Bauers Depeschen


Dienstag, 29. Januar 2019, 2061. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20190129

 



HEUTE, Dienstag, wieder "Die Anstalt" im ZDF anschauen (22.15 Uhr). Thema: Bahn, Stuttgart 21 etc.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



REDE bei der 450. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 am 28. 1. 2019 vor dem Hauptbahnhof:



Schönen guten Abend, verehrte Stuttgarter Protestgesellschaft,

herzlich willkommen auch die Freunde der italienischen Oper.

Das Jahr hat noch nicht richtig angefangen, da stehen wir schon wieder zusammen vor unserer Bahnhofsruine. Unsere Nummer 450 allerdings ist nicht irgendein Jubiläum – die 450. Montagsdemo ist vielmehr der Beweis, dass es Menschen gibt in dieser Stadt, die niemals aufgeben. Sie kommen 450 Mal, sie kommen 4500 Mal – und wenn es sein muss, fangen wir wieder von vorne an.

Neulich hat mich ein Bekannter via Facebook gefragt, ob wir eigentlich noch glauben, den Bahnhof verhindern zu können. Oder ob wir nur noch aus Gewohnheit demonstrierten. Die Antwort darauf kann nur lauten: Hättest du nur fünf unserer 450 Kundgebungen besucht, wüsstest du, dass es bei Stuttgart 21 nie nur um einen Bahnhof ging. Dieser Tiefbahnhof ist ein Propaganda-Vehikel zur Vertuschung von Milliardengeschäften mit Immobilien. Ein Bauloch-Monster zur Demonstration von Macht, erfunden von Machos, die heute ihren unterirdischen Bullshit mit dem Spruch bewerben: „Untenrum ist immer geil.“ Bei diesem Dorfdeppen-Marketing kann man sich vorstellen, was bei diesen Herrschaften obenrum so los ist: Würde sagen, voll schlaff im Hirn.

Seit jeher aber müssen wir uns die Phrase anhören, wir seien die Ewiggestrigen. Erst kürzlich hat unser junger Herr Landesverkehrsminister verlautbart, wir, die Gegnerinnen und Gegner der Stadtzerstörung, würden in der Vergangenheit leben. Ich weiß nicht, wie viel Feinstaub man geschluckt haben muss, um auf diesen Satz zu kommen. Meine Damen und Herren: Zum Glück gibt es nach wie vor Menschen in dieser Stadt, die sich unermüdlich gegen das Immobilien-Geschacher der Gegenwart zur Wehr setzen. Und wenn dieselben Menschen fortwährend darüber aufklären, wie Politiker und Geschäftemacher versuchen, uns die Zukunft zu verbauen und zu vermüllen – dann leben diese Menschen nicht in der Vergangenheit. Sie verteidigen vielmehr mit feinem Gespür für die Gefahren unserer Zeit demokratische Rechte – solange es die noch gibt.

Wie Stuttgart 21 den Ruf unserer bedeutenden Weltstadt in die unbedeutende Restwelt hinausträgt, zeigt folgendes lustige Beispiel: In Berlin firmiert zurzeit der Bau einer Nord-Süd-Trasse für die S-Bahn offiziell unter dem schönen Namen S 21. Weil aber das Kürzel S21 so betörend klangvoll durch die Republik schwebt, spricht die Berliner Bahn inzwischen nur noch von der „City-S-Bahn“. Mit der Bezeichnung S 21 kannst du das Publikum höchstens noch in Comedy-Klitschen begeistern.

Wir S-21-Gegner dagegen haben auf einmal sehr jungen Nachwuchs im Geiste. Nämlich aufgeweckte Schülerinnen und Schüler, die heute an morgen denken. Mit Blick auf ihre Zukunft protestieren sie gegen den Wachstumswahnsinn und den Rassismus der Gegenwart. Und jetzt erleben wir, wie diese jungen Leute mit ihrem Bewusstsein für die Bedrohung ihrer Umwelt und ihrer Existenz von Konservativen, Reaktionären und Neoliberalen mit derselben Arroganz behandelt werden wie die Generationen vor ihnen.

Ein Beispiel. Zwei Mitglieder der Stuttgarter Jungen Union sagten neulich laut StZ: „Mit Schulschwänzen den Klimawandel zu bekämpfen ist in etwa so sinnvoll, wie mit dem Staubsauger durch die Sahara zu laufen.“ – Dieser Vergleich, meine Damen und Herren, ist in etwa so strunzdumm, wie mit der Stirnlampe die Unterbelichtung solcher CDU-Zöglinge zu bekämpfen.

Ich schätze mal, dass die Aktiven der Fridays-for-Future-Bewegung“ rein geistig niemals so greisenhaft werden, wie es die schwarzen Frischlinge schon heute sind.

Die Junge Union fordert sogar, die demonstrierenden Schülerinnen und Schüler mit der Eintragung von Fehlzeiten in ihren Zeugnissen zu bestrafen. Mit diesem Rohrstock im Hirn zeigen solche Konservative, dass sie generell nichts von der Meinungs- und Versammlungsfreiheit halten. Und dieses Denken ist fatal in einer Zeit, da uns die Vergangenheit durch den immer stärkeren Rechtsruck einholt.

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter: Im Lauf der Jahre mit 450 Montagsdemos gegen die Abriss- und Absahnpolitik für Stuttgart 21 haben sich uns noch andere politische Untiefen aufgetan. Und die solidarischen Aktionen haben vielen von uns die Augen geöffnet für die Wichtigkeit demokratischer Bewegungen und Bündnisse. Wir haben gelernt, Zusammenhänge zu sehen: Mietenwahnsinn und Wohnungsnot beherrschen unsere Stadt, während ein schwachsinniges Immobiliengroßprojekt durchgeprügelt wird. Und selbstverständlich befördert die skandalöse Wohnsituation – diese Verletzung unseres Rechts auf Stadt – das Sündenbock-Denken. Und damit die Anfälligkeit der Unzufriedenen für die Propaganda der Völkischen und Nazis.

Wir als demokratische Bewegung haben deshalb die Pflicht, etwas zu tun. Dies gilt auch für den anstehenden Kommunalwahlkampf.

Das politische Engagement schärft unsere Sinne für die gesellschaftlichen Verhältnisse – die nebenbei auch den Humor erzeugen, den wir dringend brauchen. Eine typische Stuttgarter Luftnummer war es doch neulich, einen noch gar nicht vorhandenen Ort über einem noch gar nicht existierenden Tiefbahnhof Manfred-Rommel-Platz zu taufen. Überhaupt sind die Versuche, dem ehemaligen OB und S-21-Befürworter Denkmäler zu setzen, ausgesprochen komisch.

Nicht nur, dass im Schwäbischen der Begriff Rommelplatz sehr schnell Sehnsüchte nach Bierzelt, Achterbahn und Schießbude weckt. Zuvor schon hat man einem Flugplatz auf den Fildern den Namen Rommel verpasst. Niemand aber wird diesen Provinzflughafen ohne Bahnanschluss je so nennen. So bleibt es weiterhin Manfreds Vater, dem Generalfeldmarschall Erwin, vorbehalten, den Mythos Rommel in dieser Stadt zu pflegen. Bis heute gibt es auf dem Hallschlag eine Erwin-Rommel-Straße. Dort steht, in Zeiten der Wohnungsnot, ein unbewohntes ehemaliges Offizierskasino. Und auf einer Tafel werden dort nach wie vor gut sichtbar Rommels Afrikafeldzüge im Zweiten Weltkrieg gerühmt. Die blutigen Schlachten von Tunis, El Alamein und Tobruk.

Ich erzähle Ihnen das, weil führende Köpfe in Politik und Wirtschaft bei uns pausenlos von Fortschritt und Zukunft faseln, während in der Gegenwart die braunen Geister der Vergangenheit präsent sind.

Und was den sogenannten Fortschritt betrifft, noch so viel: Angesichts unserer fröhlichen Stimmung an der Stuttgart-21-Front halte ich folgende Zukunftsvision für realisierbar: Noch ehe die erste Lokomotive in das Bahnhofsloch unseres Kessels rollen wird, reite ich auf einem E-Bike zum Mond. – Und um die Erinnerungen an den Alptraum S 21 aus der Welt zu schaffen, wird Stuttgart bis dahin umgetauft sein. Unsere Weltstadt in der Grube heißt dann für alle Zeiten Rommelhausen.

Vielen Dank – und auf der Straße bleiben!

(Joe Bauer)

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

Archiv 

25.05.2019

20.05.2019

18.05.2019
17.05.2019

16.05.2019

15.05.2019
10.05.2019

08.05.2019

03.05.2019
23.04.2019

19.04.2019

20.04.2019
13.04.2019

08.04.2019

06.04.2019
03.04.2019

30.03.2019

23.03.2019
15.03.2019

12.03.2019

08.03.2019
04.03.2019

01.03.2019


Depeschen 2041 - 2070

Depeschen 2011 - 2040

Depeschen 1981 - 2010

Depeschen 1951 - 1980

Depeschen 1921 - 1950

Depeschen 1891 - 1920

Depeschen 1861 - 1890

Depeschen 1831 - 1860

Depeschen 1801 - 1830

Depeschen 1771 - 1800

Depeschen 1741 - 1770

Depeschen 1711 - 1740

Depeschen 1681 - 1710

Depeschen 1651 - 1680

Depeschen 1621 - 1650

Depeschen 1591 - 1620

Depeschen 1561 - 1590

Depeschen 1531 - 1560

Depeschen 1501 - 1530

Depeschen 1471 - 1500

Depeschen 1441 - 1470

Depeschen 1411 - 1440

Depeschen 1381 - 1410

Depeschen 1351 - 1380

Depeschen 1321 - 1350

Depeschen 1291 - 1320

Depeschen 1261 - 1290

Depeschen 1231 - 1260

Depeschen 1201 - 1230

Depeschen 1171 - 1200

Depeschen 1141 - 1170

Depeschen 1111 - 1140

Depeschen 1081 - 1110

Depeschen 1051 - 1080

Depeschen 1021 - 1050

Depeschen 991 - 1020

Depeschen 961 - 990

Depeschen 931 - 960

Depeschen 901 - 930

Depeschen 871 - 900

Depeschen 841 - 870

Depeschen 811 - 840

Depeschen 781 - 810

Depeschen 751 - 780

Depeschen 721 - 750

Depeschen 691 - 720

Depeschen 661 - 690

Depeschen 631 - 660

Depeschen 601 - 630

Depeschen 571 - 600

Depeschen 541 - 570

Depeschen 511 - 540

Depeschen 481 - 510

Depeschen 451 - 480

Depeschen 421 - 450

Depeschen 391 - 420

Depeschen 361 - 390

Depeschen 331 - 360

Depeschen 301 - 330

Depeschen 271 - 300

Depeschen 241 - 270

Depeschen 211 - 240

Depeschen 181 - 210

Depeschen 151 - 180

Depeschen 121 - 150

Depeschen 91 - 120

Depeschen 61 - 90

Depeschen 31 - 60

Depeschen 1 - 30




© 2007-2019 AD1 media ·