Bauers Depeschen


Freitag, 14. Juni 2019, 2099. Depesche


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AKTION GEGEN IMMOBILIEN-KUNGELEI

Am Montag, 1. Juli, geht im Stuttgarter Rathaus wieder der sogenannte Immobilien-Dialog über die Bühne. Das Aktionsbündnis Recht auf Wohnen ruft an diesem Tag zum Protest gegen diese Kungelei zwischen Politik und Bauwirtschaft auf. Die Kundgebung auf dem Marktplatz beginnt um 18 Uhr mit einer kurzen Montagsdemo gegen das Immobilienprojekt Stuttgart 21, anschließend Aktionen zum Thema "Stuttgart ist unsere Stadt - nicht die der Spekulanten".



FLANEURSALON IM HAFEN

Samstag, 6. Juli: Flaneursalon am Fluss. Das 5. Stuttgarter Hafenpicknick am Nneckarufer. Hier geht's zum Vorverkauf: EIN TAG AM NECKAR — Telefon 0711/221105



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



Neue StN-Kolumne:

MADE IN PFULLINGEN

Als ich mich zu meiner Sitting-Bull-Statue an den Schreibtisch setze, regnet es draußen wie sonst nur bei Beerdigungen. „Heute ist ein guter Tag zum Sterben“, sage ich zu meinem Häuptling und beginne etwas widerwillig zu tippen. „Freu‘ dich nicht zu früh“, sagt er.

Schon vor dem großen Regen war mir klar, dass ich in meiner Kolumne um einige Gräber nicht herumkäme, auch wenn alles bei gutem Pfingstwetter in Augsburg begonnen hatte. Augsburg ist die Stadt, in der viele Schwaben leben und vermutlich noch mehr Menschen, die sich dorthin verirrt und nicht mehr herausgefunden haben. In der Stadt gibt es drei Flüsse, viel Fachwerk und Erstligafußball.

Beim Spazierengehen lese ich auf einem Gedenkschild, hier habe einst der Goldene Hirsch gestanden, in dem der Dichter, Publizist und Musiker Christian Friedrich Daniel Schubart seine „Deutsche Chronik“ zu schreiben begonnen habe. Moment, denke ich, den Mann kenne ich, der wohnt schon eine ganze Weile bei uns daheim. Seine bescheidene Bleibe findest du leicht, wenn du an der Liederhalle den Eingang zum Hoppenlaufriedhof nimmst. Die Pforte zum Park der toten Poeten.

Seine „Teutsche Chronik“ startet Schubart anno 1774. Weil dem Augsburger Magistrat, einem Vorfahren der CSU, die Texte des Dichters nicht passen, wird die Zeitschrift in der Stadt verboten und Schubart aus Augsburg verjagt. Später lockt man ihn mithilfe eines V-Manns ins württembergische Blaubeuren, wo ihn Herzog Carl Eugen verhaften und auf dem Hohenasperg einkerkern lässt. Ein Grund dafür ist auch, dass er des Herzogs Mätresse Franziska von Hohenheim verhöhnte: als „Lichtputze, die glimmt und stinkt“. Nach zehn Jahren Knast befördert ihn derselbe Carl Eugen zum Musik- und Theaterdirektor in Stuttgart, weshalb die Intendanten im Land mit Rücksicht auf die Historie heute auch unter Grün-Schwarz gewisse Freiheiten genießen.

Eine schöne Charakterisierung Schubarts lieferte 2016 Tilman Krause in seinem Hoppenlau-Aufsatz für die Zeitung „Die Welt“: „Mit dem aufmüpfigen Krawalljournalisten und maßlosen Temperamentsbolzen“ werde „ein Grundakkord schwäbischer Kreativität angeschlagen, der später auch für die schwäbische Romantik kennzeichnend werden sollte: Kratzbürstigkeit, oppositionelle Reflexe – bei gleichzeitig enger Verzahnung mit dem Establishment“. Wohin diese Verzahnung führte, wissen wir: Heute heißen unsere Herzöge Kuhn und Kretschmann, und die oppositionellen Reflexe im Land erinnern an einen toten Boxer.

Meine Augsburger Begegnung mit Schubart schildere ich, um auf meine schwere Krankheit aufmerksam zu machen. Einen pathologischen Fall, einen Fluch. Weil ich mich schon sehr lange mit Stuttgart beschäftige, kann ich hinreisen, wo ich will: Überall entdecke ich fast zwanghaft Hinweise auf das Kaff, aus dem ich komme. Ob in Augsburg oder New York, Krakau oder Königstein.

Ach so, von Königstein habe ich noch gar nicht erzählt. Neulich besuchte ich Frankfurt und fuhr, in der Aussicht auf gute Luft, mit der S-Bahn in ein Nest namens Kronberg im Taunus. Anderntags nahm ich den Bus in den Nachbarort Königstein, um eine Badeanstalt aufzusuchen. Kaum angekommen, staunte ich nicht schlecht: Der Bau sieht verblüffend ähnlich aus wie unser Leuze. Entworfen haben das 1977 eröffnete Kurbad, wie ich später feststellte, die Architekten Rudolf und Ingeborg Geier mit dem Stuttgarter Künstler Otto Herbert Hajek. Ein paar Jahre später übernahm dasselbe Trio die Neugestaltung des Mineralbads Leuze am Cannstatter Neckarufer, wo keine Verbindung zwischen Mensch und Fluss besteht. Hajeks geometrische Farbzeichen wirken heute wie Symbole der Technokratie, während irgendein Temperamentbolzen vor der Mauer zum Neckar herumliegt und gegen eine Lichtputze stänkert.

Zurück nach Augsburg, wo mich eine Schrifttafel an meine Krankheit erinnert, diesmal im Geburtshaus von Bertolt Brecht: Bevor der Vater des Dichters, Berthold Friedrich Brecht, zum Direktor der Haindlschen Papierfabrik in Augsburg aufstieg, hatte er sich auf seine Karriere in einer Papiergroßhandlung namens Binder vorbereitet – von 1890 bis 1893 in Stuttgart. Und schon nähern wir uns wieder grob meinem Leidensursprung: Brecht Senior, geboren im badischen Achern, heiratet am 15. Mai 1897 in Pfullingen die württembergische Schwäbin Sophie Brezin. Es gibt ein großes Fest im Bahnhof, wo der Brautvater als Vorsteher arbeitet. Pfullingen am Fuß der Schwäbischen Alb gehört heute zur sogenannten Metropolregion Stuttgart und verkündet voller Stolz in seiner Kleinstadtchronik: „Bertolt Brecht – made in Pfullingen“. Die örtlichen Geschichtsschreiber bestehen darauf, dass der Dichter in der Hochzeitsnacht im Bahnhof gezeugt worden sei. Ohrenzeugen gibt es nicht; vermutlich rollte im entscheidenden Moment ein Güterzug vorbei. Sicher ist: Neun Monate später, am 10. Februar 1898, kam Bertolt Brecht in Augsburg zur Welt.

Aus Augsburg zurück in Stuttgart, sehe ich im Mitteleingang unserer Bahnhofsruine wieder dieses riesige Propagandaschild mit einem Zitat von Albert Einstein. Wie so oft soll das Größenwahnprojekt Stuttgart 21 schöngeredet werden, diesmal mit einem Zitat des großen, in Ulm geborenen Denkers: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“

Zu Hause erzähle ich Sitting Bull von der Sache, er hat ja lange genug gegen die Machenschaften der Eisenbahnbosse gekämpft. Der alte weise Häuptling denkt kurz nach und nimmt einen Zug von seiner Pfeife, ehe er Einstein zitiert: „Technischer Fortschritt ist wie eine Axt in den Händen eines pathologischen Kriminellen.“

Diesem Satz ist beim Blick auf Stuttgarts Milliardengrab nichts hinzuzufügen. So wahr wie Einsteins Mutter Pauline Koch 1858 in Cannstatt geboren wurde.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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