Bauers Depeschen


Freitag, 22. Januar 2021, 2251. Depesche


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Kühlschrankfüller

LIEBE GÄSTE,

unsere Künstler*innensoforthilfe Stuttgart ist dank vieler Spenden in der Weihnachtszeit mit einem guten Polster ins neue Jahr gestartet, und schon jetzt ist klar: Alles wird für die Betroffenen, für die diese Aktion gedacht ist, noch schlimmer werden als im ersten Pandemie-Jahr. Viele Rechnungen müssen zurzeit bezahlt werden, und Arbeit ist für die meisten Freischaffenden im Kunst- und Kulturbereich nicht in Sicht. Die Zahl der Anfragen ist in den vergangenen Tagen extrem gestiegen. In dieser Woche ist ein schöner Bericht über unsere Aktion in der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" erschienen: "Kühlschrankfüller des Südens". Mal schauen, wie lange unsere kleine Privatinitiative finanziell durchhalten kann. Wir bitten weiterhin um Spenden und um die Verbreitung unserer Sache. Allen, die helfen, herzlichen Dank! Hier geht es zu den Infos auf unserer Webseite: KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE



PANDEMIE

EIN KLEINER AUFRUF, der nichts kostet.

Vorneweg: Bei der Sache, von der hier die Rede ist, geht es nicht um Zahlen. Nicht um Menge. Dennoch: Nirgendwo in der Republik findet bisher die Aktion „Wir trauern um die Corona-Toten“ so wenig Resonanz wie in Stuttgart. Nur ganz wenige kommen sonntags bewusst zum Ort der Lichter. Am vergangenen Sonntagnachmittag wurde die Aktion zum fünften Mal auf dem Schillerplatz gestartet. In einigen Städten sind die brennenden Kerzen als stilvolles Zeichen gegen die Anonymisierung und statistische Routine inzwischen eine Dauereinrichtung. Stilles Gedenken, auch als Zeichen gegen Corona-Leugner und -Verharmloser. Menschen kommen und stellen Kerzen ab. Es gibt keine Reden, keine Demo-Rituale. Nur ein Plakat, worum es geht und der aktuellen Zahl der in der Republik an Corona gestorbenen Menschen. „Tagesschau“, „Tagesthemen“ und „Arte-Journal“ haben bereits darüber berichtet. In Stuttgart muss die Aktion allerdings jedes Mal als Versammlung angemeldet werden - die Lichter dürfen dann bis zum kommenden Morgen stehenbleiben. Dann müssen wir sie wegbringen.

Der Berliner Initiator Christian Y. Schmidt hat mich vor fünf Wochen gebeten, spontan einen Stuttgart-Auftakt zu organisieren, um das Thema auch bei uns zu verbreiten. Jede und jeder aber kann da irgendwo in der Stadt die Initiative ergreifen. Wäre schön, es würden sich in Zukunft nur ein paar mehr Leute beteiligen, um das Bewusstsein für die Gefahren der Pandemie zu schärfen und mehr Anteilnahme für die Opfer und das Leben in dieser Krise zu wecken. Vorerst treffen wir uns immer sonntags in kleinem Kreis gegen 16:30 Uhr auf dem geräumigen Stuttgarter Schillerplatz. Vielen Dank.

In den sozialen Medien findet man alles unter #coronatotesichtbarmachen



UND HIER EIN WICHTIGER AUFRUF, der einigen viel helfen kann:

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe ALLE, die was tun können:

wieder mal ein – seriöser – Bettelbrief: Es geht um die Hausbesetzer*innen der Wilhelm-Raabe-Straße, die jetzt nach ihrem Prozess mehr als 11.000 Euro zahlen müssen – und nicht viel haben.

Die Aktion im Jahr 2018 war insofern außerordentlich sinnvoll, als sie die Diskussion über die Wohnungsnot und die Mietenexplosion in Stuttgart vorangebracht - und das Thema an sich in den Gemeinderat getragen hat. Dank der Wohnungsbesetzungen wurden sogar Maßnahmen beschlossen. Jetzt brauchen die Aktivist*innen Unterstützung, um ihre Strafen zu zahlen – während die Wohnungen nach der Räumung immer noch leer stehen …

Wäre schön, wenn wir mit unserem solidarischen Aufruf genügend Spenden sammeln könnten.

Schon mal vielen Dank und herzliche Grüße

joe



Überweisung bitte unter dem Stichwort Wilhelm-Raabe-Straße

IBAN:

DE66 4306 0967 4007 2383 13

Empfänger Rote Hilfe

Auch diese Online-Überweisung ist möglich

RAABE KONTO



Meine Kontext-Kolumne vom 13. Januar 2020

AMERIKA IN EINER FLASCHE

Am schönsten für den Spaziergänger sind Geschichten, die ihm sein zuverlässigster Begleiter liefert. Der Zufall. Ich suche nicht nach Dingen, die "neu" sind. Schon morgen kannst du Amerika entdecken, auch wenn Columbo ein paar Tage vor dir da war.

Ich steige an einem Bahnhofsgebäude aus, das als Bahnhof nur noch Erinnerung ist, wie ein paar Meter weiter das Bahnhof-Hotel als Herberge. Ich bin auf dem Weg zum Haus Judenberg 2. Es steht unterhalb des jüdischen Friedhofs in Laupheim, einer Stadt mit 22.000 Einwohnern im Kreis Biberbach, in der Nähe von Ulm. Bis Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts war in Laupheim Württembergs größte jüdische Gemeinde, bevor viele der 840 Mitglieder nach Ulm, Stuttgart oder Amerika auswanderten. 1933 lebten nur noch 235 jüdische BürgerInnen in der Stadt.

1.200 Gräber gibt es auf dem jüdischen Friedhof, wo auch Rebekka Lämmle begraben liegt, die Mutter von Laupheims größtem Sohn. Carl Laemmle, am 17. Januar 1867 geboren, gründete 1915 in einer zuvor unbeachteten Gegend von Los Angeles die Universal Studios. Als Erfinder und einer der wichtigsten Pioniere Hollywoods wurde er weltberühmt. Der gelernte Kaufmann, Nachkomme eines Viehhändlers, hieß ursprünglich Karl Lämmle; 1884 war er als Siebzehnjähriger in die USA ausgewandert.

Unser Kolumnist auf der Suche nach Seife. Foto: Joachim E. Röttgers

Nicht diese Geschichte aber ist es, die mich im Lockdown nach Laupheim lockt. Ich bin auf den Spuren einer Seife, die ich mir Monate zuvor zufällig in einer Stuttgarter DM-Filiale gekauft habe. Die Naturseife ist kaum größer als eine Streichholzschachtel und geeignet für "Hände, Gesicht und Haare". Sehr praktisch also für den Kulturbeutel eines Mannes, der mit seinen Kräften haushalten muss.

Das Universalprodukt gehörte zur Marke Dr. Bronner's, was mich zunächst ungefähr so sehr erregte wie der Geruch einer Kernseife – bis ich eine kurze Geschichte von Doris Dörrie mit dem Titel "Magic Soap" las. Ich fand sie in ihrem Buch "Leben Schreiben Atmen", das ich mir im Lockdown Eins an der Hintertür meiner Buchhandlung als spontane Dreingabe zu einem bestellten Werk gekauft hatte. Der Text handelt von Dr. Bronner's Flüssigseifen-Mythos, einem Fläschchen mit betörendem Pfefferminz-Aroma. Die Hippies haben dieses Kultstück einst populär gemacht: "... ganz Amerika steckt in dieser Flasche", schreibt Doris Dörrie. Seit ihren Erfahrungen mit diesem Stoff in New York – wo es "kein Leben für uns ohne Dr. Bronner's" gab – habe sie auch in Deutschland immer ein Fläschchen in ihrem Schrank.

Investigative Ehrensache, dass ich nach dieser Lektüre sofort loszog, um mir weitere Dr-Bronner's-Ware zu besorgen, diesmal in der gut bestückten Drogerie Müller. Lavendel, Sandelholz usw. Die Pfefferminz-Bombe mit prickelnder Schnellwirkung im Schritt ist eine regionale Schöpfung: Die Eltern des deutschen Juden Dr. Emanuel Bronner, der das Wasch-Wunder in die Welt brachte, waren Seifenfabrikanten in Heilbronn. Emanuel floh schon 1929 vor den Nazis in die USA. Seine Eltern wollten ihm nicht folgen, der Vater schickte ihm später eine Postkarte aus dem KZ in die Staaten: "Du hattest recht." Die Eltern wurden ermordet.

Emanuel, gelernter Seifensieder und Chemiker, arbeitet dann in dritter Generation des Unternehmens. Seine Eltern hießen Berthold und Franziska Heilbronner. Kaum in Chicago angekommen, streicht er wegen Hitler das "Heil" aus seinem Namen – und heißt fortan Dr. Bronner. Er wird Forschungsleiter bei Wrisley Soap and Perfume Co. in Milwaukee und kämpft als Aktivist für Frieden, Versöhnung und die Vereinigung von Mensch und Natur. Er ist seiner Zeit voraus. 1946 landet er nach einer Rede an der Universität von Chicago in der Psychiatrie, kann aber fliehen und trampt nach Los Angeles. 1948 beginnt er in seiner Badewanne mit der Herstellung von Pfefferminzseife nach einem alten Familienrezept. "Dr. Bronner's Magic Soaps", fair produziert und in der Not sogar zum Zähneputzen geeignet, erlangt in den sechziger Jahren ungeahnte Popularität. Bis heute sind auf den Verpackungen Botschaften in Kleinstschrift gedruckt mit der Hippie-gerechten Kernaussage: "Wir sind Alle Eins". Emanuel Bronner stirbt 1997 mit 89.

Inzwischen führen Emanuel Bronners Nachfahren in fünfter Generation das erfolgreichste US-Unternehmen für Öko-Seifen, das auch in Europa (und wieder in Deutschland) Fuß gefasst hat. Die ganze Familiengeschichte ist so umfangreich, dramatisch und skurril, dass ihre Darstellung einen dicken Roman oder langen Film erforderte. Nur so könnte der Kampf der Bronners um die Legalisierung von Cannabis geschildert und ihre sozialpolitischen Signale gebührend beleuchtet werden: Beispielsweise dürfen die Chefs nicht mehr als das Fünffache des Niedrigstlöhners ihres Unternehmens verdienen.

Seit einiger Zeit erforschen die Bronners ihre deutsche Wurzeln. 2015 besuchten die Brüder Mike und David mit ihren Familien Heilbronn. Danach widmeten sich die heutigen Firmenchefs auch der Laupheimer Historie: Nicht in Heilbronn, sondern in der kleinen Stadt an der Rottum liegt die wahre Keimzelle der Zauberseife.

Als ich vor dem unbewohnten Gebäude am Judenberg 2 stehe, tritt in der Nachbarschaft ein Mann auf die Straße. Gefragt, ob er wisse, was es mit diesem Haus auf sich habe, sagt er: "Es steht schon ewig leer. Ich glaube, da hat mal einer gewohnt, der nach Amerika ausgewandert ist."

Auf dem Gelände am Judenberg 2 gründet der Seifensieder Emil Heilbronner 1858 seine Manufaktur. Als er 1903 stirbt und sein Neffe Abraham Erlebacher die Firma übernimmt, bauen seine Söhne Berthold, Karl und Sigmund Heilbronner in Heilbronn die Seifenfabrik Heilbronner Cie. KG auf.

An der Eingangstür des Hauses am Judenberg sehe ich einen Aufkleber für "Dr. Bronner's Magic Soaps": "All-One!", zwischen den Wörtern ein Symbol zweier ineinander gefalteter Hände, die Arme schlingen sich um die Abbildung eines Stücks Erde. An den beiden Hausklingeln befinden sich Schildchen: "Dr. Bronner's". Als ich im Laupheimer Museum zur Geschichte von Juden und Christen anrufe, sagt man mir, das alte, mehrfach umgebaute Haus solle neu gestaltet werden. Ein Biberacher Architekturbüro plant bereits die "Revitalisierung einer ehemaligen Seifensiederei aus dem 19. Jahrhundert". Neben einer Wohngemeinschaft "für Menschen mit Handicap", heißt es auf der Homepage, soll in Zusammenarbeit mit der Familie Bronner ein Museum entstehen, "wo der Werdegang der Seifensiederei dargestellt werden kann."

An meinem Tag auf den Spuren der Seife spaziere ich zehn Kilometer durch Laupheim. Ich besuche den jüdischen Friedhof und sehe die Gedenktafel für die ermordeten Juden. Ich gehe zum Carl-Laemmle-Gymnasium und durch den etwas entlegenen Carl-Laemmle-Weg. Ich bin in der Bronnerstraße und streife irgendwann das olivgrüne Rathaus, das in den 1960ern der Stuttgarter Architekt und Stadtgestaltungs-Aktivist Roland Ostertag entworfen hat. Nebenbei bekomme ich mit, dass auch die berühmte jüdische Rekord-Hochspringerin Gretel Bergmann in Laupheim geboren wurde. Sie wird von den Nazis übel schikaniert, trainieren kann sie nur auf einem Sportplatz im fernen Stuttgart. 1936 darf sie nicht bei den Olympischen Spielen in Berlin starten. Bald darauf emigriert sie in die USA. 2017 stirbt sie mit 103 Jahren in New York.

Zum Abschluss meiner Laupheim-Tour durchsuche ich erst einen Laden der Drogeriekette Müller, dann eine weit entfernte DM-Filiale. In beiden Geschäften gibt es keinen Tropfen oder Krümel von Dr. Bronner's Magic Soaps. Eigentlich hätte ich gern den Verantwortlichen mit flüssiger Pfefferminzseife den Kopf gewaschen. Dank Dr. Emanuel Bronner aber weiß ich, wie schnell du für die gerechte Sache in der Psychiatrie landen kannst.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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