Bauers Depeschen


Samstag, 26. Dezember 2020, 2246. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

zweiter Weihnachtsfeiertag, das Seuchenjahr kurz vor dem Ende - und kein Ende der Seuche in Sicht. Es gab viel zu tun 2020. Manchmal schien es, als gäbe es keine Pandemie. Und nicht wenige leben auch so, als wäre nichts. Dabei hat sich gerade das Nichts in vielen Bereichen ausgebreitet. Vieles ist nicht mehr möglich. Aber was möglich ist, muss man halt tun. Wie immer.

Auch heute weise ich auf unsere Künstler*innensoforthilfe Stuttgart hin, die ihrem Namen insofern nicht gerecht wird, als wir ja nicht nur Künstler*innen unterstützen, sondern alle, die im weitesten Sinn mit Kulturarbeit zu tun haben. Selbstverständlich sind wir auch an allen Feiertagen aktiv, das heißt: Wer Probleme hat und uns schreibt, erhält postwendend finanzielle Unterstützung.

Das größte Problem bei dieser Aktion ist die falsche Scham, die viele Betroffene mit sich herumtragen. Sie scheuen sich, bei uns Hilfe anzufordern. Dabei machen wir das Ganze doch nur, damit ohne viele Fragen und bürokratische Forderungen auf die Schnelle etwas Geld ins Haus kommt. Kein Mensch muss sich schämen, wenn er wegen der Pandemie seine Arbeit nicht mehr ausüben kann und deshalb Unterstützung bekommt von einer freien Initiative wie unserer: Uns geht es nicht um Almosen, sondern um den solidarischen Gedanken. Hier der Link zu unsere Webseite: KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE



DANN MACHE ich noch bei dieser Theaterhaus-Aktion mit:

ERIC GAUTHIER & FRIENDS



UND hier ist meine erste Kolumne, die ich für die Kontext:Wochenzeitung im April geschrieben habe - die nächste erscheint am kommenden Dienstag um Mitternacht, sie heißt "Der Orkan".



ENDSTATION

Mehr als 20 Minuten hatte ich schon in der Frühjahrskälte vor diesem fetten Feuerbacher Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg neben dem Bahnhof gesessen, als der Bus kam. Es war der Tag, als ich beschloss, mich zur Ruhe zu setzen, jedenfalls was meine jahrzehntelange Herumgeherei in der Stadt anging, dieses Straßen- und Ausgräberleben, das mir als Zeitungskolumnist die Stadt lebendiger machte, als sie war.

Auf einer Bank vor der Bushaltestelle las ich in einem Buch, dass es die Melodie von "O du lieber Augustin" war, die Gustav Mahler zu einem großen Komponisten gemacht hat. Als Kind, so hinterließ es uns Sigmund Freud, hat Gustav das Lied bei einem Leierkastenmann gehört, nachdem es zwischen seinen Eltern wieder mal zum Streit gekommen war. Später sog er den Sound der Straße auf, mischte U- und E-Musik, und in den Konzerthäusern drehten die Leute durch. Heute passiert so etwas nur noch, wenn ein Stuttgarter Opernhaus für eine Milliarde renoviert werden soll.

Der Song vom lieben Augustin hat alles vorweggenommen, wovon unsereiner heute träumt, wenn er vor einem Luftschutzbunker auf den Bus wartet:

Jeder Tag war ein Fest,

Und was jetzt? Pest, die Pest!

Nur ein großes Leichenfest

Das ist der Rest ...

O du lieber Augustin, Alles ist hin.

Lange vor Corona wurde dieses Lied geschrieben, und seit damals scheint mir kaum mehr Zeit vergangen, als mein Bus Verspätung hatte.

Als ich eingestiegen war, sah der Bus ein wenig anders aus als in den Wochen zuvor, an denen ich vom Hochbunker nach Neuwirtshaus gefahren war. Na und. Alles ändert sich. Die Bunker, die Busse, die Pest.

Ich weiß, dass die meisten Leute noch nie von Neuwirtshaus gehört haben. Aber die haben auch nie von Mahlers Liebe zum lieben Augustin gehört. Im Bus vertiefte ich mich wieder in mein Buch, und bei einem Blick aus dem Fenster sah ich zu meiner Beruhigung: Wir waren auf Kurs.

Auf dem Weg nach Neuwirtshaus ragten vor dem Porsche-Museum in Zuffenhausen wie gewohnt die drei Stelen mit je einem Sportwagen vom Typ 911 in die Wolken. Weltweit gelten diese drei toten Rennautos auf Himmelfahrt als Beweis für Stuttgarts beispiellosen Einsatz für den Klimaschutz.

Ich näherte mich bereits Gustav Mahlers frühem Tod, als mich einige Abweichungen von meinen vorherigen Neuwirtshaus-Touren irritierten. Vielleicht hatte inzwischen ein infizierter Mann ohne Fahrschein dem Fahrer einen Revolver an den Kopf gedrückt. Ich saß im Bus ohne Wiederkehr. Hijacking im Nahverkehr.

Als dann endlich mein Ziel, das Wirtshaus Alte Hofkammer an der großen Kreuzung vor dem Ortseingang von Neuwirtshaus und am Ortsausgang von Stammheim zu sehen war, drückte ich erleichtert die Haltewunschtaste. Ich drückte mehrmals. Ich drückte mit voller Kraft. Doch der Bus nahm Fahrt auf. Neuwirtshaus verschwand im Regen, der eingesetzt hatte. Etwas war schiefgelaufen. Um mich nicht zu blamieren, konnte ich nichts anderes tun, als so zu tun, als würde ich nichts tun. Cool, Mann, cool.

Dieser Gedanke kam mir jedoch zu spät, inzwischen stand ich peinlich sichtbar an der Bustür, und alle Leute mussten denken: Schau dir diesen Trottel an. Er glaubt, dass wir an einer Stelle ohne Haltestelle halten.

Wenig später sah ich, dass wir auf dem Highway waren. Der Bus raste in eine Welt hinein, die ich nie zuvor gesehen hatte. Womöglich hatte ich die reale Welt verlassen und war schon tot wie Gustav. Als der Bus nach einer Ewigkeit hielt, erfuhr ich von einem Fremden am Straßenrand die ganze Wahrheit: Ich war in Schwieberdingen. Der Fremde hätte mir auch sagen können, ich sei in Tulsa/Oklahoma. Oder in Bratislava. Ich war Augustin, und alles war hin.

Diese ganze Geschichte mag lächerlich klingen, doch war sie für mich ein Zeichen Gottes, der über den drei Porsches wohnt: Wenn ich schon auf dem Weg nach Neuwirtshaus versagte, war es höchste Zeit, meine Touren in dieser verlorenen Stadt zu beenden.

In Schwieberdingen stand ich lange an der Haltestelle. Bilder meines Lebens gingen mir durch den Kopf, und ein Leierkastenmann spielte die Melodie eines Songs der Rolling Stones: "Flight 505". Laut sang ich dazu das Libretto. Die Geschichte eines Mannes, der an seinem Leben verzweifelt und ohne ein Ziel vor Augen den Flug 505 bucht. Am Ende landet er im Ozean.

Ich dagegen hatte auf den Bus Five-o-one mit dem Ziel Neuwirtshaus gewartet. Und strandete mit dem falschen Bus Nummer 502 in Schwieberdingen. Mit wurde schwindlig, als ich mithilfe meines Taschentelefons herausfand, dass an Schwieberdingen vorbei einst eine Heer- und Handelsstraße führte, bis zum Schwarzen Meer, wo die Leichen zielloser verirrter Männer schwammen. Aber es keimte auch eine Hoffnung in mir auf, als ich erfuhr, dass in Schwieberdingen die Pest einst schlimmer wütete als bei uns heute das Virus.

Viele Jahre war ich unterwegs gewesen in der Stadt. Als ich losging, ahnte ich nicht, wo überall ich einmal hineinstiefeln würde. In die Baugruben größenwahnsinniger Immobilienhaie. Zwischen die Fahnen alter und neuer Nazis. In die fünfte Liga der Stuttgarter Kickers. Ich konnte den Luftzug spüren, wenn mal wieder ein grüner Fahrradschlauch von den Leierkastenmännern im Rathaus zum Weltereignis aufgeblasen wurde. Ich hörte das Provinzgeschrei, wenn in unserem globalen Dorf eine Straße als "ein Stück" Wien, Berlin oder New York gefeiert wurde, weil zwei neue Hipster-Bars mit reichlich Flaschen an der Theke eröffnet hatten.

Lange habe ich als Zeitungsmensch viel Wind gemacht, nur um herauszufinden, dass es in unserer kleinen Stadt nie falsch ist, in den falschen Bus zu steigen. Schwieberdingen, mein lieber Augustin, ist überall. Schwieberdingen, mon amour, du warst das Licht. Die Tour muss weitergehen.

Mit dieser Erleuchtung kehre ich nun zurück in mein verdammtes Straßenleben. Und weiterhin gilt mein Mantra als Spaziergänger: Lieber zu weit gehen als gar nicht.







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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