Bauers Depeschen


Dienstag, 22. Dezember 2020, 2245. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

früher, ja früher waren auf dieser Seite meine Kolumnen zu lesen. Das war zu einer Zeit, als ich noch bei den StN gearbeitet habe. Inzwischen bin ich Renter, schreibe aber immer noch Kolumen: alle 14 Tage für die Kontext:Wochenzeitung. Das mache ich schon seit Monaten, allerdings verlinke ich hier nur die Texte, weil es bei einem Online-Magazin auch um Klicks geht. Oft ist meine Kolumne ("Auf der Straße") auch in der Samstagsausgabe der Taz abgedruckt.

Heute habe ich mal die Kolumne von vergangener Woche auf diese Seite gestellt, man findet sie selbstverständlich auch hier: KONTEXT



ICH WERDE VERSUCHEN, DIE DEPESCHEN-SEITE NEU ZU BELEBEN.



Was das Rentner-Dasein angeht: Es gibt ständig etwas zu tun, wie vorher auch. Dahinter steckt eine einfache Logik: Für viele Dinge braucht man dringend Rentner, weil andere keine Zeit haben. Trotz der Pandemie, die ich keine Sekunde lang unterschätzt habe, gab es in diesem Jahr reichlich zu erledigen. Wie immer habe ich bei Kundgebungen/Demos mitgeholfen und im OB-Wahlkampf aus alter Verbundenheit Hannes Rockenbauch bei der Organisation von Live-Veranstalungen unterstützt. Das war für mich Ehrensache: Keine Frage, dass ich jemandem helfe, mit dem ich seit zehn Jahren politisch alles Mögliche zusammen gemacht habe.

Wie die OB-Wahl ausgeht, hat mich nicht so sehr interessiert. Wichtiger war, die Zeit des Wahlkampfs zu nutzen, Themen zu verbreiten, die sonst niemand angesprochen hätte. Es geht mir bei Aktionen ohnehin nicht um sogenannte Erfolge, sondern um die Sache, die ich für richtig halte. Und im Übrigen geht es auch um einen gewissen Spaß. Würde ich immer nur an Ergebnisse denken, könnte ich mich gleich schlafen legen. Und damit zu den

ÜBERRASCHENDEN ERGEBNISSEN:



Am 16. März, kurz vor dem Lockdown, haben wir bei einem spontanen Treffen im Brunnenwirt zu viert die Künstler*innensoforthilfe Stuttgart gestartet - mit 5000 Euro. Unser Plan war, mit Spendengeld schnell und unbürokratisch Menschen zu unterstützen, die in irgendeiner Form Kultuarbeit leisten und durch die Pandemie-Krise in Not geraten sind. Unwichtig, ob diese Leute auf der Bühne wirken, ob sie als Techniker, Barkeeper oder Reinigungskraft in einem Live-Club arbeiten.

Zunächst dachten wir nur an einen überschaubaren Kreis von Leuten aus unserem Umfeld - und konnten nicht ahnen, dass die Aktion Fahrt aufnehmen würde. Bis heute haben wir mehr als 600.000 Euro gesammelt, im Dezember haben wir viel Geld von Firmen und Unternehmen ganz verschiedener Größenordung erhalten. Genauso unterstützten uns nach wie vor zahlreiche Privatleute mit kleineren und größeren Beträgen. Und dafür

ALLEN GANZ HERZLICHEN DANK!

Täglich sind Peter Jakobeit und unsereiner aktiv, um die Anfragen auf unserem Mail-Acoount zu beantworten. Nach dem jetzigen Stand werden wir auch im neuen Jahr selbst dann noch eine Weile durchhalten, wenn Spenden im Januar und Februar ausbleiben sollten. Von Anfang an ging es uns allerdings nicht nur darum, Geld aufzutreiben, sondern auch um die Verbreitung des solidarischen Gedankens. Kulturarbeit ist unverzichtbar für eine halbwegs demokratische Gesellschaft. Kunst und Kultur fördern das Miteinander, sie dienen in vielen Bereichen der Aufklärung und dem kritischen Blick auf die herrschenden Verhältnisse. Kultur ist eine Lebensweise, und die wird bei uns nicht ohne Grund von Rechten und Völkischen permanent angegriffen.

Hier geht es zu unserer Webseite: KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE



Und hier ist meine jüngste KONTEXT-KOLUMNE. Die nächste folgt am 30. Dezember:



BILLARD UND ABSINTH

Seit der Seuche kann ich nicht mehr durch die Straßen gehen, als hätte ich nichts Anderes zu tun, als durch die Straßen zu gehen. Das liegt nicht nur an diesem neuen Lockdown, der zu absurd ist fürs Leben und womöglich nicht streng genug, um nicht zu sterben. Die Leute strömen weiterhin in die Stadt und grölen das Weihnachtslied der Wachstumswahninfizierten: Keep On Shoppin' In The Free World.

Mein Kopf ist schon lange nicht mehr frei für die Schlaglöcher und Ampellichter der Stadt, seit ich im März mit ein paar Freunden die Künstler*innensoforthilfe gegründet habe, um Leute in der Kulturarbeit mit Spendengeld zu unterstützen. Wir konnten nicht ahnen, dass unsere Initiative so lange überleben würde. Inzwischen haben wir mehr als eine halbe Million Euro erhalten, und schon der Gedanke, einfach nur ziellos in der untergehenden Welt herumzuspazieren, nagt an meinem seit jeher schlechten Gewissen. In diesem Zustand kannst du an der nächsten Straßenecke die Reste deines Humors verlieren, selbst wenn du nie welchen hattest. Ich sag das nur, um bei Spendierhosen Mitleid zu wecken.

Vielleicht sind irgendwo in der Straßen schon Kerzen zu sehen, wie sie der Schriftsteller und Satiriker Christian Y. Schmidt als Mitinitiator einer in Berlin gestarteten Aktion aufgestellt hat. Nicht lange her, da hat er das Buch „Der kleine Herr Tod“ veröffentlicht, die schwarz-fröhliche Geschichte eines Unterwelt-Angestellten, der an Burnout leidet, seit er immer mehr Hühner aus der Massentierhaltung heimholen muss.

Herrn Schmitt, der zeitweise in China lebt und nicht nur deshalb eine Menge Pandemie-Wissen hat, ist angesichts des wildernden Corona-Todes bewusst geworden, dass die Opfer in den Medien kaum noch vorkommen. Die meisten Leute sind abgestumpft, sagt der Autor, sie nehmen Menschen und ihre Schicksale nicht wahr. Mit glasigen Augen glotzen sie auf tote Statistiken, als spielte er keine Rolle in unserem Leben, der große, ungezähmte Herr Tod dieser Tage.

Kerzen in der Stadt für die Corona-Opfer wären erhellender als das Reklame-Geflimmer auf dem Schlossplatz, das man auch jetzt zur Weihnachtszeit inszeniert. „Stuttgart leuchtet“, wollen sie uns erzählen. Dieses Motto ist so klebrig, dass man unwillkürlich an den Wortgirlanden des neuen Stuttgart-Schultes hängenbleibt wie an einem elektrischen Weidezaun in Backnang. Er wolle die Stadt „zum Leuchten bringen“, hat er verlautbart: „Wir müssen am Image arbeiten, möglicherweise gestützt auf eine Agentur.“

Zwischen Pandemie-Krise und völkischen Attacken kann ich mir zurzeit kein wichtigeres Thema vorstellen als Imitsch-Verrenkungen auf den Stützrädern der Marketingakrobaten. Wenn ich aus dem Haus gehe, denke ich nicht selten an die, die sich zurzeit fühlen wie lebende Leichen. Keine Jobs, keine Kohle, keine Hoffnung. Da kann nur eine Image-Impfung helfen, bis der Himmel über dem Gaskessel leuchtet wie nach dem Abwurf einer Napalmbombe.

Der neue Rathauschef sagt uns auch gleich, worum es im Kern seiner Provinzpolitur geht: „Die Stadt München hat ein unglaublich gutes Image – es ist zum Teil sogar besser als das, was real existiert. Sie ist ein leuchtender Stern am leuchtenden Städtehimmel. Das hätte auch Stuttgart verdient, aber wir sind es bisher nicht.“

So ist es. Wir sind nichts. Wir brauchen dringend die Ratschläge einer Leuchte, die das real existierende, 600.000 Nasen kleine Stuttgart am verbuddelten Nesenbach mit der bayerischen 1,5-Millionen-Meropole an der schönen Isar vergleicht. Da lacht der Bazi. Die Denkweise hinter der München-Verbeugung leuchtet ein: Wenn du 16 Jahre lang die 37.000 Seelen von Backnang regiert hast, musst du auf dem Höhepunkt deiner Karriere schnell noch die Think-big-Nummer aufführen. Ich kenne dieses Dorf-Feeling. Als ich mal nach Brooklyn kam und mich umschaute, sagte ich mir: Da muss Botnang aber noch was tun.

Wenn bis heute Werbebroschüren München leuchten lassen, hat das die Stadt übrigens dem lange dort ansässigen Thomas Mann zu verdanken. Der begann seine 1902 erschienene Novelle „Gadius Dei“ mit dem Satz „München leuchtete“. Zwar handelt es sich bei diesen Worten, wie sich im Lauf der Lektüre herausstellt, um pure Ironie, gemünzt auf das seinerzeit rückständige Münchner Kunstverständnis. Die unterbelichteten Reklamedichter der Stadt aber stört das nicht. Ironie versteht man nie.

Stuttgart wiederum dürfte bald an allen schmuddeligen Ecken und Enden als „leuchtender Stern am leuchtenden Städtehimmel“ aufgehen, weil wir jetzt wissen, dass das brennendste Problem der verpesteten zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts unser „Image“ ist. Verantwortlich für den miesen Ruf des Kessels sind nicht die politischen Geistesgrößen, die diese Stadt lenken, geschweige die Menschen, die sie prägen. Schuld haben die Schlafmützen, die nie die richtigen Werbefuzzis zur Aufbrezlung ihrer Weltstadt fanden. Seit Jahren darben wir deshalb im saumäßigsten Branding-Elend seit der Erfindung der Aktion „Unser Dorf soll schöner werden“.

Der Kampf um die Stuttgarter Kaff-Korrektur ist mir nicht ganz fremd. In den achtziger Jahren habe ich für den Kulturteil der StN eine Interview-Serie über das heimische Image gemacht. Titel: „Profil statt Provinz“. Der in Stuttgart aufgewachsene Publizist und „Konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza, ein einzigartiger Sprachkritiker, sagte damals: „Stuttgart, das ist: der Generaldirektor einer Weltfirma, der nach einem Mittagessen auf Spesen die Reste des Rehrückens einpacken und im Dienstwagen zu seiner Gattin bringen lässt; und das archaische Einverständnis der Eingeborenen aller Klassen mit dieser Handlungsweise. Gelletse?“

Da Gremlizas Vater in den oberen Stockwerken einer Stuttgarter Weltfirma arbeitete, wusste der Autor, was er mir genüsslich vorkaute. Noch heute bin ich ihm posthum dafür dankbar, auch wenn sich an der Resterampe des Rehrücken-Separees inzwischen was geändert hat: Die grün wählenden Direktoren unter den Neoliberalen lassen sich nur noch Tofu-Wild und Bio-Wein für den Transport im SUV einpacken.

Um mein hungriges Hirn beim Blick auf den neuen OB nicht mit weiteren Leckerbissen zu belasten, bin ich dann doch noch in der Stadt herumgestiefelt. Immer der Nase nach – und wegen des Fastfoodfett-Gestanks in der Marienstraße gelandet und dann rasch in die Sophienstraße abgebogen. Da ich mich über jeden Quadratzentimeter Stadt freue, wenn ich denn einen finde, muss das Leuchten meiner Augen bis nach Botnang und Brooklyn zu sehen gewesen sein, als ich am Eingang zu einem prächtig abseitigen Hinterhof wieder dieses Leuchtschild sah: „Billardsaal Whisky Vino Absinth“. In der Nachbarschaft dieser Viererkette zur Verteidigung wahren Lebensstils existiert bis heute auch der Salon Tony Caponetto, und unter diesem klangvollen Namen steht nicht etwa ein geföhnter Kalauer der Marke „Haarakiri“, „Hairforce“ oder „Schnittstelle“, sondern sensationell: „Friseure“. Jawohl: Friseure.

Um den Stuttgart-Ruf todsicher aufzuwerten schlage ich vor, trotz Lockdown einfach die Ortsschilder auszutauschen. Nicht mehr „Stuttgart Landeshauptstadt“, sondern „Billardsaal Whisky Vino Absinth“ – und darunter „Tony Caponette Friseure“. Da werden sie auch in Backnang staunen.





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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