Bauers Depeschen


Samstag, 26. Oktober 2019, 2141. Depesche


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FLANEURSALON MIT

OLIVER MARIA SCHMITT

UND VINCENT KLINK

Den nächsten und letzten Stuttgarter Flaneursalon in diesem Jahr machen wir am Montag, 25. November, im Theaterhaus. Eigentlich ein Zufallsprodukt: Der bei uns weltberühmte Satiriker und Schriftsteller Oliver Maria Schmitt, mit Martin Sonneborn und Thomas Gsella in der Titanic BoyGroup unterwegs, hatte mir mal angeboten, im Flaneursalon mitzumachen. Irgendwann wurde die Sache dann ernst, und wie‘s der Teufel will, schwirrte auf einmal auch der Name Vincent Klink herum, weil Herr Schmitt gerade bei ihm eingekehrt war. Auch Herr Klink - als Koch, Musiker und Autor Im Dauereinsatz - hatte zufällig Zeit, und so waren wir schon zu dritt. Ergänzt wird dieser Flaneursalon im Theaterhaus mit der tollen Sängerin Eva Leticia Padilla und ihrer Begleitung sowie vom famosen Rapper/Beatboxer-Duo Toba & Pheel. Der Vorverkauf läuft, und ich freue mich auf einen Abend voller kontroverser Wort- und Musik-Beiträge. Womöglich wird’s lustig. Hier gibt es online Karten: VORVERKAUF - Telefonisch: 0711/4020720



Hört die Signale!

Ein Lied zum Tag



Neue StN-Kolumne: Wie der Schlaf verpennt und instrumentalisiert wird.

ERWACHET!

Es geht mir nicht um ein Wortspiel, wenn ich sage: Mein Leben lang habe ich das Thema „Schlafen“ verschlafen. Jetzt hat mich die Kulturwissenschaftlerin Karoline Walter geweckt. Sie kommt aus Stuttgart und hat vermutlich, wie ich dank ihres gerade erschienenen Buchs „Guten Abend, gute Nacht“ gelernt habe, wie die meisten Menschen das Licht der Welt erst nach Einbruch der Dunkelheit erblickt. Heute lebt sie als Publizistin in Berlin.

Ihr vor Kurzem im Hirzel Verlag erschienenes Buch trägt den Untertitel „Eine kleine Kulturgeschichte des Schlafs“ und ist ein tiefer, vergnüglich-verstörender Blick in das Dunkel keineswegs immer traumhafter Träume. Vielleicht kein Zufall, dass gleichzeitig mit meinem Aufbruch als Wandler auf Schlafes Spuren im Württembergischen Kunstverein die Ausstellung „Schlafen mit Nachdruck, von einem Leben träumen“ eröffnet wurde. Stuttgart gehört fraglos zu den neoliberalen Hochburgen, wo trotz gut verbreiteter Verschlafenheit der Schläfer als Faulenzer gilt: als Zeitverschwender.

Die aufklärerische Lektüre des Buchs, die Bilder und Zitate der politisch hochaktuellen Ausstellung vor Augen, schüttle ich den Kopf bei dem Gedanken, dass ich mich nie zuvor ernsthaft mit der Materie beschäftigt habe. Wie kann ein Mensch, der gut ein Drittel seines Lebens im Nirwana verdöst, diesen Zustand der mysteriösen Abwesenheit einfach ausblenden? In Zeiten, als mir die Nacht weit aufregender erschien als der Tag, begegnete ich der Problematik mit einem Kinospruch: „Ich schlafe, wenn ich tot bin. Da habe ich Zeit dazu.“ Eine ähnliche Verdrängung wie die des „großen Schlafs“, Raymond Chandlers Metapher für den Tod.

Das Sprichwort „Wie man sich bettet, so liegt man“ erhält für mich bei der Lektüre von Karoline Walters Buch völlig neue Bedeutung: Die historische Aufarbeitung des Schlafs macht deutlich, dass du immer so liegst, wie du gebettet wirst – oder schlimmer: wie du dich betten lässt.

Die Art deines Schlafs hat einen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Im Vorwort des Buchs ist zu lesen, wie sich die Beurteilung des Schlafs in der westlichen Welt von der „Sünde“ im Mittelalter über die „Last“ in der Aufklärungszeit zum „produktionshemmenden Faktor“ im Industriezeitalter wandelte. Das heißt: Die Notwendigkeit, sich auszupennen, wird von den Herrschenden instrumentalisiert. Da erscheint mir „Die Internationale“ als Kampflied der arbeitenden Klasse auf einmal wie bittere Ironie: Ausgerechnet die Ausgebeuteten, die kaum Zeit zum erholsamen Schlafen finden, besingen die Solidarität mit der Zeile „Wacht auf, Verdammte dieser Erde …“

Unsereiner hat sich dank des Buchs mit Freude in die Räume des Schlafs versenkt. Sich stets bewusst, dass er diesem Stoff zuvor weniger Beachtung schenkte als Verdauungsproblemen, die einen Bestseller namens „Darm mit Charme“ hervorgebracht haben. Karoline Walter zu unterstellen, eine 1984 in Stuttgart Geborene müsse irgendwann zwangsläufig das Feld menschlicher Verschnarchtheit beleuchten, wäre bösartig. Nach dem Studium ist sie in einer Schreibgruppe auf das Thema gestoßen und hat bei jahrelangen Recherchen festgestellt, dass sehr wenig wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig leicht verständliche Arbeiten darüber gibt.

Womöglich aber, sagt mir die Autorin, habe der Stoff in der Luft gelegen. Wer weiß. Dass Ikea neulich Litfaßsäulen mit dem Slogan „Work-Life-Sleep-Balance“ dekorierte, um mit Schlaf-Tipps für sein Mobiliar zu werben, hätte ich bis vor Kurzem kaum als Zeitgeist-Marketing wahrgenommen. Da half mir diese 214 Seiten starke Aufklärung ganz erheblich. Ohne das Buch hätte mich auch nicht interessiert, was der reaktionäre Abgeordnete Jacob Rees-Mogg demonstrieren wollte, als er sich unlängst im britischen Parlament zu einem Nickerchen hinstreckte. So aber machte ich mich schlau, um welche widerliche Geste der Verachtung es sich handelte: Ein millionenschwerer Mann aus der obersten Eliteetage zeigte mit Kolonialherrenarroganz, dass er Menschen jenseits seines fragwürdigen Standes als nicht existenten Pöbel betrachtet.

Der Schlaf sendet politische Signale, selbstverständlich auch subversive. Mit der Aktionsform des „Sleep In“ protestierten schon vor Jahrzehnten Menschen gegen Obdachlosigkeit und für das Recht auf Schlafen im öffentlichen Raum. Heute ist dieses Thema wieder so präsent wie lange nicht. Nicht ganz in diese Reihe, fällt mir ein, passt da vielleicht Yoko Onos und John Lennons „Bed In“-Performance für den Frieden, weil das Künstlerpaar das Bett ja in sehr wachem Zustand hütete. Doch auch dieses Happening von 1969 gegen den Krieg hatte die Friedensutopie des wahren Schlafs im Sinn. Denn das „Schlafmanagement“ der Herrschenden, heißt es in dem Buch, ist nirgendwo „bedeutender als im Kriegseinsatz“. So erfahren wir, wie die Nazis ihre Soldaten mit Aufputschdrogen in die Wachheit katapultierten und damit in den Tod.

Bis heute wird von allen denkbaren Profiteuren menschlicher Arbeit an Kontrollmechanismen für den Schlaf gearbeitet. Man ruft Schlummer-Trends aus wie das „Powernapping“, die Schnellschuss-Erholung zur Steigerung der Produktivität am Arbeitsplatz.

Zum Glück jedoch gilt nach wie vor auch ein Zitat aus der Ausstellung des Kunstvereins: „Der Schlaf ist kein Feind der Revolution, sondern bedingt diese zwingend, denn in sich birgt er die Möglichkeit zum Erwachen, zur Wiedererweckung, zum Neubeginn.“

Von nun an glaube ich an den aufrechten Schlaf im Liegen. Gute Nacht allerseits, bis zum Morgenrot.





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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