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Samstag, 06. Juli 2019, 2107. Depesche


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Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



StN-Kolumne

JONNYS VERMÄCHTNIS

Neulich habe ich eine Mail von Hartmut Wirths aus Hamburg erhalten. Er habe nach Informationen über seine Familie gesucht und auf meiner Homepage einen Text vom 30. Dezember 2014 gefunden.

Es geht um meine kleine Geschichte über Jonny, der von Silvester 1949 bis Anfang der Siebzigerjahre eine kleine Bar im Stuttgarter Hauptbahnhof führte. Jonny (ohne h) hieß mit richtigem Namen Fritz Wirths und war der Onkel von Hartmut Wirths, der heute 75 ist. Seinen Künstlernamen Jonny hatte ihm ein Hotelgast gegeben; ein guter Barmann konnte nicht Fritz heißen.

Das kleine Lokal im Bahnhof, das nie einen Namen hatte, ist legendär, Stuttgarts berühmteste Minibar. Herr Wirths aus Hamburg teilte mir mit, er würde gern „die Bar in ihrer heutigen Form sehen und sich erinnern“. Und auch das Hotel besuchen, das die vielen Autogramme der großen Show- und Sportstars übernommen habe, die einst die Wände der kleinen Bar zierten.

Ich musste ihn enttäuschen. Das winzige Lokal wurde schon vor gut zwanzig Jahren abgerissen, und das Intercityhotel musste im vergangenen Jahr wegen der geplanten Umbauarbeiten für Stuttgart 21 im zuvor schon zerstörten Bonatz-Bau schließen. Das Ende des Hotels allerdings hatte ich nicht mitbekommen, weshalb mich die Post aus Hamburg neugierig machte: Was ist mit all den Autogrammen aus der Bar, die jahrelang in Vitrinen neben der Rezeption lagerten, geschehen? Wo sind sie geblieben? Schließlich handelt es sich nicht um x-beliebige Signaturen von Reisenden oder Barkunden. Es geht um die Original-Unterschriften von Hollywood-Legenden wie Buster Keaton, Gary Cooper, Kirk Douglas, Errol Flynn. Von Musikstars wie Louis Armstrong, Josephine Baker, Ella Fitzgerald. Von Sportgrößen wie Jesse Owens und Max Schmeling. Berühmtheiten, deren Autogramme nicht in irgendeinem Album kleben. All diese Menschen waren Gäste in Jonny Bars und kritzelten ihre Unterschriften mit Buntstiften auf Scheiben und Tierhäute über den Bullaugen in der Wand. Signieren war ein Starritual.

Für unsereinen also Ehrensache, Herrn Wirths aus Hamburg bei der Suche nach den Reliquien seines Onkels ein wenig zu helfen, schon weil Hamburg eine meiner Lieblingsstädte ist und ich Jonny noch getroffen habe, wenn auch nur ein einziges Mal. Das war im Winter 1986, als er längst im Rheinland im Ruhestand lebte, die kleine Bar aber noch geöffnet hatte. Bahnhofsvorsteher war damals Egon Hopfenzitz, heute auch als leidenschaftlicher Stuttgart-21-Gegner bekannt; am 1. November wird er 90. Die Leitung der Bahn in Stuttgart arrangierte seinerzeit auf meine Bitte hin ein Treffen mit Fritz Jonny Wirths in der kleinen Bar. Er war 76 und ein Gentleman. Noch einmal kam er nach Stuttgart, um mir seine Geschichte zu erzählen.

In den Zeitungsarchiven war damals so gut wie nichts über ihn zu finden. Vielleicht herrschte früher eine gewisse Diskretion oder bei Reportern kein Interesse am Eigenleben intimer Bars. Die vielen Stars kamen nicht nur zu Filmpremieren und Auftritten in die Stadt, sie suchten sich auch neue Modelle von Mercedes und Porsche aus.

Die Geschichte beginnt an Silvester 1949. An diesem Tag übernimmt Jonny die Mini-Bar des Reichsbahn-Hotels. Um Mitternacht erhebt die Schauspielerin Camilla Horn – sie ist 46 und war auch bei den Nazis in Kinofilmen zu sehen – ihr Champagnerglas, ruft „Prost, Neujahr!“ in die Runde und schreibt mit einem Stift ihren Namen auf eine der Tierhäute. Jonny ist damals 39, gelernter Koch und Barmixer. Sohn eines Ehepaars, das einst die Bahnhofswirtschaft in Kalkar führte; die kleine Stadt an der deutsch-holländischen machte später als Schauplatz der Atomkraft-Proteste Schlagzeilen.

Jonnys Neffe Hartmut schildert mir am Telefon seinen Onkel als umtriebigen Mann und lebenslustigen Geschichtenerzähler. Schon in den Fünfzigern baut er sich trotz seiner Nachtschichten im Stuttgarter Bahnhof ein Haus in der Nähe von Aachen. Auch zuvor hat er viel erlebt. Im Stuttgart der Dreißigerjahre arbeitet er für den Großgastronomen Emil „Schneuzle“ Neidhardt in den legendären Varietés Excelsior und Friedrichsbautheater; Jonnys Chef im Friedrichsbau ist zeitweise der große Komödiant Willy Reichert.

1936 wird der Cocktailkünstler für die Jungfernreise des Luftschiffs Hindenburg engagiert. Passagiere und Reporter aus aller Welt starten zu einem viertägigen Nonstop-Flug über Deutschland. In dem Zeppelin gibt es Duschen, eine Bar und einen Konzertflügel. Ein Jahr später endet die Fahrt der Hindenburg nach New York mit einer Tragödie: Beim Landemanöver in Lakehurst fängt sie Feuer. 14 Menschen sterben.

Hartmut Wirths hat neulich auf Youtube einen Filmbericht der US-Presseagentur AP über die Deutschland-Reise der Hindenburg im April 1936 entdeckt. Ein paar Sekunden ist darin auch Jonny zu sehen: Wie immer trägt er seine lustige Schiffchenmütze und schüttelt elegant den Cocktailbecher.

Und jetzt in die Gegenwart: Jonnys Vermächtnis aus der kleinen Bahnhofsbar lagert seit Kurzem im Stuttgarter Stadtpalais. Wie ich von der Intercityhotel-Zentrale in Frankfurt am Main erfahren habe, wurde es dem Stadtmuseum übergeben. Die stellvertretende Direktorin und Sammlungsleiterin Edith Neumann sagt mir, nach Anmeldung könnten die Autogramme besichtigt werden.

Hartmut Wirths in Hamburg weiß inzwischen Bescheid und wird demnächst nach Stuttgart kommen. Sein Onkel lebt schon lange nicht mehr. 1990 brach Jonny auf einem Spaziergang zusammen und war tot.

>> Hier das kurze Youtube-Video zum Text: JUNGFERNFAHRT DER HINDENBURG











 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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