Bauers Depeschen


Sonntag, 15. Dezember 2019, 2159. Depesche


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VORVERKAUF FLANEURSALON

Falls noch ein kleines Weihnachtsgeschenk fehlt: Für den Flaneursalon am Samstag, 7. März, im Stuttgarter Stadtarchiv hat jetzt der Vorverkauf begonnen. Hier ist der Link: KARTEN FLANEURSALON



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DAS LIED ZUM TAG



WAGGONS

Am Samstagabend haben die Waggon-Leute am Stuttgarter Nordbahnhof das zwanzigjährige Bestehen ihrer Künstlerkolonie gefeiert. Auf Einladung habe ich diese Rede gehalten:



GUTEN ABEND, LIEBE GÄSTE,

hier im anderen Stuttgart, auf diesem Kulturschutz-Gelände des Ungewissen. Und herzlichen Dank an die Waggon-Direktion für die Einladung, ist mir wirklich eine Ehre.

Meine Damen und Herren, wir befinden uns auf dem Terrain einer Trotzigkeit und Experimentierfreudigkeit, auf dem Boden von Courage und Lebensbejahung. Diese Eigenschaften müssten für eine Stadt eigentlich selbstverständlich sein, wenn sie sich als urbaner Ort begreift. Als ein Platz, an dem sich unterschiedliche Menschen und Dinge treffen und ergänzen. Damit meine ich nicht die Beton- und Glasburgen von Breuninger, in denen sich laut Werbung Menschen und Marken begegnen. Nach dem Motto: Der OB Kuhn kauft sich Unterhosen von Calvin Klein. Und sein Baubürgermeister Pätzold schläft in Pyjamas von Puma.

Zunächst aber ein paar persönliche Dinge über mein spezielles Verhältnis zu Gleisen und Eisenbahnwaggons. Man könnte durchaus von einer Macke sprechen, ohne Macke würde man ja nicht zehn Tage vor Weihnachten hier herumstehen.

Ich wurde 1954 mithilfe einer Hebamme im Bahnhof eines Kaffs geboren – und bin einige Jahre mitten im rustikalen Eisenbahner-Milieu aufgewachsen. Wir hatten neben dem Bahnhof - einem heruntergekommenen Sandsteinbau ohne die später üblichen Sanitäreinrichtungen - auch einen Güterbahnhof für die Produkte der örtlichen Fabriken. Diese Umgebung war mein Spielplatz, und natürlich standen immer ein paar leere Güterwaggons herum. Wenn ein Zug mit Dampflokomotive am Bahnhof ankam oder vorbeidonnerte, klapperte in unserer Wohnung das Geschirr in den Schränken. Man gewöhnte sich an diese Erdbeben.

Ich kann mich erinnern, dass bei uns im Dorf eine Familie mit Kinder in einem Güterwagen lebte, man nannte diese Menschen damals im Dorf die Asozialen.

Schon ziemlich früh habe ich dann Erich Kästners Kinderbuch „Das fliegende Klassenzimmer“ gelesen, und die faszinierendste Figur in dieser Geschichte war für mich der Mann, den sie Nichtraucher nannten, weil er in einem Nichtraucher-Waggon der Bahn lebte. Er war ein Aussteiger, der als Bar-Pianist arbeitete – und, wie sich später herausstellte, eine Vergangenheit als Arzt hatte. –

Wenn ich diese Erinnerungen vortrage, könnte man dahinter eine romantisch gefärbte Bewusstseinstrübung vermuten. Die aber habe ich nicht. Die zehn Waggons hier in unserer Umgebung sind reale Gegenwart - und haben für mich denn auch eine sehr gegenwärtige kulturpolitische Bedeutung und Symbolik.

Als ich hier am Nordbahnhof vor 20 Jahren zum ersten Mal zufällig bei den Waggons gelandet bin, hatte ich keinen Schimmer, worum es ging. Es war ein verschneiter Sonntag im kalten Winter und kein Mensch weit zu breit zu sehen. Ich betrachtete die merkwürdigen Objekte, die herumstanden, und dachte mir: Na ja, vermutlich hat wieder irgendein Schneider aus Ulm ein paar Flugversuche unternommen. Wahrscheinlich schwimmt er inzwischen im Neckar. Später hat man ja tatsächlich unglaubliche Luftnummern veranstaltet, unter dem lächerlichen Vorwand, man müsse in Ulm einen schnelleren Verkehrsweg nach Stuttgart finden. Aber lassen wir das.

Immer wieder bin ich hier als neugieriger Spaziergänger gelandet und habe deshalb ein paar Menschen aus den Waggons kennengelernt. Moritz, Locke, Lilith usw. Vorneweg: Für mich ist es eine Sensation, dass dieses Waggon-Dorf, das aus Zufällen, Abenteuerlust und radikaler Konsequenz im Stuttgart-21-Umfeld entstanden ist, seit nunmehr 20 Jahren existiert. Normalerweise gibt man einem solchen Projekt 20 Wochen. Ende. Aber hier: zwei Jahrzehnte Durchhaltevermögen, 7300 Tage und Nächte richtiges Leben im Grenzbereich, 20 Jahre schöpferische Energie – liebe Gäste, und da ist jetzt einfach mal ein kräftiger, ein Dampflokomotiven-donnernder Applaus angebracht.

Beim Blick auf ein Künstler-Revier wie hier redet man gern von Freiräumen.

An dieser Stelle will ich den Direktor des Württembergischen Kunstvereins, Hans D. Christ, zitieren: „Kulturelle Vielfalt zeigt sich eben nicht in zum Museum aufgepumpten Autohäusern, in denen Eigenwerbung mit kultureller Nachhaltigkeit verwechselt wird. Letztere entsteht in den Freiräumen, die eine Landeshauptstadt im nationalen und internationalen Wettbewerb zwingend zur Verfügung stellen muss.“

Freiräume allerdings, auch das müssen wir begreifen, werden leicht zu Gefängnissen. Zu Knastzellen im Sinne existenzieller Zwänge und Begrenztheiten. Heute zum Beispiel weiß noch niemand, wie es hier weitergeht – ob und wann die Stadt Gelände von der Deutschen Bahn übernimmt. Ob die Waggons bestehen bleiben.

Alle, die in der Lage sind, etwas aus dieser Nische hier nach außen zu tragen, kann man deshalb nur bitten: Wir alle müssen der Öffentlichkeit und der Politik klar machen, dass hier nicht ein paar Freaks ihre Neigungen ausleben. Kunst ist Arbeit, von der man lebt - und oft genug eine sehr harte Arbeit. Diese Waggons sind ja nicht nur das Ergebnis einer schöpferischen Fantasie – vielmehr werden sie zwingend gebraucht, weil es in dieser Stadt viel zu wenig Räume und Ateliers für Kunstschaffende gibt. Seit eh und je.

Und jetzt zum nächsten wichtigen Punkt: Wir müssen Kunst als Produkt und Teil einer gesellschaftlichen Lebenskultur heute verteidigen wie schon lange nicht mehr, weil unsere Kultur der Vielfältigkeit seit Jahren von rechten und rechtsextremen Kräften angegriffen wird. Ständig gibt es Anfragen in den Parlamenten. Neuerdings wird politischen Initiativen, die wichtig sind für unsere gesellschaftliche Kultur, die Gemeinnützigkeit entzogen. Diese politischen Attacken aus den rechten Räumen betreffen große Bühnen, kleine Institutionen, Organisationen und Initiativen, die im Sinne einer demokratischen Kunst- und Meinungsfreiheit arbeiten. Und für uns unersetzlich sind.

Und natürlich gehört dazu auch ein Projekt wie die Waggons, diese kleine Welt einer Freiheit, die ganz sicher nicht dem Wahn der Rechten und Völkischen von einer sogenannten deutschen Kultur entspricht.

Das bedeutet: Wir müssen uns hüten, in Konkurrenzdenken zu verfallen. Oder gar im Freiraum einen Tunnelblick zu bekommen. Menschen auf den verschiedensten Gebieten der Kultur und in unterschiedlichsten Institutionen müssen solidarisch zusammenarbeiten. Hier in den Waggons beispielsweise gibt es unter vielen anderen Disziplinen auch Bühnenbildner – wer sagt denn, dass diese Bühnenbilder oder Bühnenbildnerinnen nicht eines Tages an der Staatsoper arbeiten?

Ich denke, alle Kulturschaffenden müssen sich heute im besten Sinne des Wortes vernetzen, auch zum Schutz gegen die Feinde unserer internationalen Kultur. Selbstverständlich hat Kunst nicht die Aufgabe, politische Plakatbotschaften zu versenden. Aber sie muss eine Haltung einnehmen. Und Künstlerinnen und Künstler sollten damit einverstanden sein, dass Kunst einen Zweck hat – für die Menschen, die andere Inhalte brauchen, als sie das Automuseum und der Event-Zirkus auf Profitbasis vermitteln. Es geht um andere Inhalte als die der neoliberalen Politiker, die Kultur allein als wirtschaftlichen Standortfaktor betrachten. Und damit die atmosphärische und aufklärerische Unverzichtbarkeit von Kunst für das soziale Zusammenleben ausblenden.

So, genug der Worte. Zum Abschluss bleibt mir zu sagen, egal ob Raucher oder Nichtraucher: Ein Hoch auf die Menschen in ihren Waggons. Bleibt auf eurer Schiene, stellt neue Weichen, baut euch eine Wagenburg.

Viel Glück in diesem anderen Stuttgart.



 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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