Bauers Depeschen


Samstag, 22. Dezember 2018, 2049. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

für den Flaneursalon am Sonntag, 30. Dezember, im Bix Jazzclub muss ich eine Besetzungsänderung vornehmen: Eric Gauthier hat kurzfristig abgesagt, weil er aus familiären Gründen dringend in seine Heimat Kanada reisen muss. Für ihn spielt jetzt Loisach Marci - das alpine Folk-Feuerwerk mit Marcel Engler und Erics Gitarrist Jens-Peter-Abele. Außerdem dabei: die amerikanische Sängerin Eva Leticia Padilla und ihr Gitarrist Stefan Brixel sowie der Freestyle-Rapper Toba Borke und der Beatboxer Pheel. Es gibt noch Karten für sogenannte Stehplättze - für die Stühle (ohne Tische) bereit stehen: BIX JAZZCLUB



BÜCHER ZU WEIHNACHTEN

Signierte Exemplare meines neuen Buchs gibt es vor Weihnachten auf vielfachen Wunsch im Stiefelladen Boots by Boots an der Ecke Gerber-/Christophstraße - und eine Handvoll auch bei Ratzer Records in der Hauptstätter Str. 154 am Marienplatz. Nicht mit meinem Gekritzel entwertete Bücher erhält man in Buchhandlungen, solange es die noch gibt. Geht hinaus in den feuchten Staub von Stuttgart und holt euch die Dinger.



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



StN-Kolumne:

ROMMELHAUSEN

Ich irre herum. Morgens in der Dunkelheit im Regen, nachmittags bei blauem Himmel unter tief stehender Sonne, abends im glanzvollen Schein der Marketingleuchten.

Auf dem Schlossplatz gerät der hilflose Passant zwischen die Gruselbauten der Aktion „Glanzlichter“. Die City-Managerin sagt, „der Trend“ gehe dahin, „dass Städte sich inszenieren müssen“. Vermutlich steht das so im Abc-Schützenhandbuch der Reklamebranche. Beim etwas genaueren Blick auf wirkliche Städte fiele womöglich auf, dass Städte sich inszenieren, seit es sie gibt: mit Häusern und Straßen, Plätzen und Parks. Eine Rolle spielen dabei die bei uns eher unwichtigen Dinge wie Architektur, Stadtplanung und das Verhältnis der Menschen zu ihrem Fluss.

Laut Stuttgart-Marketing GmbH hat man bei uns zur Weihnachtszeit „acht faszinierende Lichtskulpturen“ aufgestellt, „die mit Zigtausenden LED-Lampen verkleidet sind und die touristischen Highlights der Stadt präsentieren“. Alles in allem „ein winterliches Highlight für Stuttgart“, eine „spektakuläre Lichtershow“ – zu jeder Stunde ergänzt durch eine „besinnliche Lichtshow“. Das alles ist Trend – und der Text dazu auf der Webseite der Marketing GmbH so daneben, dass er jeden Satiriker arbeitslos macht. Wir lernen: Mit Edison kam das elektrische Licht auch zu uns.

Überwältigend die Folgen der faszinierenden Highlight-Nummer: Vor lauter Lichtern siehst du den Glanz nicht mehr. Alles wirkt sehr tragisch: wie ein GAU im örtlichen Elektrizitätswerk. Erheiternd dennoch die Vorstellung, dass sich ein Klitschenregisseur an der städtischen Bühnenbeleuchtung zur Eskalation des weihnachtlichen Konsumwahns versucht hat. Absolut passend, dass mitten in diesem LED-Orgasmus nach wie vor die blutroten Buchstaben der Ausstellung im Kunstmuseum leuchten: „Ekstase“. Unsere Super-City voll unter Strom, der Standort voll aufgewertet.

Angesichts des Lichtgewitters passt es wie bestellt, wenn einige Herrschaften im benachbarten Landtag vollends ausflippen. Nachdem zwei rechte Leuchten neulich von der Polizei aus dem Parlament geführt worden sind, weil sie die Anweisungen der Landtagspräsidentin ignoriert hatten, will einer der beiden, das Abgeordneten-Glanzlicht Räpple, Verfassungsklage einreichen. Ein nachvollziehbar Schritt: Jedes Lebewesen in Räpples Verfassung hätte Grund zum Klagen.

Voller Angst, auch meine Sicherungen könnten durchbrennen, verlasse ich zügig unsere spektakulär-besinnliche Lichtershow-Zone und stiefle zum Hospitalplatz. Das Hospitalviertel ist eine neuere, durchaus respektable städtebauliche Inszenierung in der Stadt. In einer Ecke des Platzes stehen hölzerne Sitz- und Liegegelegenheiten. In die Rückenlehnen dieser Möbel hat man das Wort „Bank-Geheimnis“­gemeißelt. Ein Wortspiel, das nicht nur Schwarzgeldjongleure erotisiert. Jeder Mensch, der mal jung war, kennt die­ Geheimnisse seiner Lieblingsbank. Und erinnert sich, wie sie ihm mangels eines überdachten Zufluchtsorts im Geschlechterringen erregende Minuten, Stunden und Nächte ermöglicht hat. Entsprechend hat die Evangelische Gesellschaft (Eva) auf kleinen Metallschildern an den hölzernen Notunterkünften die Botschaft hinterlassen: „Nicht nur eine Bank, auch ein Herz hat Geheimnisse.“

Wenn du auf solch einer Bank in der Dezemberkälte sitzt und den Leuten hinterherschaust, die in den nahen Lokalen gleich Ochsenfleisch und Eselwurst verzehren werden, kannst du die Weihnachtsgeschichte endlich nachvollziehen. Es ist eine Geschichte aus der Holzklasse der Menschheit.

Eines der großen Lichter aus der obersten Liga unserer Stadthistorie schaut unterdessen von vielen Litfaßsäulen – so allmächtig, dass ich vermute: Zum 60. Jahrestag der kubanischen Revolution in diesem Dezember wird um Fidel Castro in Havanna weniger Personenkult betrieben als um Manfred Rommel zu seinem 90. Geburtstag am 24. Dezember in Stuttgart. Beide ruhen, vermutlich, in Frieden. Die vielen Plakate mit Rommels Konterfei weisen auf die – unerhebliche – Ausstellung im Stadtpalais hin. Lang zuvor hat eine hiesige Delegation in Frankreich um Gnade gebeten, weil das Phantomgelände auf dem fiktiven Dach des vor Jahrzehnten geplanten Tiefbahnhofs von Stuttgart 21 jetzt nicht mehr Straßburger Platz, sondern zu Ehren des früheren OB Manfred-Rommel-Platz heißen soll. Wie der Rommelflugplatz auf den Fildern.

Ich schlage vor, schon mal vorsorglich eine Rathaus-Gesandtschaft nach Limeshain im Wetteraukreis in Hessen zu entsenden. Mit dem größten Ortsteil dieser Gemeinde wäre dringend ein Glanzlichter-Geschäft zu regeln. Wenn nämlich der neue Bahnhof nie eröffnet und es deshalb keinen Rommelplatz geben wird, könnte man den S-21-Befürworter mit einer Namensänderung ehren. Besagter Limeshainer Ortsteil, 2700 Einwohner groß, hätte bei Zahlung von etwas Bakschisch aus der S-21-Kasse sicher nichts gegen eine kleine Hilfeleistung zur Umbenennung unserer kompletten Baugrubengemeinde einzuwenden. Das Kaff in Hessen heißt Rommelhausen – und dürfte künftig den bei uns unbrauchbar gewordenen Namen Stuttgart 21 führen. Stuttgart wiederum strahlt endlich in gebührendem Glanz – und heißt dann Rommelhausen.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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