Bauers Depeschen


Samstag, 30. März 2019, 2077. Depesche


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TERMINE

Sonntag, 31. März: Die Kabarettistin/Liedermacherin Uta Köbernick, die neulich mit ihrer Hymne auf die Demonstranten in der ZDF-"Anstalt" die S-21-Gegner rührte und begeisterte, gastiert im Renitenztheater - zusammen mit ihrem Partner Stefan Waghubinger. 19 Uhr. Es gibt noch Karten an der Abendkasse.



Samstag, 6. April: Stuttgarter Demo gegen Mietenwahnsinn und Wohnungsnot. Kundgebung 14 Uhr auf dem Schlossplatz. Mit Rednerinnen und Rednern des großen Stuttgarter Bündnisses und der Kabarettistin Christine Prayon. Musik: No Sports, Toba & Pheel. Unsereiner moderiert zusammen mit Sidar Carman.



Sonntag, 14. April, von 14 Uhr bis 17 Uhr im Jugendhaus West: 3. OFFENES FORUM GEGEN RECHTS - fünf Wochen vor den Kommunalwahlen. 3 Workshops, Dialoge, Vernetzung. Anmeldungen (nicht zwingend): offenesforum@posteo.de



Montag, 15. April, 19.30 Uhr: Buchvorstellung "5 Jahre Die Anstalt" im Württembergischen Kunstverein. Filmausschnitte aus der Satireshow des ZDF zum Thema Bahn/S 21. Lesung, Live-Musik. Karten im Vorverkauf zu 6 Euro im WKV am Schlossplatz.



VORVERKAUF FLANEURSALON WALDHEIM GAISBURG

Sonntag, 12. Mai: Flaneursalon im Waldheim Gaisburg. 19.30 Uhr. Der Vorverkauf hat begonnen, Reservierungen sind möglich per Mail: flaneursalon@waldheim-gaisburg.de - und telefonisch: 0178/5554480



FLANEURSALON IM HAFEN am Sa, 6. Juli. Vorverkauf demnächst.



1O JAHRE PROTEST GEGEN STUTTGART 21 am 8. Oktober im Theaterhaus. Ein Abend mit Max Uthoff, Christine Prayon, Timo Brunke u. a. Demnächst mehr darüber.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die StN-Kolumne:

UNTER HAIEN

Es war einer der wenigen schönen Tage im kalten März. In Zweiterfrühlingslaune brach ich zum Neckar nach Untertürkheim auf. Ich kam an der Sängerhalle vorbei, dieser legendären Spielstätte des Nachkriegs-Jazz, in der eine kurdische Gemeinde gerade ihr Neujahrsfest vorbereitete. Ich streckte meine Nase in den schönen Bühnensaal, ließ mir von den ersten Gästen ihre „Newroz“-Bräuche im März erklären und zog weiter zum Ufer.

Es gefällt mir in Untertürkheim. Man kann ohne Hindernisse ein paar Stufen zum Wasser hinuntersteigen und den Fluss riechen, das ist nur an wenigen Stellen in der Stadt möglich. Der Neckar spielt im Leben der Stadt kaum eine Rolle, weil man auf ihm nicht mit dem Auto, nicht mal mit einem Geländewagen, herumrasen und sein Auspuffrohr vorzeigen kann.

Am Ufer fiel mir die Geschichte eines notorischen Anglers ohne Anglerschein ein, der mir immer wieder versichert hatte, im Neckar lebe ein Seehund, ich schwör’s dir, Alter. Obwohl ich die Robbe in den vergangenen Jahren hartnäckiger gesucht habe als Käpt’n Ahab den Wal Moby Dick, bin ich ihr bis heute nicht begegnet. Ein paar Mal allerdings war mir, als hätte ich den Seehund vor Freude bellen gehört. Vielleicht aber verwechsele ich das mit einem meiner vielen Erlebnisse im Weltweihnachtscircus am Flussufer auf dem Wasen.

Im Urlaub bin ich auf einem Boot von Seeschützern auf dem Atlantik herumgeschippert, um Wale und Delfine aus der Nähe zu sehen. Die Bootsleute jagten die Tiere nicht, nach einer Stunde Fahrt auf offener See setzten sie den Anker, dann kamen Wale und Delfine und sprangen vor dem Kahn durch die Luft wie in einer Zirkusvorstellung. Bravo.

Leider ist mir nie ein Hai begegnet. Dennoch habe ich ein Verhältnis zu Haien, weil mich bis heute eine Fernsehserie aus meiner Kindheit an sie erinnert. Filme zu einer Zeit, als die Stuttgarter Jazzgröße Erwin Lehn in der Untertürkheimer Sängerhalle Stars wie Miles Davis und Stan Getz für den Rundfunk präsentierte.

Die TV-Serie hieß „Abenteuer unter Wasser“ und handelte von dem Helden Mike Nelson, der in ziemlich tiefen Feuchtgebieten mit Sauerstoffflasche und Taucherbrille Verbrecher jagte und es immer wieder mit gewaltigen Haien und miesen Spekulanten zu tun bekam. Er war ein Froschmann, ein Kampfschwimmer.

Höre ich heute das Wort Froschmann, denke ich nicht an Mike Nelson, ich sehe den Regierungschef Kretschmann vor mir, wie er, etwas grün im Gesicht, über seine schwarzen Aussichten als schwäbischer Froschkönig nachdenkt.

Der Hai ist bei uns nicht so beliebt wie andere Tiere, nicht wie der Goldfisch, der Schäferhund oder der Osterhase. Und früher galten die Gaststätten, die Haifisch-Bar hießen, meist als üble Kaschemmen, Sammelbecken für Haie der Großstadt und Heringe des Hinterlands.

Die Schwäbische Bauwerk GmbH hat neulich per Anwalt Stuttgarter Mieter­initiativen aufgefordert, zu unterlassen, sie „Miethai“ zu nennen. Nach meiner Erinnerung hatte man die Firma im Netz nicht als „Miethai“, sondern als „Immobilienhai“ bezeichnet. Ein Immobilienhai ist ja etwas ganz Anderes als ein Miethai, den man gegen eine Gebühr mit dem Halsband aus der Zoohandlung abholen kann, bevor man ihn nach Gebrauch zurückbringt oder im Neckar ersäuft.

Der Hai wird bei uns nicht so sympathisch dargestellt wie der Wal, der Delfin oder der Rollmops. In Steven Spielbergs Film „Der weiße Hai“ ist er ein ziemlich blutrünstiger Bursche, in Robert Possens Kinodrama „Haie der Großstadt“ fuchtelt Paul New Newman ganz schön draufgängerisch mit dem Billardstock herum, und in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ hat der Haifisch nicht nur Zähne, er trägt sie auch noch im Gesicht. Wo doch jeder weiß, dass der Hai für seine Zähne ein furchtbar großes Maul hat und zum Angeben eine Schwanzflosse, von der unsere coolen Geländewagen-Hechte nachts feucht träumen.

Beschäftigt man sich mit dem Raubfisch etwas gründlicher, bringt es rein nachhaltig eher nichts, ihm die Zähne zu ziehen. Dem Hai wachsen die Beißer sehr schnell nach. Das gilt natürlich auch für den Immobilienhai. Bei Haien spricht man von einem Revolver­gebiss, weshalb der Begriff Miethai auch für den Auftragskiller taugt. Ich denke, dass einige Hai-Gepflogenheiten auf dem Wohnungsmarkt durchaus geeignet sind, Existenzen zu zerstören. Die Schwäbische Bauwerk GmbH wiederum hatte, damit wir nichts verwechseln, verlangt, nur online ihre Existenz als Hai zu löschen.

Klagte der Berliner Milieumaler Zille einst noch, man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt, so leiden viele Menschen heute unter der Verschärfung der Verhältnisse: Sie finden nicht mal mehr eine Wohnung, die sie wie ein Beil töten könnte. Angesichts der Mietenexplosion kannst du dir als kleiner Fisch diese Todesart gar nicht mehr leisten, in diesen Hai-Tech-Zeiten. Freier Markt bedeutet frei nach den Brüdern Grimm immer nur: Das Heu muss herein! Für den Profithai. Nicht umsonst nennt man Immobiliengiganten wie Vonovia auch Haischrecken.

Kalauer mit dem Wort Hai ließen sich viele machen. Bevor ich aber die Neckarlandschaft zu meine Haimat erkläre, suche ich mein Hail in der Flucht. Bis ich es, noch vor dem Oster- und Neujahrsfest, mit vollem Magen genüsslich durch die Zähne quetsche: Hi, hier bin ich wieder, ich hab‘ dich gefressen, verdammter Mietenhai.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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