Bauers Depeschen


Dienstag, 31. Dezember 2019, 2166. Depesche


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2020 GEHT LOS: TERMINE

FREITAG, 10. JANUAR: Die Poetin/Liedermacherin/Kabarettistin Uta Köbernick gastiert in der Rosenau. 20 Uhr.

SAMSTAG, 11. JANUAR: Um 18 Uhr liest die Kulturwissenschaftlerin Karoline Walter im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz aus ihrem Buch "Guten Abend, gute Nacht". Thema: Wie der Schlaf instrumentalisiert wird - siehe Kolumne "Erwachet" vom 26. 10. 2019.

Ebenfalls am 11. JANUAR ist der Berliner Kabarettist ARNULF RATING im Stuttgarter Renitenztheater. 20 Uhr.

SONNTAG, 12. Januar: Benefiz-Konzert für die Beerdigung des verstorbenen Jazzmusikers und Grafikers Herbert Joos im Theaterhaus. 18 Uhr.

DONNERSTAG, 16. JANUAR: Julia Fritzsche liest im Stuttgarter Welthaus aus ihrem Buch „Tiefrot und radikal bunt - Für eine neue linke Erzählung“. Moderation: Dietrich Krauß. 19 Uhr, Eintritt frei.

SAMSTAG, 7. MÄRZ: Flaneursalon im Stuttgarter Stadtarchiv.



Notizen zum Jahreswechsel

VORWÄRTS IN DIE ZWANZIGER

Jetzt also die Zwanziger, die vor 100 Jahren mal golden waren. Fragt sich nur, für wen. Die Diskussion, ob sich Geschichte wiederholt, ist müßig. Geschichte ist nicht Vergangenheit, hat James Baldwin gesagt, Geschichte ist Gegenwart. Nie war das leichter zu erkennen als heute, wo uns die Rechten und Völkischen der Gegenwart täglich zeigen, was sie aus der Geschichte von ihren Vorbildern gelernt haben. Wir erfahren, wie ihre Propagandamethoden funktionieren, etwa wenn die Rechten ein Quatschliedchen über eine umweltsäuische Oma zum nationalen Moral-Choral aufbauschen und für ihre Hetze im Netz gegen die „Lügenpresse“ missbrauchen.

„Die Nation“, rechtshörig, wie sie ist, stellt prompt zur Debatte, was „Satire“ darf und was nicht – auch wenn der Klamauk eines Kinderchors im WDR mit Satire gar nichts zu tun hat. Viel wichtiger als die Rehabilitierung der Billig-Koteletts bratenden und kreuzfahrtschiffenden Großmutter wäre der Ratschlag, wie wir der Aufwiegler-Maschinerie in Zukunft begegnen können. Bekanntlich hat der Kulturkampf von rechts schon einmal in den Zwanzigern einiges in Rollen gebracht: zum Beispiel den Schneeball aus Erich Kästners berühmtem Zitat, der eine Lawine wurde, weil er nicht rechtzeitig zertreten wurde. Und anstatt Rückgrat zu zeigen, knickt der WDR-Intendant ein, und ein Teil der Presse mit ihm - anstatt über die Machenschaften im Internet aufzuklären.

Deshalb komme ich zum für mich wichtigsten Thema des neuen Jahrzehnts. Viele, darunter auch reichlich Heuchler, fordern gebetsmühlenartig, wir dürften nicht zusehen, wie der rechte Mob marschiert, wir müssten etwas tun. Bloß was? Das Wort „kämpfen“ geht erstaunlich leicht über die Lippen. Aber wie sieht dieser „Kampf“ gegen rechts aus? Wer organisiert ihn? Wo sind die Verbündeten? Wem schließen wir uns an - und wie tun wie uns zusammen? Und wo genau gehen wir wie genau gegen wen genau vor?

Als Umweltsau im Opa-Alter mit Koteletten neben den Ohren fällt mir nichts Anderes ein als die Zusammenarbeit mit antifaschistischen Bündnissen jüngerer Menschen. Antifaschismus ist keine Generationenfrage. So wenig wie die Klimadebatte, die nicht losgelöst von gesellschaftspolitischen Verhältnissen und dem Rechtsruck geführt werden kann. Mitmachen in Bündnisse bedeutet noch nicht unbedingt Kämpfen, das wäre anmaßend – doch kann ich im Alltag das tun, was ich gelernt habe. Die journalistischen Jahre in meinem Fall sind da so nützlich wie meine Flaneursalon-Veranstaltungen (und praktische Kenntnisse beim Organisieren hilfreich).

Im Hauptberuf bin ich seit Januar 2019 eigentlich Rentner, doch verstehe ich von dieser Profession noch wenig. Unbestreitbar ist, dass ich in meinem Alter – in den Zwanzigern werde ich 66 – die Ziellinie schärfer vor Augen habe als zuvor im Berufsleben. Und so wird die Frage wichtiger: Wie gehe ich mit meiner verbleibenden Zeit als Renterschwein um? Ist es legitim, einen Teil davon gewissermaßen mit Nichtstun zu verblasen: Bücher zu lesen, Musik zu hören, Filme zu schauen. Soll doch keiner glauben, ich alte Umweltsau kenne nicht die Vorzüge geistiger Verschmutzung. Damit meine ich nicht unbedingt Netflix, wo ich Dinge sehen kann, die so wichtig wie unwichtig sind, so unverzichtbar wie verzichtbar. Der Genuss des Verzichtbaren ist im Übrigen ein Grundrecht des Rentners.

Ein großes Problem beim Blick auf die politische Entwicklung und die Pflicht, etwas dagegen zu tun, könnte ein gewisser Humorverlust sein. Der Berufssatiriker weiß selbstverständlich, was er zu tun hat. Der Berufssatiriker wird nicht darüber streiten, ob ein Liedchen über eine Oma „Satire“ ist. Er geht seinem Handwerk nach und macht mit seinen Mitteln das Unrecht und die Dummheit sichtbar. Da ist eine ernste Sache.

Unsereiner aber muss sich immer wieder in den Arsch treten, um den Humor zumindest als einen Baustein seiner Wurschteleien im Auge oder sonstwo zu haben. Ihn nicht zu vergessen. Humor als tragende Säule beim Schreiben wäre selbstverständlich das Größte – aber wer schon ist der Größte. Als Anhänger der Stuttgarter Kickers habe ich gelernt, warum auch die unteren Ligen ihre Reize haben. Auch dort kann man hie und in paar sehenswerte Treffer landen. Und das ist auch was.

Was ich eigentlich sagen wollte: Als Nicht-Berufssatiriker tust du dich schwer, Pointen zu finden, wenn du lange scheuklappenmäßig in Nazi-Ecken glotzt. Die paar Gedanken, die ich noch habe, müssen deshalb auf verschiedenen Gebieten herumschwirren wie aufgescheuchte U-Bahn-Tauben, eine Weile im Dunkeln kreisen und schließlich so landen, dass sie einen Zusammenhang herstellen. Es kann doch nicht sein, dass in diesen Zusammenhängen nicht irgendwo ein Witz steckt, der herauskommt, wenn man ihn umzingelt. Ohne Witz ist alles Scheiße.

Der große verstorbene Stilist und Polemiker Hermann L. Gremliza hat mal in seiner „Konkret“-Kolumne aus der Broschüre eines Hospitz‘ zitiert und bei der Aussicht, dort zu landen, hinzugefügt: Da könne man nur hoffen, dass einen der Blitz beim Scheißen trifft. Garantiert kommt jetzt gleich ein Vollhumorist um die Ecke und behauptet, diese Art Humor sei „platt“. Als ob das mich oder eine andere Sau interessiert, wenn man beim Lesen laut lachen muss.

Das Jahrzehnt ist um. Hoffen wir mal, dass uns die kommende Dekade nicht plattmacht, weil wir zu feige sind, rechtzeitig den Schneeball zu zertreten. In diesem Sinne: Ich wünsche allen mir verbliebenen Wohlgesinnten einen erregenden Jahreswechsel ohne Ausrutscher beim Treten.

Vorwärts in die Zwanziger. Bis 33 sind’s noch ein paar Tage.



 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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