Bauers Depeschen


Freitag, 01. Februar 2019, 2063. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

von heute an gibt es hier neben Terminen und Hinweisen wieder StN-Kolumnen, voraussichtlich jede Woche eine.

Auch darf man schon herumposaunen, dass der Flaneursalon in diesem Sommer wieder im Stuttgarter Hafen vor Anker geht: am Samstag, 6. Juli. Näheres, wenn das Eis gebrochen ist ...



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Neue StN-Kolumne:

REIN BANDENMÄßIG

Ist ein Bauloch erst einmal groß und alt genug, gewöhnen sich die Menschen daran wie an das Grab ihrer Ahnen. So fällt es den meisten nicht mehr auf, wie leicht sich in einem Bauloch vieles entsorgen lässt, was an der Erdoberfläche Probleme bereiten könnte. Beispielsweise schmutziges Geld, das dringend gewaschen werden muss.

Viele in der Stadt denken, Leute wie ich gingen zu Demonstrationen gegen Stuttgart 21 im Glauben, den geplanten „Tiefbahnhof“ verhindern zu können. Eine lustige Vorstellung. In Wahrheit gehe ich zu diesen Protestaktionen, um meine Nase so tief wie möglich in den Sumpf der Baulöcher zu stecken. Um Dinge über die Unterwelt zu erfahren, die ohne Protest stillschweigend versenkt würden wie eine Leiche.

Was soll ich jetzt machen, nach einer vierwöchigen Kolumnenpause. Eine Weile bin ich bei gutem Sommerwetter im Januar am Meer und in den Bergen herumgelaufen. Als ich nach Hause kam, hatten sich schon wieder so viele Dinge ereignet, dass ich nicht wusste, wo anfangen. Ich schlüpfte in ein paar Schuhe mit Lammfell in der Hoffnung, warme Füße könnten Blut in mein Hirn pumpen. Dann gehst du mit warmen Füßen herum und erwartest den ersten Funken des Frühlings, während es schneit und du ahnst: Dein längster Winter hat begonnen.

Neulich, bei der 450. Montagdemo gegen S 21 am Bahnhof, erzählte uns die deutsche Journalistin und Schriftstellerin Petra Reski in ihrer Rede eine Menge über die italienische Mafia vor unserer Haustür. Die Autorin, in Venedig zu Hause, ist seit 30 Jahren mit den Machenschaften von Herrschaften beschäftigt, die in der Realität eine etwas andere Rolle abgeben als in Filmen wie „Scarface“ und „Der Pate“.

In Deutschland, habe ich jetzt gelernt, gibt es offiziell keine Mafia. Hartnäckig spricht die Justiz von einer „bandenmäßig organisierten Struktur, die in gewerbsmäßiger Art und Weise in großem Umfang Steuern hinterzieht und den Sozialversicherungsträgern hohen Schaden zufügt“. Man spricht diskret verschlüsselt über gute Freunde. Da hilft es auch nicht, wenn Polizisten bestätigen, dass es bei uns keine Großbaustelle ohne Mafia-Profite gibt.

So muss ich davon ausgehen, dass Stuttgart 21 mit seinen 10 000 000 000 Euro Kosten so wenig eine Großbaustelle ist wie eine „bandenmäßig organisierte Struktur“ ein Mafia-Clan. In unseren Baulöchern am Bahnhof und im umgepflügten Schlossgarten wird folglich kein Gangster-Geld gewaschen, sondern nur ein niedlicher Tiefbahnhof gebaut, damit wir ein paar Minuten schneller in Ulm sind, falls der Zug mal keine Verspätung hat.

Diese Kleinstadtstation, konzipiert als achtgleisige U-Bahnhaltestelle mit Klaustrophobie-Garantie, hat zwar schon rein architektonisch eine Schieflage, dass bei eventueller Inbetriebnahme auch ohne staatsanwaltliche Ermittlungen einiges ins Rollen kommen dürfte. Mein Urteil aber zählt hier nicht, weil ich diese Woche von der Satireshow „Die Anstalt“ im Zweiten Deutschen Fernsehen manipuliert wurde.

Das virtuos komponierte S-21-Stück der Münchner Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner und ihres Stuttgarter Co-Autors Dietrich Krauß war so umwerfend lustig wie ein präzise geschlagener Leberhaken. Doch mit den Clowns kamen die Tränen – wenn ich das mal so sagen darf. Etwas trivial, der alte Simmel. Angesichts des Macht- und Machbarkeitswahn in Politik und Wirtschaft klingt er allerdings weniger abgedroschen, als wenn der Herr Landesverkehrsminister kundtut, die S-21-Demonstranten, diese alten Simpel, lebten „in der Vergangenheit“. Schließlich gebe es „ein Leben nach Stuttgart 21“. Warum sich der Minister da so sicher ist, weiß ich nicht. Er ist älter als ich, und ich bin schon Rentner.

Warum lebt jemand in der Vergangenheit, der mitten in der Mietexplosion und Wohnungsnot unserer Gegenwart gegen ein milliardenschweres Immobilienprojekt protestiert, das der Stadt die Zukunft verbaut? Inzwischen verstört es die Altersforscher, dass wir, die Mumien von gestern, auf einmal Unterstützung erhalten von Schülerinnen und Schülern. Diese jungen Menschen demonstrieren im bedrohten Heute für ein menschengerechtes Morgen. Kaum aber machen sie das, werden sie von Gestrigen wie der Jungen Union gerüffelt. Muss man verstehen: CDU-Zöglinge fahren von Geburt an mit Vollgas im Greisverkehr.

Sind wir wieder beim Thema. Kaum hatten die „Anstalt“-Komiker das angebliche Verkehrsprojekt Stuttgart 21 als brandgefährliches Grund- und Boden-Geschacher vorgeführt, reagierten viele in den sogenannten sozialen Medien völlig überrascht: Anscheinend hatte sie noch niemand so tief ins Bauloch blicken lassen wie das Kabarett. Ausgerechnet einen Tag nach der 450. Montagsdemo war diese vermeintlich abgehangene Dauerwurst S 21 wieder eine heiße Sache. Der eine oder andere hat sogar bemerkt, dass der Stuttgarter Gruselfilm gar nicht in der Vergangenheit, sondern im Hier und Jetzt spielt – und so wenig ein schnelles Ende finden wird wie die Netflix-Serie, die ihn so sehr gefangen hält, dass er das Bauloch mit seinen serienreifen Abgründen gar nicht wahrnimmt.

Unsereiner muss sich unterdessen nach seinem tiefen Fall ins Urlaubsloch erst mal wieder warmlaufen in der Stadt und langsam lernen, die Welt aus der Rentnerperspektive zu betrachten. Womöglich gibt es für ihn kein Leben nach Stuttgart 21. Gewiss aber eines für die Mafia.





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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