genossenschaftsbanken, also auch der Volksbanken, ist. Diese Banken sehen sich selbst ja immer auf der Seite der Guten. Genossenschaftsbanken wurden auch gegründet um die Interessen ihrer Mitglieder und der Einwohner der Stadt, in der sie leben, zu vertreten. Es geht ihnen also auch um das Gemeinwohl.

Gehört dazu, dass man, wie in diesem Fall, die Öffentlichkeit belügt?

Wir fordern die Union Investment dazu auf, den Vertrag mit der Element Boulders GmbH aufzulösen – jeder Vertrag hat eine Ausstiegsklausel - und das Metropol an die Stadt Stuttgart zu vermieten. Dann kann die Stadt selbst, mit allen Beteiligten, Festivals, FilmemacherInnen, dem Haus für Film und Medien und kommerziellen Kinobetreibern zusammen nach einer guten Lösung im Sinne der Kultur suchen. Diese Übung kann gelingen. Dessen bin ich mir sicher.

———

Hier noch Auszüge

aus meiner MODERATION:

Das Boulder-Unternehmen, liebe Protest-Versammlung, ist nicht die Ursache eines Skandals, gegen den wir uns gemeinsam wehren müssen. Nicht nur hier und heute. Selbstverständlich protestieren wir gegen den Verlust eines traumhaften Filmtheaters in der Bolzstraße. Aber: Der Kern unserer heutigen Aktion ist – wie so oft in Stuttgart – der erbärmliche politische Umgang mit unserer Stadt und ihrer Geschichte.

Das Metropol-Gebäude ist ein weiteres eklatantes Beispiel dafür, wie die herrschende Politik die Stadtplanung den Immobilien-Dealern für Profite überlassen hat. Für Profite, die der Lebenskultur in unserer Stadt erheblich schaden – und nur eins bestärken: unseren Ruf als Provinz. Mit der Ende des Kinos Metropol und dem Einzug einer Kletterhalle würde ein einzigartiger Ort Stuttgarter Stadt- und Kulturgeschichte zerstört. Ein Ort mit einer Geschichte voller großer Namen und Ereignisse, die auch heute Bedeutung für uns und die gegenwärtige politische Entwicklung haben.

Deshalb: Rettet das Metropol! ...



Und jetzt die Frage aller Fragen: Was können wir noch tun? Tatsache ist, dass die sattsam bekannten Immobilien-Agenten dieser Stadt, die mit einflussreichen Politikern verbandelt sind, dem Boulderhallen-Unternehmen das Metropol angeboten haben. Dieselben Immobilien-Dealer haben übrigens auch die Hand auf dem Breitling-Gebäude am Marktplatz. Wenn es uns jetzt gelingt, Druck aufzubauen und unseren Protest laut und sichtbar zu machen, ist es denkbar, dass sich die Klette-Kompanie einen alternativen Standort sucht. Um in Ruhe ihre Geschäfte zu machen – ohne Protest-Demos vor ihrer Haustür. Und jetzt auch die Stadt gefragt. Sie muss der Boulder-Firma eine Alterative bieten. Der neue OB hat doch gleich nach seiner Wahl getönt, er wolle das Stuttgarter Image aufpolieren. Zwar kann ich das ewige Imitisch-Gedöns nicht mehr hören. Der Umgang mit dem Metropol aber hat sehr wohl etwas mit dem Ruf unserer Stadt zu tun. Also, Herr Nopper, das Metropol bietet Ihnen die große Chance, etwas gegen Ihr Backnang-Imitsch zu tun.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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