Bauers Depeschen


Sonntag, 01. März 2020, 2181. Depesche


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ACHTUNG

Kundgebung an diesem Dienstag

auf dem Stuttgarter Schlossplatz:

„Grenzen auf. Leben retten.

Stoppt die tödliche Abschottung der EU!“

Beginn: 18 Uhr.





Noch eine StN-Fußballkolumne

HÄSSLICHES GESICHT

Zu meinen heiligen Pflichten gehört es, in diese Kolumne Botschaften aus dem Fünftligaleben der Stuttgarter Kickers zu schmuggeln. Diesmal allerdings hat die Natur meine Taktik zerstört. Ausgerechnet nach einer dreimonatigen Winterpause stand an unserem ersten Spieltag in den zwanziger Jahren das Wasser so hoch auf unserem Fußballplatz, dass niemand mehr am Klimawandel zweifeln konnte. Frustriert zog ich mir eine Kickersmütze über die Ohren, trabte ersatzweise über meinen Joggingkurs und setzte mich dann vor den Fernseher.

Es gibt nichts Geistloseres, als sich auf Sky die „Bundesligakonferenz“ anzuschauen: minutenlang ein Ballgeschiebe zwischen Mainz und Augsburg zu verfolgen, bis ein Reporter „Tooor in Hoffenheim!“ brüllt und die Regie die Wiederholung einer Szene aus der Weltfußballmetropole Sinsheim einspielt. Und dann fragst du dich wenig später, ob du es auf der Finalstrecke deines Lebens verantworten kannst, von dieser Enthüllung des Reporters geschockt zu werden: In der Partie zwischen Mainz und Augsburg waren zwei leibhaftige Profis aus Luxemburg am Start.

Ursprünglich hatte ich vor, auf dem Kickersplatz beim Spiel gegen den ruhmreichen FSV 08 Bissingen eine Gedenkminute einzulegen: Neulich, am 26. Februar, haben geschichtsbewusste Vereinsanhänger den 135. Geburtstag von Eugen Kipp aus Stuttgart-Heslach gefeiert. Beim ersten offiziellen Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft am 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz erzielte er das entscheidende 1:0. Damals stürmte Eugen Kipp zwar noch für die Sportfreunde Stuttgart, von 1912 bis 1914 aber für die Kickers, mit denen er sogar drei Gastspiele beim FC Barcelona bestritt. Dann musste er in den Ersten Weltkrieg und wurde schwer verwundet. Die Ärzte amputierten sein rechtes Bein. 1931 starb er mit nur 46 Jahren. Sein Sohn, er hieß ebenfalls Eugen, spielte von 1936 bis 1947 mit großen Erfolgen bei den Kickers.

Mit diesem Blick auf die Geschichte will ich nicht etwa eine „Tradition“ beschwören, sondern auf eine Ausstellung im Stuttgarter Stadtarchiv hinweisen: Das Kickers-Fanprojekt hat die ersten fünfzig Jahre der Vereinshistorie seit 1899 unter dem Titel „Heimat Kickers – Die Blauen in bewegten Zeiten“ dokumentiert. Diese, auf den ersten Blick eher harmlos klingende Arbeit, ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Fans nicht nur mit Sieg und Niederlage auseinandersetzen. Die Schau zeigt, wie der Fußball gesellschaftliche Entwicklungen spiegelt, wie schnell beispielsweise ein Club wie die Kickers bereit war, den Nazi-Terror zu unterstützen.

Es ist seit jeher unverantwortlich, Fußball mit politischen Phrasen als unpolitisches Ereignis zu verherrlichen. Ähnlich realitätsfern und heuchlerisch klingt es, wenn der Bayern-Chef Rummenigge die Vorfälle vom 29. Februar 2020 in Hoffenheim in Innenminister-Pose mit alleinigen Schuldzuweisungen Richtung Fanblock abtut. Nachdem die Profis das Spiel eingestellt hatten, weil der Milliardär und Fußballmäzen mit Spruchbändern beleidigt wurde.

Wohl wissend, dass jede Differenzierung bei diesem Vorfall im vom Hass gefärbten Klima unserer Gegenwart den Vorwurf der Relativierung und Verharmlosung provoziert, bleibt zu sagen: Die plump-aggressiven Feindbild-Botschaften gegen den Mann, der einen Verein mit Geld erschaffen hat, richten sich nicht nur gegen Hopp. „Das hässliche Gesicht des Fußballs“ (Rummenigge) bekämpfen die Fußballmächtigen bisher vergleichsweise lasch und alibihaft, wenn es um Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus geht. Sie haben keine Skrupel, wenn gekaufte WM-Turniere und Geschäfte ohne Rücksicht auf die Menschenrechte das wahre Gesicht der Geldmaschine Fußball beleuchten. Und die Kultur der Fans, die immer da sind, wird oft wie lästige Folklore behandelt. Auch darum geht es, wenn es gärt im Stadion. Und dieser Blick öffnet sich dem Fußballfreund selbst dann, wenn bloß ein Spiel in der fünften Liga ausfällt.



TERMINE

Samstag, 7. März, 19.30 Uhr: Flaneursalon im Stuttgarter Stadtarchiv in Stuttgart. Vorverkauf: KARTEN FLANEURSALON



Dienstag, 24. März, 20 Uhr, Kino Cinema im Marquardtbau: Der Autor und Filmemacher Klaus Gietinger stellt sein Buch "Kapp-Putsch" vor. Unsereiner erzählt zum Auftakt etwas über das einst berühmte Hotel Marquardt. Eintritt frei.



Mittwoch, 25. März, 19 Uhr: Zusammen mit dem Musiker Stefan Hiss mache ich einen Abend zum Thema Hut im Haus der Geschichte. Geschichten, Gedichte, Songs. HAUS DER GESCHICHTE, VORVERKAUF



Samstag, 28. März, Auftakt um 14 Uhr auf dem Stuttgarter Schlossplatz: "Wohnen für Menschen statt für Profite." Kundgebung und Demo zum Thema Mietenwahnsinn und Wohnungsnot.



Sonntag, 29. März, Weinstube Fröhlich, Leonhardstraße, 17 Uhr: Lesung zum 70. Geburtstag des 2006 verstorbenen Stuttgarter Schriftstellers, Galeristen, Antiquars Horst Brandstätter. Beiträge lesen Helmut Engisch, Axel Cleslse und unsereiner. Musik macht Eva Leticia Padilla.



UND: Samstag, 20, Juni: Flaneursalon am Fluss im Stuttgarter Neckarhafen. Die Show präsentiert erstmals der Freiburger Kabarettist und Schriftsteller Jess Jochimsen. Näheres demnächst.





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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