Bauers Depeschen


Freitag, 08. März 2019, 2073. Depesche


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WICHTIGE TERMINE

Samstag, 9. März, 11 Uhr, Forststraße 168: Demo gegen Verdrängung der MieterInnen durch Wohnungsmodernisierung und extreme Mieterhöhungen in der Forststraße/Stuttgart-West.



Samstag, 6. April: Große Stuttgarter Demo gegen Mietenwahnsinn und Wohnungsnot. Kundgebung 14 Uhr auf dem Schlossplatz.



Sonntag, 14. April, von 14 Uhr bis 17 Uhr im Jugendhaus West: 3. FORUM GEGEN RECHTS - fünf Wochen vor den Kommunalwahlen. 3 Workshops, Dialoge, Vernetzung. Anmeldungen (nicht zwingend): offenesforum@posteo.de



Montag, 15. April, 19.30 Uhr: Buchvorstellung "5 Jahre Die Anstalt" im Württembergischen Kunstverein. Filmausschnitte aus der Satireshow des ZDF zum Thema Bahn/S 21. Lesung, Live-Musik. Karten zu 6 Euro ab sofort im WKV am Schlossplatz.



Sonntag, 12. Mai: Flaneursalon im Waldheim Gaisburg. 19.30 Uhr.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



StN-Kolumne

WIND UND WELLEN

Am Bopser stieg ich aus der Bahn. Es stürmte und regnete heftig genug, um jeden Billigschirm schnurstracks zu zerfetzen. Dank meiner Lebenserfahrung als Frei­gänger hatte ich meinen Hugendubel nicht vergessen. Wirklich verstört reagierte ich bei diesen Turbulenzen allerdings erst, als ich auf meinem Heimweg in einer Vitrine ein Plakat mit der Aufschrift sah: „Weil Stuttgart für mich Heimat ist“. Die weißen Buchstaben des Slogans tauchten aus blauem Hintergrund auf, und aus voller Kehle begann ich zu singen: „Seemann lass das Träumen / denk nicht an zu Haus / Seemann, Wind und Wellen / rufen dich ­hinaus: / Deine Heimat ist das Meer . . .“

Mein erster Reflex, bei dem Plakat handle es sich um AfD-Propaganda, kam nicht von ungefähr. Fortwährend erzählt uns diese Partei etwas von irgendeiner Heimat, die sie scheinbar gepachtet hat. Mit Slogans wie „Unser Land, unsere Heimat“ oder „Hol dir dein Land zurück“ zog sie bei der Bundestagswahl 2017 mit 12,6 Prozent ins Par­lament ein. Ein Jahr zuvor hatte sie bei der Landtagswahl mit dem Spruch „Damit Baden-Württemberg Heimat bleibt“ 15,1 Prozent und damit mehr Stimmen als die SPD geholt. Seitdem gibt es im Landtag weit unangenehmere Krawalle als früher beim Heimaturlaub singender Seemänner auf St. Pauli.

Bei näherem Hinsehen im Schutz meines Schirms bestätigte sich der Verdacht nach rechtsnationaler Parteipropaganda nicht. Das Blau des Plakats war dunkler als die AfD-Farbe, ergänzt wurde es auch nicht durch das zusätzliche Rot der Partei, nur durch ein kräftiges Gelb. „Jetzt habe ich sie“, sagte ich zu Hugendubel, „das sind die Heimatsäcke der FDP.“ Hugendubel ­grunzte verächtlich, denn auch diese ­Annahme war falsch.

Vorsichtshalber fasste ich den Holzgriff meines Begleiters fester. Längst hat sich herumgesprochen, dass „Heimat“ ein ­gefährlicher Kampfbegriff ist. In früheren Zeiten demütigte das „Heimatrecht“ die Besitzlosen, im 19. Jahrhundert wurde die „Heimat“ literarisch romantisiert – und nach dem Ersten Weltkrieg politisch gefährlich vereinnahmt. Siehe die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis. Heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Wald-und-Wiesen-Kitsch in deutschen „Heimatfilmen“, wird ein ­regelrechter Besitzkampf um das Wort geführt – was auch nicht neu ist. Schon 1929 hatte der radikaldemokratische Dichter und Satiriker Kurt Tucholsky in seinem legendären Aufsatz „Heimat“ dazu auf­gefordert, „unser Land“ nicht den verlogenen An­sprüchen der „nationalen Esel“ zu überlassen. Und nicht erst seit der Ankunft vieler Geflüchteter 2015 und der Ernennung des weißblaublütigen CSU-Politikers Seehofer 2018 zum deutschen Heimatminister streiten Politiker aller Parteien um ihren inhaltlichen Anspruch auf Heimat und die Definition des Worts.

Vor historischem Hintergrund ist es kaum möglich, das Wort „Heimat“ auf Plakaten politisch wertfrei zu betrachten. Tatsächlich stammt der Slogan „Weil ­Stuttgart für mich Heimat ist“ aus der Kommunalwahlkampagne der Stadt­verwaltung. Da die Beteiligung bei der Wahl 2014 nur 46,6 Prozent betrug, will man bei der Abstimmung am 26. Mai mit Werbung mehr Menschen mobilisieren.

Kaum zu bestreiten ist, dass der diffuse Begriff „Heimat“ trotz Gegenwehr in linken, grünen und konservativen Lagern von Rechtsaußen in Beschlag genommen wird und entsprechend nationalistisch besetzt ist. Zwar werde ich in diesem Zusammenhang wie immer das Argument hören, nur weil Hitler auch Brot gegessen habe, sei nicht jeder Brotesser Hitler-Anhänger. Die Wahrheit aber ist, dass in den vergangenen Jahren reichlich Gedankengut und Wortschatz der Neuen Rechten in der sogenannten Mitte der Gesellschaft salonfähig geworden sind. Ebendort, wo die fremdenfeindliche Rhetorik der Rechten oft genug mit dem Hinweis übernommen wird, man sei nicht rechts, bloß weil man zufällig dasselbe denke und sage wie die Rechten.

Da darf ich mich unter meinem Hugendubel schon mal wundern, warum die Stadt mit Lokalpatriotismus zur Wahl motivieren will. Bei den Kommunalwahlen darf seine Stimme auch abgeben, wer seit drei Monaten in Stuttgart gemeldet ist und einen Pass eines EU-Staates besitzt. Die Frage nach der emotionalen Beheimatung spielt da keine Rolle. Unsere vielen türkischen Mitbürger dagegen dürfen nicht wählen – gerade so, als solle jene Fraktion belohnt werden, die ihnen bei uns jegliche Heimatgefühle abspricht.

Nun will ich mich nicht in allen Lebens­lagen dem Schriftsteller Franz Dobler anschließen, der in einer Weihnachts­geschichte geschrieben hat, Heimat sei dort, wo man sich aufhänge. Doch erkenne ich in dem Halbsatz „Weil Stuttgart für mich Heimat ist“ nichts außer Gedankenlosigkeit. Schließlich kann ich mich in Berlin, Budapest oder Baltmannsweiler genauso heimisch fühlen wie im Kessel, wo ich dank einer Verkettung glücklicher Umstände trotz Mietenwahnsinn und Wohnungsnot mein Zuhause habe. Sich über ein ordentliches Zuhause zu freuen bedeutet aber nicht, in Heimatgefühlen zu schwelgen. Und deshalb zur Kommunalwahl zu gehen.

Wenn die Stadtverwaltung und ihre Werbeagentur ausgerechnet mit dem obskuren Heimatbegriff zur Wahl aufrufen, kann das nur mit der Fehleinschätzung politischer Entwicklungen und rechter Propaganda zu tun haben. Bei dieser Art klimatischer und geistiger Turbulenzen hilft dann auch der Hugendubel nichts mehr. Da müssen wir uns anders abschirmen.







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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