Bauers Depeschen


Freitag, 13. März 2020, 2184. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20200313

 

ABSAGE

Unsere kleine, bereits ausverkaufte Show „Bauer & Hiss unter einem Hut“, für 25. März im Haus der Geschichte geplant, wurde wegen Corona abgesagt bzw. auf Herbst verschoben. Wir selbst hatten sie ohnehin schon gecancelt. Ich halte es zurzeit für absolut richtig, Veranstaltungen in allen Größenordnungen ausfallen zu lassen. Die Pandemie wurde in Deutschland lange sträflich unterschätzt. Allen hier, liebe WegbegleiterInnen, wünsche ich viel gesundheitliche Widerstandskraft - ich kann Euch nur empfehlen, sich gut zu informieren und ärztlichen Rat zu befolgen. Die Lage ist sehr ernst. Und wir sind erst am Anfang.



Hört die Signale!

DIE MUSIK ZUM TAG



DIE LETZTE

Die StN, für die ich mehr als 20 Jahre die Kolumne „Joe Bauer in der Stadt“ geschrieben habe, hat mich neulich nach Beendigung dieser Arbeit gebeten, noch eine letzte zum Abschied abzuliefern. Hier ist sie - am vergangenen Samstag hab sich sie beim Flaneursalon im Stuttgarter Stadtarchiv vorgetragen.

Nachtrag: Die Kolumne wurde "coronabedingt" vier Wochen lang nicht veröffentlicht - dann habe ich sie zurückgezogen.



ENDSTATION 


Mehr als 20 Minuten hatte ich schon in der Kälte des frühen März vor diesem fetten Feuerbacher Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg neben dem Bahnhof gesessen, als der Bus kam.

Mir war nicht langweilig. Auf einer Bank im Freien las ich in einem Buch, dass es die Melodie von „O du lieber Augustin“ war, die Gustav Mahler zu einem großen Komponisten gemacht hat. Als Kind, so hat es Sigmund Freud berichtet, hat Gustav das Lied bei einem Leierkastenmann gehört, nachdem es zwischen seinen Eltern mal wieder zu einer üblen Szene gekommen war. Später mischte er U- und E-Musik, und in den Konzerthäusern drehten sie durch. Heute passiert das nur noch, wenn ein Opernhaus renoviert werden muss.
Der Song vom Augustin hat alles vorweggenommen, woran sich ein Rentner erinnert, wenn er vor einem Luftschutzbunker auf den Bus wartet: „Jeder Tag war ein Fest, / Und was jetzt? Pest, die Pest! / Nur ein großes Leichenfest / Das ist der Rest … O du lieber Augustin, /Alles ist hin“.
Lange vor Corona wurde dieses Lied geschrieben, aber seit damals ist kaum mehr Zeit vergangen, als mein Bus Verspätung hatte. Als ich eingestiegen war, sah der Bus ein wenig anders aus als an allen anderen Tagen, an denen ich vom Hochbunker nach Neuwirtshaus gefahren war. Na und. Alles ändert sich. Die Bunker, die Pest, die Busse.

Ich weiß, dass die meisten Leute, die ich kenne, noch nie von Neuwirtshaus gehört haben. Aber die haben auch nie von Mahlers Beziehung zum lieben Augustin gehört.
Im Bus vertiefte ich mich wieder in mein Buch, und bei einem kurzen Blick aus dem Fenster sah ich zu meiner Beruhigung, dass wir auf Kurs waren. Auf dem Weg nach Neuwirtshaus ragten wie immer vor dem Porsche-Museum in Zuffenhausen drei Stelen mit je einem Sportwagen vom Typ 911 in die Wolken. Diese Skulptur schlägt den Feuerbacher Luftschutzbunker moralisch um Längen: Weltweit gelten die drei toten Rennautos auf Himmelfahrt als Beweis für Stuttgarts unermüdlichen Einsatz in Sachen Klimaschutz.
Ich näherte mich Gustav Mahlers frühem Tod, als mir einige Abweichungen von meinen früheren Neuwirtshaus-Touren verdächtig vorkamen. Vielleicht hatte inzwischen ein Mann ohne Fahrschein dem Fahrer einen Revolver an den Kopf gedrückt. Hijacking im Nahverkehr. Ich saß im Bus ohne Wiederkehr.

Als endlich mein Ziel, das Restaurant Alte Hofkammer an der großen Kreuzung vor dem Ortseingang von Neuwirtshaus, zu sehen war, drückte ich erleichtert die Stopp-Taste. Ich drückte mehrmals. Ich drückte mit aller Kraft. Doch der Bus nahm Fahrt auf. Neuwirtshaus verschwand im Regen.
Etwas war schiefgelaufen, und um mich nicht zu blamieren, konnte ich nichts Anderes tun, als so zu tun, als würde ich nichts tun. Cool, Mann. Dieser Gedanke kam mir jedoch zu spät, inzwischen stand ich peinlich sichtbar an der Tür, und alle Leute mussten denken: Schau dir diesen Trottel an. Er denkt, dass wir an einer Stelle ohne Haltestelle halten.
Dann sah ich, dass wir auf dem Highway waren. Der Bus raste in eine Welt hinein, die ich nie zuvor gesehen hatte. Das war entweder das Ende oder der Anfang. Vielleicht war ich schon tot wie Gustav und hatte die reale Welt verlassen. Als der Bus endlich hielt, erfuhr ich von einem Fremden am Straßenrand die ganze Wahrheit: Ich war in Schwieberdingen. Der Fremde hätte mir auch weismachen können, ich sei in Tulsa/Oklahoma. Oder in Bratislava. Ich war Augustin, und alles war hin.


Die ganze Geschichte mag lächerlich klingen, doch für mich war sie ein Zeichen: Wenn ich schon auf dem Weg nach Neuwirtshaus versagte, war es höchste Zeit, meine Touren in dieser verdammten Stadt zu beenden. Auch in Schwieberdingen stand ich sehr lange an der Haltestelle. Bilder meines Lebens gingen mir durch den Kopf, und ein Leierkastenmann spielte die Melodie eines alten Songs der Rolling Stones. „Flight 505“. Laut sang ich dazu, dieses Lied von einem Mann, der an seinem Leben zweifelt, ohne ein Ziel vor Augen den Flug 505 bucht und am Ende im Meer landet.


Ich dagegen wollte den Bus 501 mit dem Ziel Neuwirtshaus nehmen. Und strandete mit dem Bus 502 in Schwieberdingen.
Es tröstete mich nicht, als ich mithilfe meines Taschentelefons herausfand, dass früher an Schwieberdingen vorbei eine Heer- und Handelsstraße bis ans Schwarze Meer führte. Und es stimmte mich nicht hoffnungsvoller, als ich erfuhr, dass einst in Schwieberdingen die Pest noch schlimmer wütete als heute bei uns der Virus.
Ich dachte nach. Viele, viele Jahre war ich in meinem Leben unterwegs gewesen in der Stadt. Als ich losging, ahnte ich nicht, wo überall ich einmal hineinstiefeln würde. In die Baugruben größenwahnsinniger Immobilienhaie. Zwischen die Banner neuer Nazis. In die fünfte Liga der Stuttgarter Kickers. Ich konnte den Luftzug spüren, wenn wieder ein grüner Fahrradschlauch von den Leierkastenmännern im Rathaus zum Weltereignis aufgeblasen wurde. Und ich hörte das Provinzgeschrei, wenn wieder eine Kesselstraße mit mehr als einer Kneipe als Wien, Berlin oder New York gefeiert wurde.


Lange Jahre habe ich ganz schön viel Wind gemacht, nur um sagen, dass es in unserer kleinen Stadt nie falsch ist, in den falschen Bus zu steigen. Schwieberdingen, mein lieber Augustin, ist überall. Schwieberdingen, mon amour. Und so verabschiede ich mich mit meiner alten Devise als Spaziergänger: Lieber zu weit gehen als gar nicht.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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