Bauers Depeschen


Samstag, 29. Juni 2019, 2103. Depesche


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Kundgebung am heutigen Samstag

14 Uhr, im Schlossgarten auf der

Wiese zwischen Café und Schauspielhaus:

Schützt die Kultur

vor den Rechten!



Noch gibt es Karten

FLANEURSALON AM FLUSS IM HAFEN

Samstag, 6. Juli: Flaneursalon am Fluss. Das 5. Stuttgarter Hafenpicknick am Neckarufer. Hier geht's zum Vorverkauf: EIN TAG AM NECKAR — Telefon 0711/221105



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



Neue StN-Kolumne

SCHATTEN

Mein Rentnerleben hat mir etwas Zeit und Luft verschafft, zwei Dinge, die du dir als Lohnsklave nicht leisten kannst. Zuletzt konnte ich‘s mir gönnen, am helllichten Tag stundenlang im schummrigen Opernhaus herumzustiefeln, mit etwas Hang zum Dramatischen könnte ich auch sagen: herumzuklettern. Durchs Haus geführt wurde ich als Mitläufer einer kleinen Gruppe vom Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks und dem Direktor für Strategische Kommunikation Thomas Koch, zwei Männer, die Kunst hemdsärmeliger und vergnüglicher vermitteln, als ihre Titel vermuten lassen.

Irgendwann schaue ich aus schwindelerregender Höhe auf das Scheinwerfer- und Maschinenchaos, und mir wird wieder mal klar, dass dieses architektonische Monstrum nicht von Menschenhand gelenkt werden kann. Höchstens von Gottes Ingenieuren oder dem Phantom der Oper. Bühnenarbeiter bereiten gerade die Kulisse für die Vorstellung des „Mefistofele“ aus den dunklen Laboren des einst in Katalonien gegründeten Aktionstheaters La Fura dels Baus vor.

Die Diskokugel über einer Art Folterkammer glitzert, als richte der Teufel die Taschenlampe eines alten Rock-’n‘-Roll-Roadies darauf.

Wir nehmen ein historisches Haus in Augenschein, das unbedingt saniert werden muss, weil der Teufel hier nicht im Detail, sondern im Rückgrat und anderen Körperteilen dieses kulturellen Lebewesens steckt. Klar ist für unsereinen: Der grandiose Littmann-Bau muss mit allen Mitteln erhalten und weiterhin bespielt werden. Kein Neubau könnte Seele, Energie und Magie dieses Gemäuers mit seiner virtuos verflochtenen, heute bedrohlich beengten Innenwelt ersetzen.

Wir schauen in so kleine Musikerzellen, dass ich den Blues der Geknechteten zu hören glaube. Und frei heraus sagt der Intendant: Nein, es sind nicht die Arbeitsbedingungen, welche die besten Frauen und Männer an die Oper am Eckensee locken. Es ist der Geist, es sind die Könner und Motivationsgenies in allen Winkeln des Handwerks und der Kunst, die dieses Haus einzigartig machen.

Und dann schwirrt mir auf einmal das Phantom der Oper um die Ohren und flüstert mir zu, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt ist: Die Partei der Rechtsnationalisten im Landtag will mithilfe einer kleinen Anfrage erschnüffeln, welche „Staatsangehörigkeiten“ die Künstlerinnen und Künstler unserer Staatsbühnen besitzen. Solche Fragen in der Kunst, die von Haus aus so international ist wie die Welt an sich, kann nur stellen, wer von Deutschen auch fordert, deutsche Zitronen zu kaufen.

Diese AfD-Anfrage an das Kunstministerium löst große Reaktionen ausgelöst. Ein enge Blick auf das hinterhältig beschriebene Formular lenkt allerdings vom Kern des Themas ab.

Wer in der Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart die Neue Rechte im Auge hat, erkennt in der Stuttgarter Anfragenaffäre nur eines von zahlreichen Beispielen für ihren auf allen gesellschaftlichen Ebenen geführten Kulturkampf.

Die Strategie ist simpel: Mit ständigen Angriffen auf unsere internationale Kultur, mit der Verunsicherung von Künstlern und Publikum, Institutionen und Initiativen soll ein verstörendes gesellschaftliches Klima geschaffen werden, das den Boden für die Realpolitik der Rechten und ihres rechtsextremen Sumpfs bereitet.

Einer der Unterzeichnenden der AfD-Anfrage, der Abgeordnete Rainer Balzer, wird in einem Internetbeitrag seiner Partei mit Sätzen über sein deutschnationalistisches Verständnis zitiert: „Als einzige Partei“ stehe „die AfD für den Erhalt und die Pflege des gesellschaftlichen Zusammenhalts in all seiner Fragilität und die Bewahrung unserer Kunst, unserer Kultur und unserer gemeinsamen gewachsenen Werte“.

Völkisch geprägte Angriffe von rechts auf die Kultur, die zunächst harmlos erscheinen, sind nicht neu. Und wie so oft schaue ich zuerst vor die eigene Haustür. 2008 wurde in Stuttgart von einem Autorenteam eine Broschüre herausgegeben, die sich mit dem Kulturbetrieb vor der Nazi-Diktatur und mit der Vertreibung jüdischer Künstlerinnen und Künstler beschäftigt. Der Titel der Broschüre ist ein Zitat: „Sie brauchen nicht mehr zu kommen“. Erschreckend, wie schnell es den Faschisten gelang, die liberale, offene und experimentelle Kulturszene im Stuttgart der Zwanzigerjahre zu zerstören und internationale Künstler zu vertreiben. Im Oktober 1930 ruinierten im Landestheater Nazitrupps mit Zwischenrufen die Uraufführung des sozialkritischen Stücks „Schatten über Harlem“ von Ossip Dymov, einem russischen, jüdischen Autor.

Die Ausschreitungen im Theater gingen weiter, bis das rückgratlose Kulturministerium die Aufführung des Stück untersagte. Ähnliche Vorfälle hatte es auch zuvor schon gegeben. Der Protest aus bürgerlichen Kreisen, der sogenannten Mitte, blieb dennoch aus.

Der Rest ist bekannt. Die Nazis diffamierten die internationale Kunst im Land als „Sumpfkultur“. Heute verhöhnen Rechte in ihrer straßentauglichen Propagandasprache die „linksversiffte Kultur“.

Was lernen wir daraus? Es geht beim stadtpolitischen Thema „Zukunft der Oper“ um mehr als nur ein großartiges Gebäude und die sogenannte Standortfrage. Wir müssen in Stuttgart und überall die Freiheit der Kunst vor den Angriffen der Rechten schützen.





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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